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Magazin ARTISET

FRAUENDOMÄNE | Frauen in der Führung

Salomé Zimmermann

Frauen sind als Mitarbeiterinnen in der Gesundheits- und ­Sozialbranche in der Mehrheit. Immer mehr widerspiegelt sich dieses Verhältnis auch in der Chefetage. Drei Institutionsleiterinnen reflektieren ihre Funktion und erzählen von ihren Erfahrungen und Erkenntnissen.

Eine Frau sitzt vor einem kleinen Team und spricht.
Zunehmend sind Frauen auch in der Chefetage der Gesundheitsund Sozialbranche tätig.

Wie fühlt es sich an, zu führen? Welche Motivation steckt dahinter? Führen Frauen anders? Und was kann für den weiblichen Führungsnachwuchs getan werden? Drei Frauen mit unterschiedlichen Ausbildungen und unterschiedlichem Hintergrund berichten von ihren Erfahrungen und Beobachtungen. Zwei davon, Nisha Andres und Ines Manser, arbeiten als Co-Gesamtleiterinnen der «Sonnegg» in Belp in der Nähe von Bern. Diese Institution begleitet junge Frauen, die sich in schwierigen psychosozialen Situationen befinden, und bietet ihnen einen sicheren Ort mit den drei internen Angeboten Wohnen, Therapie und ­Schule an. Die dritte Führungsfrau, Nadja Rohner, leitet die Betagtenzentren Emmen AG im Kanton Luzern mit einem vielfältigen stationären und ambulanten Angebot an zwei Standorten.

Selbstbewusstsein und Offenheit von der Herkunftsfamilie

«Die Co-Leitung ist eine Win-win-Situation für uns», sagen Ines Manser (59) und Nisha Andres (45), «wir tragen so Sorge zu unserer Gesundheit und haben eine Ansprechpartnerin auf Augenhöhe.» Das Leitungsduo ist seit fast zwei Jahren zusammen unterwegs, die Doppelleitung wurde aber bereits vor vier Jahren von der damaligen Gesamtleiterin eingeführt. Die jungen Frauen zwischen 14 und 18 Jahren, die in der Sonnegg leben, werden hauptsächlich von weiblichen Mitarbeitenden betreut und begleitet, rund ein Viertel der Angestellten sind Männer. Gerade für junge Frauen im Prozess der «Frauwerdung» seien weibliche Gegenüber sowie ein Umfeld, in dem das Frauenbild uneingeschränkt in seiner gesamten Vielfalt gelebt werden kann, sehr wichtig, wie die beiden Gesamtleiterinnen betonen.

Ines Manser arbeitete bereits nach ihrem Abschluss als Psychologin an ihrer ersten Stelle in einer Leitungsfunktion. «Ich habe mir das zugetraut, denn ich stamme aus einer Herkunftsfamilie, wo es einfach selbstverständlich dazugehörte, Verantwortung zu übernehmen. Mein Umfeld hat mir vermittelt, dass ich alles erreichen kann, was ich erreichen möchte», erläutert Manser. Entsprechend hat sie bereits als Klassensprecherin in der Schule und später im Arbeitsleben unter anderem in der Leitung einer Privatschule oder als leitende Psychologin in einer kantonalen Institution gewirkt. Nisha Andres ist ausgebildete Sozialpädagogin und stammt aus einem Elternhaus, das in verschiedener Hinsicht sehr offen war – beispielsweise hat sie ihren Vater viel kochen gesehen, was damals in der Baubranche, in der er arbeitete, nicht üblich war. Sie war in verschiedenen Funktionen sowohl in der Sozial- wie in der Gesundheitsbranche tätig. Beide Frauen sind sich einig, dass es auf ihrem Weg immer Vorgesetzte und andere Personen gab, die Potenzial in ihnen sahen und sie forderten und förderten – unabhängig vom Geschlecht. «Ich habe von meinen Chefinnen und Chefs immer viel gelernt, weil sie Verhaltensweisen hatten, die ich mir auch aneignen, und solche, die ich vermeiden wollte», führt Andres aus. Sie habe sich an diesen Vorbildern orientiert, um ihre eigene Führungsweise zu finden.

