MAGAZIN | Die zentralen Themen im Kinder- und Jugendbereich
Finanzielle Herausforderungen, Fachkräftemangel, psychische Belastungen und die Entwicklung des ambulanten Angebots zählen zu den wichtigsten Themen, die der – noch nicht veröffentlichte – Trendradar des Branchenverbands YOUVITA identifiziert. In den Kantonen Waadt und Genf setzen sich bereits verschiedene Institutionen und Organisationen mit diesen Herausforderungen auseinander.
Über alle sechs Megatrends des von den drei Artiset-Branchen entwickelten Trendradars hinweg, der im Verlauf des Herbsts publiziert wird (siehe die Seiten 10 und 12), hat das Team des Branchenverbands YOUVITA insgesamt 23 Einzeltrends identifiziert. Diese haben einen direkten Einfluss auf die Branche der Dienstleister im Kinder- und Jugendbereich. Die Trends wurden in Absprache mit den Mitgliedern des Branchenrats definiert und an der Branchenkonferenz im Juni gemeinsam mit den kantonalen Delegationen präzisiert und weiterentwickelt.
Bei näherer Betrachtung der erfassten Trends zeigt sich zunächst, dass sie mehrheitlich dem Megatrend «Wertewandel» und in geringerem Masse dem Megatrend «Ökonomisierung» zuzuordnen sind. Auffallend ist weiter, dass die Mehrheit der Einzeltrends im innersten Kreis angesiedelt sind, also in jenem Bereich, wo ein sofortiger Handlungsbedarf besteht. Aus Sicht der Akteure aller drei Branchenverbände schälen sich drei Trends respektive Trendkomplexe als prioritär heraus: erstens der kantonale Kostendruck und die hohe Regulationsdichte, zweitens die psychische Belastung der Bewohnenden und die Zunahme komplexer sozialer und gesundheitlicher Situationen sowie drittens der Fachkräftemangel. Es ist zudem davon auszugehen, dass die zur Reduzierung des Fachkräftemangels geplanten Aktionen und Massnahmen in direkter Wechselwirkung mit anderen Trends stehen, insbesondere mit der Einführung neuer Arbeitsmodelle sowie neuen Ausbildungs- und Qualifizierungswegen. Dies wird auch durch die vom Trendradar vorgeschlagenen Fragen deutlich, die Institutionen dabei unterstützen sollen, die Bedeutung eines Trends für ihre Arbeit zu reflektieren. Beim Trend Fachkräftemangel regt eine der Fragen dazu an, sich zu überlegen, welche Arbeits- und Organisationsmodelle entwickelt werden können, um Mitarbeitende zu gewinnen und zu halten.
Ausbau des ambulanten Angebots
«Für den Bereich des Branchenverbands YOUVITA haben wir einen vierten Schwerpunkt definiert: den Ausbau des ambulanten Angebots», sagt Raphaëlle Giossi, Fachmitarbeiterin für die Romandie bei YOUVITA. Diese Entwicklung im Bereich der Kinder- und Jugendinstitutionen zeigt sich in zwei Trends: in der Verlagerung hin zu ambulanten Angeboten und in der Entwicklung flexibler Versorgungsmodelle. Dabei geht es auch um die Problematik der Versorgungslücken, die im Radar abgebildet ist. «Diese Entwicklung hin zu mehr Ambulanz bestätigt, was wir bereits in der Praxis beobachten und was uns auch unsere Mitglieder zurückmelden», sagt sie. In den Institutionen gibt es zunehmend mehr Kinder mit herausfordernden Verhaltensweisen und komplexen psychischen Situationen. «Bei den Betreuungsplätzen, insbesondere in der Notfallaufnahme, sind die Kapazitäten äusserst knapp.» Der Trend hin zu ambulanten Angeboten verdeutlicht auch den Wandel der gesellschaftlichen Werte, da er unter anderem auf Konzepten wie Inklusion, vielfältigen Betreuungsformen und -strukturen beruht. Zudem prägt er die Vorstellungen, Erwartungen und Werte der jüngeren Generationen gegenüber der Arbeitswelt.
Ein weiterer Trend, nämlich die künstliche Intelligenz als digitale Begleiterin in Therapie und Betreuung, ist im Trendradar YOUVITA im mittleren Bereich angesiedelt. Damit gehört er zu jenen Entwicklungen, auf die sich Institutionen in den nächsten vier bis acht Jahren vorbereiten sollten. Im äussersten Kreis, wo die Trends liegen, die innerhalb der nächsten acht Jahre beobachtet werden sollen, figurieren etwa das Nachhaltigkeitsreporting oder die Wirkungssteuerung. Die mit dem Radar erfassten Trends sind allesamt nicht neu, und die meisten kantonalen und regionalen Institutionen und Organisationen befassen sich bereits damit. Ihre systematische Einordnung bietet jedoch den Vorteil, einen besseren Überblick zu schaffen, insbesondere über die Bedeutung und Dringlichkeit der vielfältigen Herausforderungen, mit denen sich der Sektor konfrontiert sieht.
