FRAUENDOMÄNE | «Wir brauchen mehr Zeit und Geld für die Care-Arbeit»
Es sind vor allem Frauen, die in Care-Berufen arbeiten und einen grossen Teil der unbezahlten Care-Arbeit zu Hause leisten. Soziologin und Geschlechterforscherin Sarah Schilliger vom Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung (IZFG) der Uni Bern erläutert zentrale Aspekte von Care-Arbeit und engagiert sich für eine bessere ökonomische Anerkennung. Dies gelinge nur, wenn der hohe gesellschaftliche Wert von Care-Arbeit breit anerkannt werde.
Frau Schilliger, Sie beschäftigen sich als Wissenschaftlerin mit Care-Arbeit – was verstehen Sie darunter?
Ich gehe von einem breiten Care-Begriff aus. Dazu zählen alle Tätigkeiten, die notwendig sind, damit Menschen gut leben können: die Sorge um sich selbst, um andere, aber auch um die Natur, denn nur in einer intakten Umwelt können wir gut leben. Care umfasst Haushaltsarbeiten wie Kochen, Waschen und Putzen ebenso wie die Pflege, Betreuung und emotionale Arbeit. Care-Arbeit beginnt vor der Geburt und begleitet uns bis zum Tod.
Gerade aufgrund eines solch breiten Care-Begriffs ist es nicht ganz einfach, bezahlte von unbezahlter Care-Arbeit abzugrenzen.
Welche Tätigkeiten bezahlt werden und welche nicht, ist nicht naturgegeben, sondern gesellschaftlich und politisch ausgehandelt. Gewisse Arbeiten, die früher unbezahlt waren, sind heute bezahlt, zum Beispiel die professionelle Pflege. Umgekehrt werden bezahlte Tätigkeiten auch wieder zurück ins Private geschoben, in den häuslichen und damit unbezahlten Bereich. Als Folge der Fallkostenpauschalen werden Menschen nach einer Operation beispielsweise schneller nach Hause geschickt, wo sich neben der Spitex oft weibliche Angehörige um sie kümmern.
Am Beginn Ihrer Care-Forschung steht Ihre Doktorarbeit zu Migrantinnen in der Hauspflege. Welches waren Ihre zentralen Erkenntnisse?
Wir sprechen heute von Live-in-Betreuung, da die Migrantinnen im Haushalt der Menschen leben. Mich hat neben den Arbeits- und Lebensbedingungen dieser meist osteuropäischen Frauen auch interessiert, weshalb ein wachsendes Bedürfnis nach migrantischen Arbeitskräften besteht. Zum einen hat dies mit Veränderungen in der professionellen Pflege zu tun: Die Pflegenden haben aufgrund von Rationalisierungen immer weniger Zeit für die Menschen. Zum anderen übernehmen Frauen aufgrund einer höheren Erwerbstätigkeit nicht mehr so viel und so selbstverständlich unbezahlte Care-Arbeit für ihre Eltern und Schwiegereltern. Wenn Angehörige weniger Zeit haben und professionelle Pflege unter Druck steht, wird diese Lücke in Haushalten mit genügend finanziellen Mitteln zunehmend über migrantische Arbeitskräfte geschlossen.
Zeit respektive Zeit haben ist ein wichtiger Faktor der Care-Arbeit.
Care-Arbeit folgt einer eigenen Zeitlogik. Pflege- und Betreuungsarbeit lässt sich nicht einfach von neun Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags erledigen, wie das bei der industriellen Produktion der Fall ist. Die Struktur der Care-Arbeit folgt körperlichen und emotionale Bedürfnissen. Care-Arbeit lässt sich deshalb auch nur bedingt rationalisieren. Man kann immer schneller Autos bei gleicher Qualität produzieren und dabei Produktionskosten senken, aber man kann nicht immer schneller pflegen oder Kinder aufziehen, ohne Qualitätseinbussen in Kauf zu nehmen.
Anders als die Produktion von Industriegütern lässt sich Care-Arbeit auch nicht einfach in Billiglohnländer auslagern.
Im Altersbereich gibt es vereinzelte Beispiele von Auslagerungen, denken wir zum Beispiel an Demenzheime in Thailand, die damit werben, dass thailändische Pflegende besonders einfühlsam und gleichzeitig bezahlbar umsorgen würden. Solche Institutionen im Ausland sind aber die Ausnahme. Wir lagern die Care-Arbeit vor allem dadurch aus, dass wir Arbeitskräfte aus dem Ausland importieren, gerade im Pflegebereich, teilweise zu prekären Bedingungen.
