FRAUENDOMÄNE | Ein Mann unter Kindern
Oliver Rupp ist Kinderbetreuer aus Leidenschaft – bei den ganz Kleinen. Kinder ein Stück in ihrer Entwicklung zu begleiten, ist für ihn berufliche Erfüllung. Er ist überzeugt: Eine gute Kinderbetreuung lebt von den Interaktionen mit beiden Geschlechtern. Ein Porträt über einen Mann in einem typischen Frauenberuf.
Oliver Rupp, 30, öffnet die Tür zur Bébégruppe in der Kita Länggasse in der Stadt Bern. Auf seinem Arm die kleine Liana*, ein zweijähriges Mädchen mit grossen Puppenaugen und einem Zöpfchen mitten auf dem Kopf. Sie ist eines von vier Kleinkindern, die heute von Oliver und seinen zwei Kolleginnen betreut werden.
Oliver ist Kinderbetreuer, oder wie sein Beruf offiziell heisst: Fachmann Betreuung (Kinder) EFZ. Seit sieben Jahren arbeitet er hier in der Kita Länggasse der Stiftung Kindertagesstätten Bern. Und genau hier hat er seine Leidenschaft für den Beruf entdeckt, und zwar als Zivildienstleistender. «Bevor ich meinen Zivildienst hier begonnen habe, habe ich gar nicht gewusst, dass Kinderbetreuer mein Beruf fürs Leben ist», erzählt er. «Ich musste erst diese Erfahrung machen, um zu erkennen, dass es genau mein Ding ist.»
Genau sein Ding: Das ist die Arbeit mit den Kindern zwischen drei und zweiundzwanzig Monaten in der Bébégruppe. Dank des engen Betreuungsschlüssels von eins zu zwei kann sich Oliver viel Zeit für die Kleinen nehmen. Er setzt sich mit Liana auf den Boden und liest ihr aus einem Buch vor, das sie geholt hat. Gegenüber wechselt seine Kollegin Mina der achtmonatigen Tabea* die Windeln, und links von ihm sitzt Dominique am Esstisch und schneidet Obst fürs Zvieri. Die Räume der Kitagruppen sind gross, hell und gut einsehbar. Nebenan, hinter einer langen Glaswand toben die grösseren Kinder der Gruppe Gelb. Hier in der Gruppe Orange ist es ruhig und entspannt. «Als ich meinen Zivildienst in der Bébégruppe begonnen habe, habe ich zuerst gedacht, es sei viel unruhiger und die Kleinen würden mehr schreien», erinnert sich Oliver. «Aber man kann die Kinder gut nach ihren Grundbedürfnissen betreuen. Wenn sie schreien, sind sie entweder müde oder haben Hunger. Wenn man das beachtet, ist die Arbeit hier sehr angenehm.»
Erfüllung im Beruf
Oliver strahlt viel Ruhe und Geduld aus. Das merkt man schnell, wenn man ihn im Umgang mit den Kindern erlebt. Schon im Zivildienst haben die Kolleginnen und Kollegen seine feinfühlige, empathische Art entdeckt. Und die Kinder reagieren zugewandt und vertrauensvoll auf ihn. Wenn sie mit einem Lachen in die Kita kommen und ihm zur Begrüssung die Arme entgegenstrecken, dann spürt Oliver Rupp einmal mehr, wie viel Freude und Sinn ihm seine Arbeit bereitet. Die Kinder in ihrer Entwicklung zu unterstützen, ihnen eine bedürfnisgerechte Umgebung zu bieten und eine vertrauensvolle Bezugsperson für sie zu sein, das ist es, was Oliver Rupp an seiner Arbeit erfüllt.
Es ist halb drei. Zeit auch für die letzte Schlafmütze, langsam aufzuwachen. In einem kleinen Schlafraum schlummert noch die zweijährige Sophie*. Dominique lässt sie behutsam wach werden. Noch mit verschlafenen Augen kuschelt sie sich in den Arm ihrer Betreuerin. Derweil setzt Oliver Rupp Liana an den Tisch und bindet ihr ein Lätzchen um. Zum Zvieri gibt es erst Apfel- und Birnenschnitze, dann Reiswaffeln mit Quark und Hummus. Die Ernährung in der Kita Länggasse ist ausgewogen und gesund. Einmal in der Woche gibt es Fleisch und Fisch.
Oliver sitzt am Tisch mit sechs Ladys: vier kleinen und zwei grossen, seinen Kolleginnen. Wie ist es, als Mann in einem typischen Frauenberuf zu arbeiten? Oliver lacht. «Ich habe keine Vorurteile erlebt, weder hier noch in meiner Ausbildung. Man ist immer sehr offen und herzlich mit mir umgegangen.» Einen ebenso offenen und freundlichen Umgang pflegt er auch mit den Kindern, Eltern und Mitarbeitenden. Das schafft Vertrauen.