Genf: Hohe Komplexität macht zu schaffen
«Alles geschieht gleichzeitig», stellt Marina Vaucher fest. Sie ist Mitglied des Branchenrats von YOUVITA und Leiterin des Fachverbands Association genevoise des organismes d’éducation, d’enseignement et de réinsertion (Agoeer). «Wir können nicht an allen Fronten gleichzeitig intervenieren und sind ständig unter Zeitdruck.» Sie listet jene Trends auf, die bereits heute besonders aktuell sind und die Genfer Institutionen und Organisationen vor grosse Herausforderungen stellen: der Fachkräftemangel, die gestiegenen Qualitätsanforderungen an die Bereitstellung gezielterer und vielfältigerer Betreuungsangebote sowie die Erschöpfung der Teams infolge der Zunahme komplexer und vielschichtiger Situationen und der Verschlechterung der psychischen Gesundheit der betreuten Kinder und Jugendlichen. Auch wenn sie teilweise anders formuliert sind, stimmen die vor Ort wahrgenommenen Herausforderungen weitgehend mit den auf Ebene des Branchenverbands YOUVITA identifizierten Prioritäten überein.
Marina Vaucher begrüsst den von YOUVITA entwickelten Trendradar daher als äusserst nützliches Instrument, das es den Geschäftsleitungen und Teams in einem angespannten Umfeld ermöglicht, Abstand zu gewinnen und sich aus dem unmittelbaren Handlungsdruck zu lösen. Er kann bei der Interessenabwägung als Orientierungshilfe dienen und Entscheidungen stützen, wenn es darum geht, die anzugehenden Herausforderungen zu priorisieren. Die anhand der vorgeschlagenen Fragen zu den einzelnen Trends angestellten Überlegungen können auch die Argumentation stärken, mit der ein Stiftungsrat oder auch kantonale Behörden von den umzusetzenden Aktionen oder Massnahmen überzeugt werden sollen. «Wir können diesen Trends nicht entgegenwirken», räumt Marina Vaucher ein. «Angesichts der bevorstehenden Veränderungen müssen wir unsere eigene Arbeitsweise hinterfragen.» Dies gilt sowohl für Institutionen und Organisationen als auch für den Verband. Die Leiterin des Fachverbands Agoeer ist überzeugt, dass es eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Verband und seinen Mitgliedern braucht, «unter Achtung der Individualität jedes Einzelnen». Die Agoeer spiele dabei eine wichtige Rolle, und der Radar sei ein wertvolles kollaboratives Instrument, um den Austausch von Praktiken zu fördern, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln und Lösungen für die Zukunft zu erarbeiten.
Waadt: Der Kostendruck ist gross
Auch im Kanton Waadt setzen sich die Institutionen bereits – oft unter grossem Zeitdruck – mit vielen der auf dem YOUVITA-Radar identifizierten Trends auseinander. Dies bestätigt Olivier Salamin, Generalsekretär der Association vaudoise des organisations privées pour personnes en difficulté (Avop), der 18 sonderpädagogische Einrichtungen und 20 Jugendschutzeinrichtungen angehören. «Wir bewegen uns in einem angespannten Umfeld mit enorm hohem Kostendruck. Es ist daher schwierig, aus dem Kreislauf von Agieren und Reagieren auszubrechen, was zulasten der vorausschauenden Planung und der Entwicklung neuer Modelle geht. Gleichzeitig werden wir, wenn wir nicht beides tun, jahrelang im Reaktionsmodus bleiben, was nicht sehr produktiv sein wird», stellt er fest. Für die Waadtländer Institutionen im Kinder- und Jugendbereich zählen der Fachkräftemangel und die Erschöpfung der Teams ebenfalls zu den obersten Prioritäten. Es wurden bereits dringende Massnahmen ergriffen, um die Rekrutierung zu fördern und personelle Ausfälle auszugleichen, insbesondere im Bereich des Kindesschutzes. «Dabei handelt es sich teilweise um Massnahmen, die Finanzierungen beinhalten, die heute nicht einfach zu beschaffen sind.»
Um den aktuellen und künftigen Herausforderungen gerecht zu werden, konzentriert sich die Avop daher auf die Erhebung und Konsolidierung von Daten ihrer Mitglieder, die sämtliche Bereiche der institutionellen Tätigkeit abdecken – von der Personalausstattung über den Gebäudebestand und die Sicherheitsmassnahmen bis hin zu den Ausbildungsstufen. «Diese Daten sind von zentraler Bedeutung», versichert der Generalsekretär. Ziel ist es, ein Dashboard kontinuierlich mit Indikatoren zu ergänzen, die den Bedarf in jenen Bereichen objektiv messbar machen, die sich mit den Trends der Branche überschneiden. Der Radar scheint also ein echter Mehrwert zu sein. «Er hat den Vorteil, dass er die sich abzeichnenden Themen sehr umfassend abbildet», analysiert Olivier Salamin und sieht den Radar als Denkhilfe in Form einer Checkliste. «Wir müssten eine Art Gewichtung der einzelnen Herausforderungen vornehmen können, die sich über die Zeit verändert, um unser Handeln gezielter auszurichten und die jeweiligen Rollen zu verorten.» Da er nicht direkt mit der Praxis vor Ort verbunden ist, könnte der Verband dank den Datenerhebungen verstärkt eine tragende Rolle bei der Antizipation von Trends im äusseren Bereich des Radars spielen. Wie das Dashboard soll auch der Radar einen Überblick schaffen, um längerfristige Trends nicht zu vernachlässigen.
Sowohl auf kantonaler als auch auf nationaler Ebene wird der Trendradar aus strategischer Sicht zentral sein. Er kann für die kantonalen Verbände ein wertvolles Instrument in der Zusammenarbeit mit anderen institutionellen Akteuren und Behörden sein. «Dieser Radar kann uns auch wichtige Hinweise für die politische Arbeit des Branchenverbands YOUVITA liefern», sagt Raphaëlle Giossi.