SOZIALE TEILHABE | Die Gemeinde: Dreh- und Angelpunkt nachhaltiger Entwicklung
In Gemeinden und Städten findet der Alltag der Menschen statt – vom Wohnen über Bildung und Arbeit bis zur Freizeit. Entscheidungen auf kommunaler Ebene wirken unmittelbar und spürbar: Sie prägen den sozialen Zusammenhalt und die Lebensqualität aller Generationen. Investitionen in gute Rahmenbedingungen ab der Kindheit stärken das Gemeinwesen als Ganzes.
Gemeinden und Städte sind der Ort, an dem politische Entscheidungen unmittelbar auf den Alltag wirken. Hier findet das tägliche Leben statt, und hier entscheidet sich, ob Zusammenleben und Solidarität abstrakte Prinzipien bleiben oder im täglichen Leben konkret erfahrbar werden. Gerade für Kinder, Jugendliche und ihre Familien ist ein förderliches Umfeld zentral: Je jünger sie sind, desto kleiner ihr Bewegungsradius und desto wichtiger die kommunale Ebene. Dies gilt gleichermassen für andere vulnerable Bevölkerungsgruppen, wie beispielsweise Menschen mit Behinderungen, geflüchtete Menschen, von Armut betroffene Menschen, Menschen in (stationären) Unterbringungsformen oder ältere Menschen. Sie alle sind darauf angewiesen, dass Angebote und Strukturen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld zur Verfügung stehen, die sich positiv auf ihre Entwicklung, Mobilität und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben auswirken.
Kinder- und Jugendpolitik als Grundlage
Mit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte des Kindes, kurz Kinderrechtskonvention, hat sich die Schweiz verpflichtet, die Rechte von Kindern und Jugendlichen zu achten und umzusetzen. Gemeinden und Städte spielen eine zentrale Rolle bei der konkreten Umsetzung dieser Rechte. Die Unicef-Initiative «Kinderfreundliche Gemeinde» unterstützt Gemeinden und Städte dabei, ein Lebensumfeld für Kinder und Jugendliche zu schaffen, in welchem ihre Rechte geachtet und ihre Mitwirkung gefördert wird.
Unicef Schweiz und Liechtenstein begleitet Schweizer Gemeinden seit 20 Jahren in diesem Prozess. Die Erfahrung zeigt, dass Gemeinden das Aufwachsen und die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen massgeblich beeinflussen können und dass sich förderliche Rahmenbedingung positiv darauf auswirken (siehe dazu auch S. 56).
Eine starke und vernetzte kommunale Kinder- und Jugendpolitik ist das Fundament des gesellschaftlichen Zusammenhalts, weil sie dort ansetzt, wo Zusammenleben entsteht: im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen. Gemeinden und Städte gestalten Betreuungsstrukturen, Schulen, Freizeitangebote, öffentliche Räume, Mobilität und Beteiligungsmöglichkeiten. Diese Bereiche entscheiden darüber, ob Menschen sich zugehörig fühlen, Vertrauen entwickeln und Verantwortung füreinander übernehmen.
Eine Kinder- und Jugendpolitik ist folglich eine Querschnittsaufgabe der gesamten Gemeinde und erfordert entsprechende Zusammenarbeitsstrukturen. Nicht nur der Akteurinnen und Akteure, welche direkt mit Kindern und Jugendlichen in Verbindung gebracht werden, wie beispielsweise Eltern, Lehrpersonen oder Jugendarbeitende, sondern auch mit Fachpersonen aus der Finanzpolitik, der Raumplanung oder Gesundheitsförderung. Eine starke kommunale Kinder- und Jugendpolitik muss zwingend gesamtheitlich gedacht und umgesetzt werden und Aspekte der Sozial-, Gesundheits- und Finanzpolitik beinhalten.