Ob bezahlt oder unbezahlt, Care-Arbeit wird zu einem grossen Teil von Frauen geleistet, immer noch. Ihre Erklärung?
Care-Arbeit ist historisch eng mit Vorstellungen von Weiblichkeit verbunden. Mit der Industrialisierung und der Trennung von häuslicher und ausserhäuslicher Arbeit wurden Frauen stark auf den privaten Bereich und damit auf Sorgearbeit verwiesen. Das Häusliche und die Care-Arbeit galten damit lange als «weibliche» Aufgaben. Das Ideal der Hausfrau verankerte diese Rolle über Jahrzehnte im gesellschaftlichen Bewusstsein. Bis heute gilt Arbeit im Privaten häufig als Arbeit aus Liebe und wird als Gratisressource angeschaut, die Frauen selbstverständlich zu leisten haben.
Im Zuge der Professionalisierung von Care-Arbeit und der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen kam es aber dann doch zu einer Veränderung dieses Bildes.
Care-Arbeit wird heute zunehmend als bezahlte Dienstleistung organisiert. Trotzdem bleibt die grundlegende Schieflage bestehen: In den gängigen Wirtschaftstheorien zählt vor allem das, was als produktiv gilt – also Arbeit, die sich in Geld messen lässt. Das prägt auch die politische Wahrnehmung: Was für das Funktionieren der Gesellschaft unverzichtbar ist, erscheint ökonomisch oft als zweitrangig. Die Pflege zeigt das deutlich: Sie ist hochprofessionell, wird aber weiterhin häufig vor allem als Kostenfaktor behandelt.
Neben der bezahlten Care-Arbeit übernehmen Frauen heute auch immer noch einen grossen Teil der unbezahlten Care-Arbeit.
Obwohl Frauen heute deutlich mehr Erwerbsarbeit leisten als früher, hat sich in der Aufteilung der Haus- und Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern keine entsprechende Neuverteilung ergeben. Aktuelle Zahlen zeigen zwar graduelle Veränderungen: Männer beteiligen sich heute stärker an einzelnen Aufgaben wie Einkaufen, Kochen oder Kinderbetreuung. Trotzdem leisten Frauen weiterhin den überwiegenden Teil der Haus- und Familienarbeit. Bei heterosexuellen Paarhaushalten mit Kindern unter 7 Jahren übernehmen Frauen durchschnittlich 63,1 Stunden Haus- und Familienarbeit pro Woche, Männer 39,8 Stunden.
Indem Frauen einen grossen Teil der unbezahlten Care-Arbeit übernehmen, erleben sie ökonomische Nachteile.
Ja, neben der Zeitknappheit und Erschöpfung, mit der Frauen häufig konfrontiert sind, wenn sie Erwerbsarbeit und Care-Arbeit unter einen Hut kriegen müssen, wirkt sich das auch direkt auf ihr Einkommen und ihre soziale Absicherung aus. Frauen leisten zwar eine Arbeit, die für das Wohlergehen ihrer Familien und für den Wohlstand der gesamten Gesellschaft unverzichtbar ist, werden dafür aber ökonomisch klar benachteiligt. Besonders frappierend ist, dass viele Frauen, die ein Leben lang gesorgt haben, im Alter nicht ausreichend abgesichert sind und ein erhöhtes Risiko für Altersarmut tragen.
Sie fordern also eine ökonomische Anerkennung der Care-Arbeit?
Ja, im Kern geht es um die alte feministische Forderung nach einem Lohn für Hausarbeit. Dazu würde ich heute auch eine deutlich ausgebaute Elternzeit zählen und die Anerkennung der unbezahlten Care-Arbeit in der Altersvorsorge. Während in der AHV die Care-Arbeit mittels Betreuungs- und Erziehungsgutschriften immerhin bis zu einem gewissen Grad berücksichtigt wird, bleibt dies in der beruflichen Vorsorge völlig aussen vor, was zu einem riesigen Gender-Pension-Gap führt. Darüber hinaus braucht es einen grundlegenden Ausbau der öffentlichen Care-Infrastruktur.
Denken Sie hier an die familienergänzende Kinderbetreuung?
