Was freiberufliche Advanced Practice Nurses leisten
Eine steigende Versorgungskomplexität, der Ausbau ambulanter Angebote sowie hohe Qualitätsansprüche schaffen ein Umfeld, in dem freiberufliche, spezialisierte Advanced Practice Nurses an Bedeutung gewinnen. In diesem Artikel geben drei freiberufliche APN aus unterschiedlichen Versorgungsbereichen exemplarisch Einblick in ihre Tätigkeit.
Advanced Practice Nurses (APN) sind in der Schweizer Gesundheitsversorgung längst Realität. Ihre Tätigkeitsfelder bewegen sich auf einem Kontinuum, das zwei erweiterte Rollen umfasst: die «Clinical Nurse Specialist»-Rolle (CNS) und die «Nurse Practitioner»-Rolle (NP). Beide basieren auf einer Masterausbildung und erweiterten klinischen Kompetenzen, setzen jedoch unterschiedliche Akzente. Die CNS-Rolle fokussiert auf vertiefte klinische Expertise, Beratung, Praxisentwicklung und die Befähigung von Teams; die NP-Rolle umfasst die klinische Einschätzung der Patientinnen und Patienten, die Mitgestaltung der Behandlungsplanung und die Begleitung bei komplexen Krankheitsbildern. Freiberufliche APN bewegen sich je nach Aufgabenfeld zwischen diesen beiden Polen und nutzen die Schwerpunkte, die für die jeweilige Versorgungssituation erforderlich sind.
Ein unzureichend geregeltes Umfeld
Zunehmend entscheiden sich APN für eine freiberufliche Tätigkeit. Während für freiberuflich tätige Pflegefachpersonen in der Schweiz gesetzliche Grundlagen bestehen, fehlen für APN bis heute spezifische Regelungen, klare Leistungsbeschreibungen, passende Tarifstrukturen und eine systematische Anerkennung als eigenständige Fachrolle. Freiberufliche APN bewegen sich dadurch in einem dynamischen, aber noch unzureichend geregelten Umfeld.
In diesem Artikel geben drei freiberufliche APN exemplarisch Einblick in ihre Tätigkeit: in die pädiatrische Pflegeexpertise für Familien und Fachpersonen, in die Pflegeexpertise in der Übergangsphase bei geriatrischen Patientinnen und Patienten sowie in die mandatsbasierte Zusammenarbeit mit Pflegeheimen. Das Ziel dieses Artikels ist, die freiberufliche APN-Tätigkeit sichtbar zu machen, ihren Mehrwert aufzuzeigen und Berufskolleginnen sowie Berufskollegen zu ermutigen, neue Wege zu gehen.
Gefragt in komplexen Situationen
Die Arbeit als freiberufliche APN zeigt sich in unterschiedlichen Versorgungsbereichen und Kontexten. Gemeinsam verbindet die vertiefte klinische Expertise, die pflegefachliche Führung, Beratung sowie interprofessionelle Zusammenarbeit. Besonders gefragt ist die Rolle dort, wo komplexe Versorgungssituationen bestehen, Übergänge koordiniert werden müssen oder Entwicklung in Organisationen angestrebt wird.
Die pädiatrische Pflegeexpertise für Familien und Fachpersonen
Familien und Fachpersonen stehen zunehmend vor anspruchsvollen Versorgungssituationen, insbesondere an den Übergängen vom stationären Setting in den häuslichen Alltag. Gerade in diesen sensiblen Phasen braucht es eine fundierte Einschätzung und strukturierte Begleitung, um die Versorgung nachhaltig zu stabilisieren.
Wie dies in der Praxis aussehen kann, zeigt folgendes Beispiel: Bei einer werdenden Mutter wurde aufgrund ihrer Vorgeschichte sowie des Risikos einer Frühgeburt ein erhöhter pflegerischer Unterstützungsbedarf in der prä- und postpartalen Phase festgestellt. Für den Übergang vom stationären Setting in die häusliche Versorgung wurde Begleitung im Bereich der Somatik und Pädiatrie gesucht. Eine APN im pädiatrischen Bereich kann eine vertiefte klinische Einschätzung vornehmen, Risiken für die Mutter und das Kind strukturiert analysieren und die interprofessionelle Zusammenarbeit gezielt koordinieren.
