Vom Pionierstudium zum Projekt ihres Lebens
Vor zehn Jahren gehörte Leona Klopfenstein zum ersten Jahrgang des neuen Studiums Gemeindeanimation HF. Heute ist sie Fachverantwortliche Animation von Jungwacht Blauring Schweiz. Nachdem sie einen Anlass der Superlative mit 10 000 Kindern gemanagt hat, wartet nun ihr persönliches Grossprojekt.
Wenn Leona Klopfenstein vom «Jublasurium» erzählt, werden die Erinnerungen an Pfingsten 2025 sofort wieder lebendig: das riesige Lagergelände in Wettingen und die über 10000 Kinder, Jugendlichen und Leitenden, die mit Sack und Pack zum nationalen Pfingstlager strömen. In diesem Moment liegen über vier Jahre Arbeit hinter der Gemeindeanimatorin HF, die den Grossanlass als nationale Projektleiterin gemeinsam mit einem 110köpfigen OK zum Fliegen brachte.
Raum schaffen
Es ist das grösste Projekt ihres Berufslebens. Und vielleicht auch die eindrücklichste Bestätigung dessen, was sie vor zehn Jahren im ersten Studiengang der Höheren Fachschule für Gemeindeanimation hfg gelernt hat: das fachliche Handwerk, um Projekte zu planen, Abklärungen zu treffen, Schritte zu ordnen, Sitzungen zu gestalten oder Ergebnisse auszuwerten. «Noch wichtiger war aber, dass ich im Studium eine gemeindeanimatorische Haltung entwickeln konnte», sagt Leona Klopfenstein und präzisiert: «Gemeindeanimation bedeutet, Menschen zusammenzubringen und sie darin zu unterstützen, ihre Ideen zu verwirklichen. Nicht ich setze um, sondern ich schaffe den Raum dafür.»
Persönlich gefordert
Ein Zufall führte die heute 35jährige Aarauerin zum hfgStudium nach Luzern. Die ausgebildete Fachfrau Betreuung (FaBe) Kinder spürte schon bald, dass sie sich beruflich weiterentwickeln wollte. Sie schnupperte im Setting Heim, fühlte sich aber in der Betreuungsarbeit nicht am richtigen Ort, arbeitete bei einer Gewerkschaft, im Campaigning der SP Aargau und unterstützte die Juso Schweiz in einem Wahlkampf. Ein Besuch bei der Berufsberatung liess sie eher unbefriedigt zurück – jedoch mit einer Broschüre über das neue HFStudium Gemeindeanimation in den Händen. «Zum Glück habe ich die Infos doch genauer studiert und realisiert: Das ist genau das, was ich suche.»
Sie stieg als eine der ersten Studierenden in den neuen Studiengang ein. Ein Pionierkurs. War das spürbar? «Ja» sagt Leona Klopfenstein ohne Zögern und schmunzelt. «Die Ausbildung steckte in den Kinder schuhen, der Informationsfluss war teilweise noch etwas holprig, und manchmal gab es Unsicherheiten, welche Anforderungen wir erfüllen mussten.» Andererseits empfand sie den Pioniergeist und das Feuer der Dozierenden als motivierend. «Es war spürbar, dass sie uns so viel wie möglich für unseren Berufsweg mit geben wollte.» Wofür sie zudem dankbar ist: «Bei der hfg wird man als Mensch wahrgenommen und individuell gefördert. Das hat mich fachlich und persönlich weitergebracht.» Sie erlebte ihr Studium als stärkend, aber auch als herausfordernd. «Manchmal wünschte ich mir, in einem Vorlesungssaal zu sitzen und einfach zuzuhören», sagt die Gemeindeanimatorin rückblickend mit einem Augenzwinkern.
Brückenbauerin sein
Was sie an der hfg gelernt hat, begleitet sie bis heute. Seit viereinhalb Jahren arbeitet Leona Klopfenstein bei der Jubla Schweiz – mit 30000 Kindern der zweitgrösste Kinder und Jugendverband des Landes. Als Fachverantwortliche Animation begleitet sie Fachgruppen, leitet Strategieprozesse und nationale Projekte. Obwohl Leona Klopfenstein einen grossen Erfahrungs und Wissensrucksack hatte, brachte sie das Grossprojekt «Jublasurium» auch mal an die Grenze. «Es gibt kein Lehrbuch darüber, wie man mit einem 110köpfigen OK einen Grossanlass für 10000 Kinder organisiert.» Am Anfang hatte sie den Anspruch, auf jede Frage eine Antwort zu wissen. Doch je länger der Prozess dauerte, desto mehr fand sie ihre Rolle: Sie musste nicht Expertin für Infrastruktur, Bühnenbau oder Werbung sein. Ihre Aufgabe bestand vielmehr darin, dafür zu sorgen, dass die Zusammenarbeit funktionierte, dass Ehrenamtliche sich engagieren konnten, ohne auszubrennen, dass Konflikte erkannt und gelöst wurden. Sie schaltete sich ein, wenn es sie brauchte, und nahm sich zurück, damit andere fliegen konnten.
Stärkende Frauenbande
Dass Leona Klopfenstein sich gut in die JublaWelt hineindenken kann, hat auch mit ihrer eigenen Kindheit zu tun. Sie stammt zwar aus einer PfadiFamilie, entschied sich aber nach einer schwierigen Situation in einem Lager gemeinsam mit vielen anderen Mädchen für den Blauring. «Wir wechselten vom Haus ins Zeltlager, machten Bauten und hielten durch, selbst wenn es mal schneite.» Obwohl die Trennung von Jungen und Mädchengruppen bei der Jubla ein viel diskutiertes Thema sei und Leona Klopfenstein sich der Risiken und Chancen bewusst ist: «Für mich persönlich war es prägend und stärkend, zu erleben, was wir Frauen alleine schaffen können. Es war eine Lebensschule.»
Neues Leben
Noch wenige Tage, dann beginnt für die 35Jährige ein neues Kapitel in ihrem Leben. Sie und ihr Mann erwarten ihr erstes Kind. Vorübergehend verabschiedet sich Leona Klopfenstein in den Mutterschaftsurlaub. Und auch ihr Engagement als SPEinwohnerrätin in Aarau legt sie für einige Monate auf Eis und lässt sich vertreten. «Nach Abschluss des ‹Jublasurium›Projekts bin ich bereit für den nächsten Grossevent: ein Kind statt 10 000», sagt sie lachend. Tatsächlich hat sie die Familienplanung aufgrund des JublaGrossanlasses sogar etwas zurückgestellt. «Aber dieses Projekt kurz vor Abschluss abzugeben, wäre wirklich schwer gewesen. Das war mehr als ein Job!»
Umso mehr freut sie sich auf die neue Lebensphase. «Und darauf, unser Kind irgendwann in die Jubla zu schicken», nimmt sie den Faden zu ihrer Arbeit wieder auf. Denn die Jubla biete etwas, das eine Familie allein nicht herstellen könne: das Eintauchen in eine andere Welt, Tage draussen, weg von den Eltern, Grenzen austesten, über sich hinauswachsen, Freundschaften schliessen, später vielleicht selbst Leitungsperson werden und an den Aufgaben wachsen. Oder wie es die Gemeindeanimation formulieren würde: einen Raum, in dem Menschen entdecken können, was in ihnen steckt.