Entweder-Oder von klassischen Rollenbildern

Nadja Rohrer (45) ist CEO der Betagtenzentren AG (BZE AG), das mit 300 Plätzen und 480 Mitarbeitenden die zweitgrösste Altersinstitution im Kanton Luzern ist. Sie hatte im Alter von 24 Jahren bereits eine Führungsfunktion im heutigen Unternehmen inne und hat seither Schritt um Schritt mehr Verantwortung übernommen bis zu ihrer jetzigen Position, die sie seit acht Jahren ausübt. Auch sie stammt aus einem Elternhaus, in dem Verantwortung selbstverständlich gelebt wurde. Ihre Familie führte ein Hotel, und schwierige Situationen wurden zusammen angegangen – das hat Nadja Rohrer auf die Teamarbeit, die in der Führung ja sehr wesentlich ist, vorbereitet. In die Gesundheitsbranche ist sie eher zufällig reingerutscht, denn ursprünglich absolvierte sie nach einer kaufmännischen Ausbildung im Spital die Hotelfachschule Luzern. Nadja Rohrer betont einerseits die Bedeutung von Netzwerken, die sie immer schon und immer noch intensiv pflegt, und andererseits die Freude an der Arbeit: «Ich arbeite viel und gerne.» Dieses grosse Engagement heben alle drei Frauen hervor. Auch nach der Geburt von Kindern bei Ines Manser und Nisha Anders verringerte sich diese Leidenschaft nicht. «Wir wollten uns aber auch Zeit nehmen für die Kinder», sagen beide. Vor diesem Hintergrund sei eine Co-Leitung und überhaupt die grosse Flexibilität in den Gesundheits- und Sozialberufen ideal. Nadja Rohrer erwähnt, dass viele Angestellte bei der BZE AG Teilzeit arbeiten – nicht immer aus familiären Gründen, sondern auch, weil sie vielfältige Interessen, intensive Hobbys oder andere Aufgaben neben dem Beruf verfolgen. «Die etablierte Teilzeitarbeit im Gesundheits- und Sozialbereich ist sicher ein Grund, weshalb die Branche für viele Frauen attraktiv ist – neben der Tatsache, dass Care-Arbeit traditionell den Frauen zugeschrieben wird», so Nadja Rohrer. Auch Nisha Anders meint, dass «wir uns in unserem Bereich mit der grossen Achtsamkeit dem Gegenüber und der Selbstverständlichkeit von reduzierten Pensen sicher auch in einer Bubble bewegen.» Sie ist überzeugt, dass starre Meinungen und vorgefestigte Strukturen der Gesellschaft und innerhalb von Firmen es schwieriger für Frauen, aber auch für Männer machen. «Hinderlich erscheint mir vor allem das Entweder-Oder von klassischen Rollenbildern, ich plädiere für das Sowohl-als-auch, damit alle Geschlechter raus aus dem Schubladendenken kommen», fügt Ines Manser hinzu. Nadja Rohrer beobachtet diese Rollenbilder auch, so sieht sie etwa bei Frauen häufig grössere und völlig unberechtigte Selbstzweifel. Sie plädiert folglich dafür, dass Frauen sich mehr zutrauen und sich besser vermarkten. Neben den erwähnten wichtigen Netzwerken sieht sie eine gute (Selbst-)Organisation, das Mentoring und das Vorbild von erfahrenen Führungsfrauen sowie klare Absprachen mit Partner und Familie als wesentlich an, um in Leitungspositionen vorzustossen und zu bleiben.