Soziale Unterschiede ausgleichen
Kinder wachsen nicht in Zuständigkeiten, sondern in Quartieren, Nachbarschaften und Gemeinden auf. Ihr Wohlbefinden hängt massgeblich davon ab, ob ihr unmittelbares Lebensumfeld sichere Räume, erreichbare Angebote und unterstützende Strukturen bietet. Im schweizerischen Föderalismus sind frühkindliche Bildung, Schulen, Freizeit- und Sportangebote, Gesundheitsversorgung, Mobilität, Spiel- und Grünflächen und soziale Dienste überwiegend kommunal, manchmal auch regional organisiert. Ihre Qualität und Zugänglichkeit bestimmen wesentlich die Entwicklungs- und Teilhabechancen junger Menschen.
Wenn Kinder und Jugendliche sichere, faire und förderliche Bedingungen vorfinden, profitieren ganze Familien und Nachbarschaften. Begegnungsräume werden belebt, soziale Unterschiede können ausgeglichen und Ausgrenzung kann früh entgegengewirkt werden. Gerade für Kinder und Jugendliche in belasteten oder benachteiligten Lebenslagen ist die Gemeinde oft die wichtigste Ebene staatlicher Unterstützung. Niedrigschwellige, gut vernetzte Angebote im Nahbereich können frühzeitig Risiken erkennen und minimieren, soziale Isolation verhindern und Teilhabe ermöglichen. Wer von klein auf erlebt, dass die eigene Stimme zählt und öffentliche Strukturen verlässlich sind, entwickelt Vertrauen in demokratische Prozesse und in das Gemeinwesen.
Eine kommunale Kinder- und Jugendpolitik wirkt zudem generationenübergreifend: Sie verbindet die Bedürfnisse von Kindern, Eltern, älteren Menschen und anderen Bevölkerungsgruppen und schafft Orte, an denen unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinandertreffen. So entsteht durch gemeinsame Verantwortung, Beteiligung und solidarisches Handeln vor Ort sozialer Zusammenhalt.
Teilhabe beginnt vor Ort
Ein Kernanliegen der Kinderrechtskonvention ist das Recht von Kindern und Jugendlichen auf Beteiligung an allen sie betreffenden Angelegenheiten, das Recht auf Partizipation. Dieses Recht lässt sich am wirksamsten im kommunalen Nahbereich erlernen und umsetzen. Hier sind Entscheidungsprozesse überschaubar, Lebensrealitäten greifbar und Beteiligungserfahrungen unmittelbar. Demokratisches Zusammenleben muss gelernt werden, und entsprechend wichtig ist es, dass Kinder schon im frühen Alter mit partizipativen Prozessen und Strukturen in Berührung kommen. Sei das in Bildungs- oder Betreuungseinrichtungen, im Freizeitbereich oder auf politischer Ebene.
Um die Partizipation von Kindern und Jugendlichen zu fördern, setzt die Initiative «Kinderfreundliche Gemeinde» auf verbindliche und altersgerechte Beteiligungsstrukturen. Kinder und Jugendliche werden nicht nur angehört, sondern aktiv in Planungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden – etwa bei der Gestaltung öffentlicher Räume, der Verkehrsplanung, der Schul- und Freizeitentwicklung oder bei sozialen Angeboten. Beteiligung stärkt Selbstwirksamkeit, Verantwortungsgefühl und demokratische Kompetenzen. Kinder und Jugendliche erleben, dass ihre Stimme zählt und dass sie ihr Umfeld mitgestalten können.
Kinder und Jugendliche, die beteiligt werden, identifizieren sich stärker mit ihrem Lebensumfeld. Sie übernehmen Verantwortung für öffentliche Räume, achten auf andere und entwickeln ein Gefühl der Zugehörigkeit. Von der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen profitieren also nicht nur die Kinder und Jugendlichen selbst, sondern auch die Gemeinden und die Gesellschaft als Ganzes. Kinder und Jugendliche sind Expertinnen und Experten ihrer eigenen Lebenswelt. Ihre Perspektiven führen zu bedarfsgerechteren, nachhaltigeren und breit abgestützten Lösungen, die auch andere vulnerable Gruppen im Blick haben. Beispielsweise bei der Gestaltung von Begegnungsorten oder Freizeitanlagen, wo sie an spezifische Bedürfnisse wie Bänke für mobilitätseingeschränkte und ältere Menschen denken. Ausserdem beteiligen sich Erwachsene, die als Kinder ernst genommen wurden, eher an Gemeinwesen, Ehrenamt und politischer Mitgestaltung.