Um zu überwinden, dass Care-Arbeit weiterhin ins Private gedrängt und an prekäre, häufig migrantische Care-Arbeiterinnen ausgelagert wird, braucht es eine öffentliche Infrastruktur, die über Kitas hinausgeht. Meine Vision von einer Gesellschaft mit einer geschlechtergerechteren Verteilung von Care-Arbeit setzt auf der lokalen Ebene an: bei einer sorgenden Stadt oder Gemeinde, denn Sorgebeziehungen sind grösstenteils im sozialen Nahraum verortet. Zentral sind Quartiere, die konsequent entlang den Sorgebedürfnissen ihrer Bewohnenden geplant und ausgestattet werden.
Können Sie eine solche sorgende Gemeinschaft näher erläutern?
Im Kern geht es darum, kollektive Formen des Füreinander-Sorgens zu fördern. Öffentliche Angebote sollen stärker im Wohnumfeld angesiedelt sein und damit in die Haushalte «hineinreichen». Das müssen nicht zwingend staatlich getragene Institutionen sein. Inspirierend finde ich die Idee von Sorgezentren in Quartieren – Räume, in denen professionelle Angebote und nachbarschaftliche Unterstützung zusammenfliessen. Zum Beispiel Tagespflege mit Unterstützungsangeboten für pflegende Angehörige, gemeinschaftliche Kinderbetreuung, Sozialberatung aller Art, Lernangebote, Cafés und Mittagstische. Orte, wo Menschen sich treffen können und an denen auch für jene gesorgt wird, die tagein, tagaus Sorgearbeit leisten.
Kennen Sie entsprechende Beispiele in der Schweiz?
In der Schweiz gibt es vor allem auf Siedlungs- und Quartierebene ansatzweise solche Bestrebungen. In Lateinamerika und auch in Spanien gibt es sorgende Städte, wo solche Sorgestrukturen in die Stadtplanung integriert werden; ein eindrückliches Beispiel ist Barcelona.
Was macht Barcelona zu einer sorgenden Stadt?
In Barcelona wurde in einem kollektiven Prozess ab 2015 ein «Massnahmenpaket für die Demokratisierung von Sorge» entwickelt, das 68 Einzelmassnahmen enthält, die sowohl bezahlte wie unbezahlte Sorgearbeit betreffen. Besonders stark ist daran, dass das Wissen aus der Praxis in die Planung eingeflossen ist. So hat die Stadtregierung sogenannte Care-Superblöcke eingeführt, um die häusliche Pflege über öffentliche ambulante Dienste neu zu organisieren. Stabile Teams von Fachkräften betreuen dabei Pflegebedürftige innerhalb eines «Superblocks» – einer überschaubaren Nachbarschaft, in der alles in fünf Minuten erreichbar ist. Zudem wurden gemeinwirtschaftliche und selbstorganisierte Projekte gezielt unterstützt – logistisch und finanziell –, etwa Mehrgenerationenhäuser.
Welche Effekte erhoffen Sie sich durch eine solche Einbettung der Care-Arbeit?
Solche sorgenden Gemeinschaften können die Care-Arbeit attraktiver machen. Für die Pflegenden verkürzt es Wege und bringt mehr Autonomie, Pflegebedürftigen bietet es eine stabile Bezugsgruppe – und beide finden mehr Genugtuung in vertieften Pflegebeziehungen. Durch die Einbettung in ein soziales System kann Sorge der Isolation und Unsichtbarkeit des Privaten entfliehen. Und mit der Sichtbarkeit und der öffentlichen Unterstützung steigt die Anerkennung. Sorgende Gemeinschaften sind dabei auch ein Mittel gegen die Privatisierung der Care-Arbeit auf dem Markt: Wer es sich leisten kann, holt sich ja heute alle möglichen Dienstleistungen ins Haus, vom Putzdienst über die private Spitex bis hin zur Care-Migrantin. Damit ist dann aber auch wieder eine Abwertung derer verbunden, die diese Arbeiten unter meist sehr prekären Bedingungen machen.
Kommen wir wieder auf die professionelle Care-Arbeit zu sprechen: Wie beurteilen Sie hier die aktuelle Situation?
