POLITISCHE FEDER | Der blinde Fleck der Sozialpolitik
Der Fachkräftemangel im Sozialbereich ist nicht primär ein Problem, genügend Fachpersonen auszubilden. Die derzeit grössere Herausforderung ist, wie es uns gelingen kann, die Fachpersonen langfristig im Beruf zu halten.
Die Fachkräftestudie 2024 zeigt, dass die Zahl der Ausbildungsabschlüsse steigt, aber gleichzeitig die Personalsituation angespannt bleibt. Betroffen sind Bereiche, die für unsere Gesellschaft zentral sind, wie Organisationen, die ambulante oder stationäre Unterstützung leisten für Menschen mit Behinderungen, Kinder und Jugendliche, Menschen im Alter oder mit Unterstützungsbedarf. Da werden Menschen begleitet, die auf Unterstützung angewiesen sind, Teilhabe wird ermöglicht, und durch Beziehung wird Stabilität geschaffen.
Viele Fachpersonen verlassen den Beruf nicht aus fehlender Motivation. Sie verlassen ihn, weil die Belastung stetig zunimmt durch steigende Anforderungen, komplexere Situationen und knappe personelle Ressourcen. Wer täglich Verantwortung für andere Menschen trägt, braucht gute Arbeitsbedingungen und Perspektiven. Das ist mancherorts nicht möglich.
Problematisch ist, dass die Politik im Sozialbereich bis heute weitgehend im Blindflug unterwegs ist. Während in der Pflege Daten erhoben und Prognosen erstellt werden, fehlt im Sozialwesen eine vergleichbare nationale Übersicht. Es geht dabei längst nicht mehr nur um offene Stellen, sondern um die Frage, ob zentrale soziale Angebote künftig noch gewährleistet werden können. Wer Entwicklungen nicht systematisch beobachtet, kann auch nicht rechtzeitig handeln.
Der Fachkräftemangel im Sozialbereich ist deshalb mehr als ein Arbeitsmarktproblem. Er zeigt einen gesellschaftlichen blinden Fleck auf. Wir erwarten und verlassen uns selbstverständlich darauf, dass Menschen begleitet, betreut und unterstützt werden. Gute soziale Arbeit verhindert Krisen und bleibt gerade deshalb oft unsichtbar.
Eine Gesellschaft funktioniert nicht nur durch wirtschaftliche Leistung. Sie funktioniert durch Menschen, die andere stärken und begleiten. Es ist Zeit, dass diese Bedeutung auch in Politik und Gesellschaft ankommt.
Fachpersonen langfristig halten
Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 6/2026