Pflegeexpertise bei Spitalaustritten älterer Menschen
Auch in der postakuten Versorgung wird dieser Mehrwert sichtbar, insbesondere an den Übergängen zwischen Spital, Pflegeheim, Spitex, Hausärzteschaft und dem häuslichen Umfeld. In einem Pilotprojekt in der Gemeinde Meilen ZH begleitet die APN ältere, multimorbide Menschen nach einem Spitalaustritt, wenn die Versorgung zu Hause neu organisiert und stabilisiert werden muss.
Sie wird bereits während des Spitalaufenthalts einbezogen, klärt den Unterstützungsbedarf, erkennt klinische, funktionelle und soziale Risiken und plant gemeinsam mit den beteiligten Fachpersonen die weitere Versorgung. Nach der Rückkehr ins häusliche Umfeld begleitet sie die älteren Menschen während mehreren Wochen und koordiniert Spitex, den Hausarzt oder die Hausärztin, Angehörige und weitere Beteiligte. Als institutionsunabhängige Fachperson kann die Advanced Practice Nurse Versorgungslücken überbrücken, Prozesse steuern und die interprofessionelle Zusammenarbeit stabilisieren.
Die mandatsbasierte Zusammenarbeit mit Pflegeheimen
Die APN arbeitet hier eng mit den Leitungen Pflege, Fachverantwortlichen und Teams zusammen und setzt dort an, wo im Alltag konkrete Fragestellungen entstehen. Etwa bei Unsicherheiten in klinischen Entscheidungen, wiederkehrenden Qualitätsproblemen oder dem Bedarf, Abläufe und Wissensmanagement zu schärfen.
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, Entwicklungen so umzusetzen, dass sie praxisnah bleiben und keinen zusätzlichen Aufwand erzeugen, zum Beispiel bei der alltagsnahen Implementierung von Pflege- und Qualitätsstandards sowie der Unterstützung in komplexen Versorgungssituationen. Dabei können etwa strukturierte Fallbesprechungen helfen.
Der Mehrwert zeigt sich darin, dass Prozesse und Verantwortlichkeiten klarer werden. Die externe Perspektive macht Entwicklungspotenziale sichtbar, und dank kleinen Pensen können auch kleinere Pflegeheime von dieser Expertise profitieren.
Eine Rolle, die in Zukunft noch wichtiger wird
Diese drei Beispiele zeigen, dass freiberufliche Advanced Practice Nurses Fachpersonen, Klientinnen und Klienten, Patientinnen und Patienten sowie Angehörige in verschiedenen Bereichen dabei unterstützen, eigene Antworten zu entwickeln und Ressourcen sichtbar zu machen.
Ein Thema, das freiberufliche APN immer wieder begleitet, ist der Wunsch nach zeitnahem Fortschritt. Die Erfahrung zeigt, dass Entwicklungsprozesse ihre eigene Dynamik haben. Jede Organisation bringt eine Geschichte, Kultur und Struktur mit, die berücksichtigt werden müssen. APN erkennen Potenziale früh und begleiten gleichzeitig Schritt für Schritt.
Die freiberufliche APN-Rolle wird in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Dies aufgrund einer steigenden Versorgungskomplexität, des Ausbaus ambulanter Angebote und hoher Qualitätsansprüche. Parallel entsteht ein wachsendes professionelles Netzwerk freiberuflicher APN, das Wissen bündelt, Qualität stärkt und neue Versorgungsmodelle mitgestaltet.
APN sind dabei kein Ersatz für Hausärztinnen und Hausärzte, sondern vielmehr eine eigenständige Berufsgruppe, die pflegerische Expertise, medizinisches Wissen, Beratungskompetenz und systemisches Denken verbindet.
Tanja Lemp ist Pflegeexpertin APN-CH und Geschäftsführerin QualiCare Kids; Anna Tschopp ist freischaffende Pflegeexpertin APN-CH; Natascha Nielen ist Pflegeexpertin APN-CH sowie Coach & Geschäftsführerin InnoCare Project.
Fachpersonen langfristig halten
Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 6/2026