Die Professionalisierung von Care-Arbeit hat nicht automatisch zu besseren Arbeitsbedingungen und einem höheren Status geführt. Dies hat vor allem mit dem Spardiktat zu tun und dem Versuch, auf Teufel komm raus zeitsparende Arbeitsprozesse durchzusetzen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn der Spitex-Fachperson vorgeschrieben wird, wie viel Zeit sie für den Verbandswechsel aufbringen darf. Wenn in Spitälern die Verweildauer nach operativen Eingriffen immer weiter gekürzt wird oder wenn in Kitas Betreuungsschlüssel gesenkt werden. Dem Pflegenotstand wird bloss mit ein paar kosmetischen Mitteln begegnet. Statt die Bedingungen zu verbessern, werden Pflegende aus dem Ausland rekrutiert.
Sehen Sie das nicht allzu einseitig? Mit der Umsetzung der Pflegeinitiative werden jetzt neben Investitionen in die Ausbildung auch die Arbeitsbedingungen verbessert.
Als Folge der Corona-Pandemie erleben wir durchaus ein wachsendes Interesse der Öffentlichkeit für die Situation im Care-Sektor. Es wurde deutlich, dass Pflege und Betreuung nicht nur ein Kostenfaktor sind, sondern ein zentrales Element der Gesundheitsversorgung und damit systemrelevant ist. Die deutliche Zustimmung zur Pflegeinitiative setzte das Thema auf die politische Agenda. Mit den Investitionen in die Ausbildung lassen sich Fortschritte bei der Zahl der Pflegeabschlüsse erzielen. Das nützt aber nicht viel, wenn Pflegende sich zunehmend überlastet fühlen und den Beruf schon bald wieder verlassen. Es braucht eine echte Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Und hier sehe ich zurzeit leider keine allzu grossen Bemühungen, jedenfalls nicht vonseiten der Politik.
Was ist vonseiten der Politik und der Gesellschaft zu tun?
Vorausschicken möchte ich: Auch die Betriebe selbst tragen natürlich eine Verantwortung, für gute Bedingungen zu sorgen; sie verfügen dabei aber nur über einen gewissen Spielraum. Entscheidend sind strukturelle Veränderungen: Wir brauchen mehr Zeit und Geld für die Care-Arbeit, im Pflege- und im Sozialbereich. Das heisst bessere Löhne, aber ganz besonders auch Bedingungen, unter denen gute Sorgearbeit überhaupt möglich ist. Dazu müssen von politischer Seite endlich die care-ökonomischen Bedingungen berücksichtigt werden. Denn Tätigkeiten an und mit Menschen lassen sich eben nicht einfach schneller, effizienter und damit billiger verrichten.
Mehr öffentliche Geld für die Care-Arbeit – eine Forderung, die es in der Schweiz schwer haben dürfte, umgesetzt zu werden.
Dass mehr öffentliche Mittel für Care-Arbeit «nicht realistisch» seien, ist eine politische Entscheidung. Die Schweiz gehört zu den OECD-Ländern mit dem höchsten Anteil an privaten Pflege- und Betreuungsausgaben, während nordische Länder den Grossteil solidarisch finanzieren. Im gegenwärtigen Schweizer Care-System werden die Kosten abgewälzt – nicht nur auf Pflegebedürftige, sondern auch auf meist weibliche Angehörige und auf Migrantinnen, die unbezahlt oder unterbezahlt Care-Arbeit leisten. Die eigentliche Zumutung ist nicht die Forderung nach mehr öffentlicher Finanzierung – sondern die Weigerung, sie politisch ernsthaft zu verhandeln.
Sarah Schilliger (46) ist promovierte Soziologin und arbeitet als Senior Researcher und Dozentin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung (IZFG) der Universität Bern. Sarah Schilliger wohnt mit ihrem achtjährigen Sohn in der Genossenschaftssiedlung Warmbächli in Bern.
In den letzten zwei Jahren forschte sie in einem an der ETH Zürich angesiedelten Projekt zu systemrelevanter Arbeit im Kontext der Covid-19-Krise. Zurzeit untersucht sie aktuelle Dynamiken der bezahlten Arbeit in Privathaushalten und leitet ein Projekt zu «Sorgenden Städten». Sie ist Teil des kürzlich gegründeten Kollektivs «Büro für Feminismus», das Forschungs- und Vermittlungsprojekte zu Sorgearbeit und Care-ökonomischen Themen durchführt.
Pflegen und betreuen – eine Frauendomäne
Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 4-5/2026