Magazin ARTISET

MAGAZIN | «Es geht weniger schnell vorwärts, als sich das viele vorgestellt haben»

Interview: Elisabeth Seifert

Durch die Herausforderungen rund um die Umsetzung der UN-BRK hat die Behindertenpolitik an Dynamik gewonnen. Rahel Stuker hat in den letzten drei Jahren als Geschäftsführerin von INSOS und Mitglied der ARTISET-Geschäftsleitung die Entwicklungen mitgeprägt. Das Zielbild der UN-BRK werde sich erst im Verlauf der nächsten Jahrzehnte vollständig realisieren lassen, sagt sie im Abschiedsinterview. Auf dem Weg dorthin brauche es viele kleine Schritte.

Frau Stuker, als Geschäftsführerin von INSOS stehen Sie in einem Austausch mit Vertretenden von Institutionen – welche Fragen beschäftigen die Branche derzeit ganz besonders?

Rahel Stuker: Sehr aktuell und prägend für den ganzen Bereich bleiben die UN-BRK und die daraus resultierenden Herausforderungen. Bei allen Akteuren sind dabei in den letzten Jahren die Ansprüche an die Umsetzung gestiegen, bei den Menschen mit Behinderung selber, bei den Angehörigen, den Dienstleistern sowie den Fachkräften. Diese Ansprüche erfordern einen personellen und finanziellen Aufwand. Der Kostendruck und der Fachkräftemangel machen den Institutionen vor diesem Hintergrund zu schaffen. Einen hohen Aufwand generiert zudem die Anforderung der Kantone, zusätzlich über das KVG abzurechnen.

Können Sie dies näher erläutern?

Die Kantone fordern zunehmend, dass die in den Institutionen erbrachten Pflegeleistungen über das KVG abgerechnet werden. Das führt dazu, dass die Institutionen zum Teil parallel zwei Abrechnungssysteme bedienen müssen, was aufwendig ist. Der administrative Aufwand ist damit in den letzten Jahren nicht gesunken, wie wir uns dies gewünscht hätten, sondern sogar gestiegen.

Die Ermöglichung von Selbstbestimmung und Teilhabe ist aufgrund der UN-BRK die bestimmende Maxime in der Behindertenpolitik: Wie werden die Dienstleister diesen Forderungen gerecht?

Die Betriebe stehen mitten im Prozess, die Postulate der UN-BRK nicht nur mittels einzelner Projekte, sondern in ihrer Organisations- und Führungsentwicklung umzusetzen.

Was bedeutet das?

Es geht heute nicht mehr nur darum, zum Beispiel Mitwirkungsräte einzusetzen, diese sind sicher wichtig, sie sind aber nur ein Baustein. Wichtiger ist, dass Menschen mit Behinderung in der ganzen Organisation, auf der operativen und strategischen Ebene, einbezogen werden in alle Prozesse, die sie betreffen. Der Kanton Zürich fordert zum Beispiel explizit, dass Menschen mit Behinderung auch in den strategischen Gremien vertreten sind. Sie bringen damit ihre spezifische Sichtweise ein. Um die Organisationen in diesem Prozess zu unterstützen, haben wir das Projekt «Dienstleister in Bewegung» lanciert. Damit zeigen wir auf, welche guten Beispiele es bereits gibt, und machen diese Erfahrungen für andere zugänglich.

Welche Folgen hat diese Einbindung von Menschen mit Behinderung?

Die Mitbestimmung innerhalb der Organisation schliesst sehr viel ein, dies kann zum Beispiel bis zu Anstellungsprozessen von Fachpersonen gehen. Vor allem aber beeinflusst die Mitbestimmung, wie Angebote erarbeitet werden. Diese sollen nicht für Menschen mit Behinderung, sondern gemeinsam mit ihnen entwickelt werden und dadurch dann auch ihren Bedürfnissen entsprechen

Wie wird sich die Angebotslandschaft entwickeln?

Die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen sind sehr unterschiedlich, und deshalb braucht es auch sehr unterschiedliche Angebote. Wir werden deshalb eine starke Diversifizierung der Angebotslandschaft erleben. Institutionen können dabei selber eine breite Palette entwickeln oder sich mit anderen zusammenschliessen, um dies zu ermöglichen. Dies ist durch Kooperationen oder auch mit Fusionen möglich. Es gibt künftig sicher auch eine höhere Durchlässigkeit zwischen stationären, ambulanten und intermediären Angeboten. Der Weg der Menschen verläuft nicht linear, sondern kann sich immer wieder ändern.

Wie bezieht der Branchenverband INSOS Menschen mit Behinderung ein?

Wir haben seit vielen Jahren ein Netzwerk Mitwirkung, mit dem wir die Betroffenen in die Angebotsentwicklung miteinbeziehen. Konkret der Fall war das kürzlich erst wieder bei der Entwicklung einer gewerkschaftlichen Weiterbildung für Menschen mit Behinderung oder auch beim Projekt Empowerassist, bei dem es um die Weiterentwicklung von Kompetenzen ging, die Fachpersonen für die ambulante Begleitung von Menschen mit Behinderung benötigen. Auch an unseren Tagungen und Kongressen übernehmen Selbstvertretende eine aktive Rolle. ARTISET/INSOS beschäftigt zudem auch Mitarbeitende mit Behinderung.

Neben den Bemühungen der Leistungserbringer müssen die politischen Rahmenbedingungen stimmen: Wie bringt sich INSOS auf der Ebene der nationalen Politik ein?