Partizipativer und hierarchischer Führungsstil

Gibt es Unterschiede in der Führungskultur, wenn Frauen am Ruder sind? Ines Manser unterscheidet zwischen dem stärker partizipativen und dem stärker hierarchischen Führungsstil. Diese unterschiedlichen Führungsweisen sind ihrer Meinung nach jedoch nicht zwingend ans Geschlecht gebunden – Nisha Anders hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Nadja Rohrer beobachtet hingegen durchaus Unterschiede: Sie sieht bei Frauen häufig einen etwas kooperativeren und beziehungsorientierteren Führungsstil, während Männer häufig entscheidungsorientierter und kompetitiver leiten – «also eine ideale Mischung für ein Team». «Ich habe immer zuerst geleistet und dann meine Forderungen gestellt – mit diesem Vorgehen bin ich gut gefahren und fühlte mich immer gehört und ernst genommen, auch von den Männern», sagt Nadja Rohner. Bei jungen Mitarbeitenden beobachtet sie die Tendenz, dass diese Verantwortung übernehmen wollen, aber nur bis zu einem gewissen Grad, da die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben einen hohen Stellenwert einnimmt – dieser Wunsch sei jedoch unabhängig vom Geschlecht. Ines Manser erzählt, dass die Sonnegg ihre Mitarbeiterinnen bewusst zu Weiterbildungen ermutigt – auf allen Ebenen. Beispielsweise unterstützen die Co-Leiterinnen eine Köchin, ein Berufszertifikat zu erwerben, oder ermöglichen bei Eignung intern auch Quereinsteigerinnen eine berufliche Weiterentwicklung. Wenn es möglich und sinnvoll ist, werden Co-Stellenbesetzungen auf allen Ebenen inklusive Leitung umgesetzt. «Wir haben ja auch eine Vorbildfunktion für unsere Mitarbeiterinnen und die jungen Frauen, die wir begleiten», ergänzt Nisha Anders. In Altersinstitutionen sind Männer gern gesehene Mitarbeitende, da gewisse Aufgaben viel Kraft verlangen und sich die mehrheitlich weiblichen Bewohnerinnen über männliche Präsenz freuen, wie Nadja Rohrer ausführt. Sie glaubt, dass es wichtig ist, die Sinnhaftigkeit der sozialen Berufe für Männer bereits im jungen Alter noch besser aufzuzeigen – ebenso wie auch die verschiedenen attraktiven Karriere-Möglichkeiten und die grosse Flexibilität, die vorhanden ist. Sie findet es jedenfalls erfreulich, dass die Ausbildungszahlen im Bereich FAGE und FABE steigen. Die Branche muss ihre Attraktivität jedoch weiter steigern, um nach wie vor interessant zu bleiben in Zeiten von Fachkräftemangel und stark steigendem Bedarf. Nadja Rohrer sieht insbesondere auch die Personen in der Leitung gefordert, denn sie beobachtet, dass die Erwartungen jüngerer Mitarbeitender ans Team und an die Führung zunehmen.

Da Nadja Rohrer Präsidentin von CURAVIVA Luzern ist, hat sie einen Überblick über die Entwicklungen im Kanton Luzern. Sie stellt fest, dass mittlerweile die Führungsequipen mehrheitlich weiblich sind – bei der BZE AG setzt sich die Geschäftsleitung beispielsweise aus drei Frauen und einem Mann zusammen. «In der Heimbranche hat sich das erst in den letzten 10 bis 15 Jahren extrem verändert, vorher war das nicht so», sagt sie. Diese Entwicklung wurde ihrer Meinung nach auch gefördert durch die häufige Vorgabe von Gemeinden und strategischen Gremien, dass ihre Institutionen auch in der oberen Führungsebene geschlechtergemischt sein sollen.

Mehr Mitbestimmung

Die Bewohnenden der Altersinstitutionen sind mehrheitlich über 85-jährig und gehören noch zur Generation, in der vor allem Frauen ihre Bedürfnisse stark zurückgestellt haben und stärker auf die Allgemeinheit fokussierten. Bald folgen jedoch Generationen, denen Mitbestimmung und Selbstverwirklichung wichtiger ist – daraus werden sich Veränderungen für die Institutionen ergeben, meint Nadja Rohrer. Nisha Andres und Ines Manser glauben, dass eine veränderte Arbeitsorganisation und mehr Partizipation der Mitarbeitenden grosse Themen der nächsten Jahre sein werden. Nadja Rohrer erwähnt in diesem Zusammenhang, dass es viel Organisationsgeschick von Leitungspersonen braucht, beispielsweise 200 Stellenprozente auf 5 Personen aufzuteilen. «Wenn es gelingt, ist das Potenzial gross, denn so denken fünf statt zwei Köpfe mit», so Rohrer. Dies bedingt aber mehr Selbstorganisation aller Beteiligten, was nicht allen gleich leichtfalle.

Braucht es noch mehr gesellschaftliche Anerkennung? Da ist Nadja Rohrer gespalten, denn es gebe ja keine andere Berufsgruppe, die eine Pflegeinitiative erreicht habe. Zudem weiss sie etwa aus der Gastronomie, dass es da keine Wochenendzulagen gibt wie in der Pflege. Sie plädiert dafür, die positiven Seiten der Branche im Blick zu behalten: die vielen schönen Begegnungen, die grosse Sinnhaftigkeit sowie die Dankbarkeit und das positive Feedback. Nisha Andres und Ines Manser wünschen sich eine Welt, in der sich Menschen geschlechtsunabhängig frei entfalten können, in der sie sichere Bindungen erfahren und geschützt aufwachsen ­können.

Pflegen und betreuen – eine Frauendomäne

Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 4-5/2026

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