Ein Beruf für Männer und Frauen
«In meiner Ausbildungsklasse waren wir sechzehn Lernende, fünf davon waren Männer. Ich finde es schön, dass sich immer mehr Männer für den Beruf der Kinderbetreuung interessieren», erzählt Oliver Rupp. «Diesen Beruf können sowohl Frauen als auch Männer machen. Wichtig ist, dass man Empathie und Leidenschaft mitbringt.»
In der Kita Länggasse ist Oliver Rupp nicht der einzige Mann. In der Gruppe Blau bei den Kindergartenkinder arbeitet ein junger Mann, der die Gruppe auch leitet, und in der Gruppe Gelb ist ein anderer gerade in der Ausbildung zum Kinderbetreuer. Dazu gibt es in der Kita auch drei Zivildienstleistende. «Ich glaube, Männer interessieren sich immer mehr für diesen Beruf, weil wir in der Gesellschaft die Geschlechterstereotype aufbrechen», überlegt Oliver Rupp. «Und ich finde wichtig, dass man sich in Schnupperprojekten mal ausprobieren kann.» So wie bei der Avanti-Woche. Da schnuppern Schülerinnen in typische Männerberufe und Schüler in typische Frauenberufe. Just in dieser Woche waren ein paar Jungs hier zu Besuch, um den Beruf des Kinderbetreuers kennenzulernen.
Junge Menschen für seinen Beruf zu begeistern, darin sieht Oliver seine Aufgabe. «In meiner Ausbildung hatte ich eine tolle Berufsbildnerin. Da ist der Wunsch in mir entstanden, das an andere Lernende weiterzugeben.» Vorletztes Jahr hat er einen Berufsbildnerkurs gemacht. Danach konnte er den Lernenden in der Gruppe Orange unter seine Fittiche nehmen. Dass es männliche Kinderbetreuer gibt, findet Oliver Rupp unerlässlich. «Es ist wichtig, dass die Kinder auch eine andere Rolle kennenlernen.» Zum Beispiel die Rolle des herumtobenden Betreuers. Er grinst. «Ich denke, dass Männer sich eher für das Toben und Raufen begeistern als gewisse Frauen.» Die Kinder lernen so einen anderen Umgang. «Ob Mann oder Frau», ergänzt Oliver Rupp «jeder gestaltet den Alltag der Kinder auf seine eigene Weise. Davon können die Kinder nur profitieren.»
Prävention und offene Kommunikation
Männer sind eine grosse Bereicherung in der Kinderbetreuung. Aber ganz selten hängt ein dunkler Schatten über der Rolle des männlichen Kinderbetreuers, nämlich dann, wenn die berufliche Nähe zu Kindern missbraucht wird. So wie Ende März, als der Missbrauchsfall eines Kinderbetreuers im Raum Bern und Winterthur publik wurde. Was macht das mit Oliver Rupp, wenn er so etwas hört?
«Im ersten Moment war ich sehr aufgebracht. Ich finde es schlimm, dass es überhaupt so weit kommen konnte», sagt er und fügt an: «Ich würde aber nicht sagen, dass es zwingend ein Mann sein muss. Das kann auch bei einer Frau passieren.» Hier in der Kita Länggasse herrscht das Vier-Augen-Prinzip. Dank der offenen Räumlichkeiten können sich die Betreuenden gegenseitig beobachten. Niemand ist mit den Kindern allein. Die Kitaleitung kommuniziert offen mit ihren Mitarbeitenden über solche Medienberichte und bereitet sie auf einen adäquaten Umgang mit unsicheren Eltern vor. Auch mit den Eltern wird offen kommuniziert. «Wir bleiben dran, damit so etwas in unserer Kita nie passieren wird», betont Oliver Rupp.
Das gemütliche Zvieri ist vorbei. Oliver Rupp putzt Tabea die Hände und den Mund, nimmt ihr das Lätzchen ab und setzt sie auf den Boden zum Spielen. Weil das Mädchen noch recht unsicher auf den Beinen ist, holt er ihr einen kleinen Wagen, an dem sie stehen und gehen üben kann. Bald kommen die Eltern. Doch noch ist Zeit zum Spielen, Toben, Ruhen, bis ein schöner und erfüllter Tag in der Kita zu Ende geht – für die Kleinen und für Oliver Rupp.
* Namen geändert
Pflegen und betreuen – eine Frauendomäne
Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 4-5/2026