Virtuelle Tore als Türöffner
In Fislisbach trifft man sich zum Gamen im Jugendtreff. Wo aufheulende «MarioKart» Motoren und laute «GOOOALS» zur Geräuschkulisse gehören, entstehen – unauffälliger – auch Gemeinschaft, Vertrauen und vielseitige Lernmomente.
Das Thermometer klettert an diesem Freitagnachmittag auf über 35 Grad. Im Wettstreit Badi versus Jugendtreff steht es 1:0. Und doch lehnt ein Kickboard am Eingang. Eine Handvoll Jugendlicher hat sich bei der «JUFIBA», der Anlaufstelle der Jugendarbeit Fislisbach, eingefunden. Die Jungs und Mädchen tummeln sich auf den weichen Sofas, flüstern und kichern, besprechen den Sieg der Schweizer Nati im gestrigen WMSpiel. Zwei von ihnen schiessen selbst gerade Tore. Allerdings nicht unter der erbarmungslosen Sonne, sondern am PC: Gamen ist hier explizit erlaubt.
Nicht ohne Spielregeln
Simon Staudenmann, Leiter der Anlaufstelle, nimmt die Journalistin in Empfang. Bei der kurzen Tour durch die Räumlichkeiten fallen mehrere Bildschirme auf, Laptops und PCs, zudem eine Konsole samt Leinwand. Gut sichtbar hängt auch ein Plakat an der Wand: die ausgedruckten Regeln für alle, die ins digitale Spiel eintauchen wollen. Sie sind kurz und knackig, aber wichtig. «Wir spielen miteinander statt alleine, wir wechseln uns ab, wir schiessen nicht aufeinander», fasst Simon zusammen, «und natürlich halten wir uns an die im Jugendschutzgesetz verankerte PEGI.» Die «PanEuropean Game Information» ist eine Altersempfehlung für Spiele, die sich danach richtet, ob zum Beispiel Gewaltdarstellungen vorkommen. Ja, manchmal sei die Durchsetzung schwierig, gibt der Jugendarbeiter zu. Es gibt klare, rote Linien – «‹Fortnite› läuft hier nicht», aber auch immer wieder Diskussionen, gerade wenn neue Kids dazustossen. Ein aktuelles Beispiel ist die OnlinePlattform Roblox, ein vermeintlich harmloser virtueller Spielplatz, der aufgrund von InGameKäufen, offenen ChatFunktionen und problematischen Inhalten immer stärker in der Kritik steht.
Gamen schafft Raum für Gespräche
Staudenmann weiss, wovon er redet. Er ist von der IT zur Sozialen Arbeit gekommen und selbst ein passionierter Gamer. Den Jugendlichen gefällt’s, «sie können mit mir reden. Beim Gamen schlüpfst du in andere Rollen und kannst jemand ganz anderes sein. Das hat mich schon früh fasziniert», erzählt er. Der 49Jährige ist Mitbegründer einer Community mit weit über hundert Personen inner und ausserhalb der Landesgrenzen. Mit ihnen spielt er seit zig Jahren regelmässig, früher oft an lokalen Events, heute meistens online.
Die soziale Komponente steht für ihn im Vordergrund: «Gamen ist, jedenfalls so, wie hier gespielt wird, sehr partizipativ.» Simon Staudenmann will mit Vorurteilen gegenüber Videospielen aufräumen. Als Experte und Mitgründer von «Gameinfo» berät er Eltern, Fach und Lehrpersonen. «Mir ist lieber, dass die Kids hier in der Gruppe gamen, statt allein durch TikTok zu scrollen», sagt er bestimmt. Im Treff bringt das gemeinsame Spielen ihn näher an die Lebenswelt der Jugendlichen und schafft einen ungezwungenen Rahmen zum Reden: «Wenn wir bei der Revanche angekommen sind, kann ich das Gespräch gut auf persönlichere Themen lenken.»
Verlieren und UNO gehören dazu
Inzwischen sind im öffentlichen Diskurs viele positive Aspekte von Videospielen anerkannt. Mit Sorgfalt und altersgerecht gewählt, eröffnen sie den Kindern und Jugendlichen buchstäblich neue Welten – Orte zum Experimentieren und Spasshaben, um sich in Strategie zu üben und das Wissen zu erweitern. Sie können das WirGefühl stärken und beim Knüpfen sozialer Kontakte helfen. Die Kinder üben zudem, mit Sieg und Niederlage umzugehen. Im Jugendtreff Fislisbach treffen 12 bis 22Jährige aufeinander; so werden die Karten regelmässig neu gemischt. Will heissen: Auch der Sechstklässler, der auf dem Pausenhof am lautesten ist, muss beim «Mario Kart» mal einstecken.
Oft sind die Gamefreudigen zahlreicher als die verfügbaren Tastaturen, Bildschirme und Controller. Abwechseln und Aushandeln sind Pflicht. Doch selbst das scheint kein echtes Problem zu sein. Simon Stauden mann deutet auf den grossen Tisch neben der Spiel konsole. «Wir bieten immer Alternativen an – dann starten wir hier etwa ein ‹Imposter› oder ‹UNO›. Ganz klassisch, analog», sagt er schmunzelnd. Es dauert nicht lange, bis die Kinder auch hier voll bei der Sache sind. Zwar gehe es etwas gemächlicher zu als bei digitalen Games; die Ausschüttung von Dopamin werde durch analoge Spiele nicht im gleichen Mass stimuliert. Und trotzdem behaupten sich die Erfolgsrezepte von früher – «UNO» hat über fünfzig Jahre auf dem Buckel – erstaunlich gut gegen ihre pixelbasierte Konkurrenz.
«Wir trainieren fürs FC-Turnier»
Heute bleibt es ruhig im Treff; wer gamen will, hat freie Fahrt. Einer, der das sichtlich geniesst, ist der 15jährige Mako. Er hat sich an einem Computer eingerichtet, sein Kollege Niki setzt sich mit einem Laptop dazu. Mako kommt meist zweimal pro Woche vorbei. «Aber manchmal gehe ich in die Badi», sagt er. Er spiele lieber hier mit Freunden als zuhause – «dann können wir nachher zusammen rausgehen». Im Schnelldurchlauf zeigt er einige seiner Lieblingsspiele: «GeoGuessr», «Minecraft» und «Rocket League». In einem landet man irgendwo auf dem Globus und muss seinen Standort erraten, in einem anderen baut man sich aus Würfeln eigene Welten, im dritten wird mit Autos Fussball gespielt (warum auch nicht?).
Makos unangefochtene Nummer eins ist die FCReihe von EA Sports, die früher unter dem Dach der FIFA lief. Er hat immer gern Fussball geschaut, auch gespielt, jetzt findet er die FCGames cooler. Dass er der Beste in Fislisbach sei, solle die Journalistin doch bitte schreiben, und dass er – ab der zweiten Runde – trotzdem auch mal andere ein Tor schiessen lasse («da mit sie nicht gleich aufgeben»). Mako lacht lauthals.
«Ich kann einfach gut provozieren», lässt er verschmitzt verlauten. Und doch steckt hinter Spass und Spielerei auch echter Ehrgeiz: «Wir trainieren fürs FCTurnier», bekräftigt Niki. Er meint den jährlichen eSportEvent, den die Jugendarbeitsstellen der Region organisieren, mitsamt Qualifikationsturnieren und einem Finale in Ba den. Die nächste Durchführung findet im Frühling 2027 statt. Den Jungs bleibt also genügend Zeit, sich im Dribbeln, Angreifen und Verteidigen zu üben. Da dürfte ab und an auch noch ein Sprung ins kühle Nass drinliegen.