Inklusion macht Gemeinden stark
Wenn alle Menschen unabhängig von Herkunft, Alter, Behinderungen oder sozialer Lage gleichberechtigt teilhaben können, entsteht ein offenes und solidarisches Miteinander. Inklusion macht Gemeinden widerstandsfähiger, gerechter und lebenswerter. Eine auf Kinder und Jugendliche ausgerichtete Kommunalpolitik kann dabei als Indikator für eine gut funktionierende Gesellschaft dienen.
Kinderfreundliche Gemeinden fördern bewusst Begegnungen zwischen den Generationen. Spielplätze, Quartierzentren, Schulen, Bibliotheken oder Mehrgenerationenhäuser werden zu Orten der Begegnung und des Austauschs. Orte, an denen unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen auf natürliche Weise zusammenkommen. Diese Orte müssen von Gemeinden aktiv geschaffen werden. Dabei gilt es nicht nur, neue Orte zu schaffen, sondern bestehende Orte für alle Bevölkerungsgruppen zu öffnen. Gerade Zwischennutzungen und Brachen eignen sich, temporäre Begegnungsorte für unterschiedliche Anspruchsgruppen zu schaffen.
Eine vorausschauende und inklusive Kinder- und Jugendpolitik wirkt zudem langfristig: Investitionen in die frühe Kindheit, Beteiligung und Prävention zahlen sich gesellschaftlich und ökonomisch aus. Sie stärken Bildungsbiografien, Gesundheit, soziale Kompetenzen und demokratisches Engagement. Allesamt wichtige Grundlagen für eine resiliente und zukunftsfähige Gesellschaft.
Wie eine langfristige Wirkung möglich wird
Im Sinne der nachhaltigen Verankerung ist es wichtig, dass sich Gemeinden und Städte gesamtheitlich mit Strukturen auseinandersetzen, die möglichst alle Bevölkerungsgruppen verbinden. Dazu braucht es eine personenunabhängige, politische Verankerung in Form von Strategien, Konzepten oder Legislaturzielen. Kinder, Jugendliche und andere vulnerable Gruppen sind im Sinne der Chancengerechtigkeit explizit zu fördern, indem Barrieren – bauliche, sprachliche oder soziale – abgebaut werden und eine bessere Zugänglichkeit und Erreichbarkeit von Angeboten und Strukturen angestrebt wird. Grundlage dafür können beispielsweise ein Leitbild kommunale Kinder- und Jugendpolitik, ein Generationenleitbild, ein Konzept «Frühe Kindheit» oder eine Inklusionsstrategie bilden. Darüber hinaus braucht es aber auch verbindliche Koordinationsstrukturen innerhalb der Verwaltung, die ressortübergreifend arbeiten und unterschiedliche Bedürfnisse von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen systematisch berücksichtigen – beispielsweise durch die Stelle eines oder einer Kinder- und Jugendbeauftragten, eine Gesellschaftskommission oder interdisziplinäre Arbeitsgruppen. Wichtig ist, dass unterschiedliche Bedürfnisse erkannt und in Grundsätzen oder Gefässen verankert sind.
Die aktive Partizipation der Bevölkerung ist dabei ein wichtiger Aspekt einer bedürfnisorientierten Kommunalpolitik, die dauerhaft angelegt ist und unterschiedliche Altersgruppen sowie Personen in vulnerablen Lebenslagen einbezieht. Die Förderung der Partizipation stärkt die Selbstwirksamkeit der einzelnen Personen und der Demokratie als Ganzes und leistet dadurch einen wichtigen Beitrag zur sozialen Nachhaltigkeit.
Nachhaltige Entwicklung entscheidet sich dort, wo Menschen leben und mitgestalten – in den Gemeinden, als Dreh- und Angelpunkt einer gerechten, inklusiven und zukunftsfähigen Gesellschaft. Wer nachhaltige Entwicklung ernst meint, muss folglich auch die Gemeinden stärken.
Soziale Teilhabe für alle. Das Zusammenleben gestalten
Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 3/2026