In den letzten Jahren hat unser politisches Engagement zugenommen, was natürlich auch mit der Agenda des Bundes zu tun hat. Die Themen der Behindertenpolitik stehen derzeit weit oben auf der Agenda. Wir bringen uns aktiv ein über Parlamentsmitglieder, die zugleich den Vorständen unserer Kollektivmitglieder angehören. Zudem versenden wir unsere Empfehlungen an die Parlamentarierinnen und Parlamentarier. Wichtig sind aber vor allem auch die aktive Kontaktpflege durch die Politikverantwortlichen von ARTISET sowie die Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen.

Welche Anliegen bringen Sie konkret in die aktuelle Debatte zum Inklusionsrahmengesetz ein, dem indirekten Gegenvorschlag zur Inklusionsinitiative?

Im Rahmen der Anhörung durch die vorberatende Kommission haben wir diverse Vorschläge eingebracht: So etwa, dass im neuen Gesetz nicht nur das Wohnen, sondern auch Arbeit und Bildung ein Thema sein müssen. Konkret erwähnen möchte ich den Ausbau des heute eingeschränkt möglichen Supported Employment zu einem langfristigen Jobcoaching. Explizit im Gesetz verankert haben wollen wir zudem, dass die freie Wahl bei Wohnort und Wohnform auch das kollektive Wohnen einschliesst.

Zentral für die Umsetzung der UN-BRK ist die kantonale Ebene. Hier entstehen derzeit sukzessiv neue Gesetze: Wie erleben Sie die Zusammenarbeit?

Unsere Kollektivmitglieder bringen immer wieder zum Ausdruck, dass es für sie von zentraler Bedeutung ist, frühzeitig und auf Augenhöhe in den Prozess eingebunden zu werden; sei dies als Expertinnen und Experten oder als Leistungserbringer, die das Angebot heute bereitstellen. In einigen Kantonen funktioniert das gut, vor allem dort, wo gute Beziehungen zwischen den Behörden und den Kollektivmitgliedern bestehen. Es gibt aber auch Kantone, die immer noch zu Unrecht befürchten, dass die Institutionen die Umsetzung der UN-BRK nicht vorantreiben wollen. Ich stelle zudem fest, dass die kantonalen Behörden zu wenig miteinander reden und bei der Ausarbeitung der Gesetze die Erfahrung in anderen Kantonen zu wenig berücksichtigen.

In einzelnen Kantonen, so in Bern und Zürich, sind die Gesetze bereits vor über zweieinhalb Jahren in Kraft getreten: Wie beurteilen Sie die Umsetzung?

Es geht weniger schnell vorwärts, als sich das viele vorgestellt haben, einschliesslich der Kantone. In Zürich etwa ging man davon aus, dass sich durch das neue Gesetz rasch neue Angebote entwickeln, die den Ansprüchen der UN-BRK entsprechen. Das ist aber nicht der Fall: Wir haben heute ja ein bestehendes, gutes Angebot. Diese Angebote werden jetzt weiterentwickelt, entlang den Bedürfnissen, die bei den Betroffenen erhoben werden. Das aber braucht Zeit. Alle Akteure brauchen Zeit, auch die Menschen mit Behinderung selber und ihre Angehörigen. Es ist nicht von heute auf morgen möglich, selbstbestimmt zu leben. Und betonen möchte ich: In diesem Prozess gilt es, die Leistungserbringer als Teil der Lösung zu sehen. Das Zielbild der UN-BRK wird sich erst im Verlauf der nächsten Jahrzehnte voll realisieren lassen.

Die UN-BRK lässt sich nur umsetzen, wenn die Gesellschaft und die Wirtschaft mitziehen: Wie steht es damit aus Ihrer Sicht?

Unter anderem dank der Praktischen Ausbildung (PrA) steht der Verband seit vielen Jahren in einem Austausch mit der Wirtschaft. Unsere Mitglieder, also die sozialen Unternehmen, sind ein Teil der Wirtschaft. Vor allem in den letzten Jahren und aufgrund der erhöhten Aufmerksamkeit gegenüber der UN-BRK ist die soziale Verantwortung aufseiten der Arbeitgebenden gewachsen. Der Inklusionsindex 2026 von Pro Infirmis zeigt, dass die Betroffenen insbesondere eine Verbesserung in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung sehen. In den Bereichen Arbeit, Politik und Mobilität erkennen sie aber immer noch wenige Fortschritte.

Neben der Umsetzung der UN-BRK ist die zunehmend angespannte Fachkräftesituation eine Herausforderung für die Leistungserbringer. Welche Unterstützung leistet INSOS hier?

Im Jahr 2025 hat die Föderation ARTISET mit ihren drei Branchenverbänden die Fachkräfteresolution verabschiedet. Ein Schwerpunkt für das nächste Jahr ist es, Massnahmen verstärkt umzusetzen. Nützen können wir sicher die Tatsache, dass sich die Leistungserbringer zwischen den Bereichen Gesundheit und Soziales bewegen. Da können attraktive Arbeitsmöglichkeiten entstehen. Erwähnen möchte ich hier das Projekt Task Shifting.

Können Sie das Projekt etwas umreissen?

In den Institutionen für Menschen mit Behinderung sind auch immer mehr Pflegeleistungen gefordert. Mit dem Pilotprojekt Task Shifting im Kanton Wallis entwickeln wir eine Weiterbildung, die es Fachkräften aus dem Sozialbereich ermöglicht, gewisse pflegerische Kompetenzen zu erlangen und die entsprechenden Leistungen unter der Aufsicht einer Pflegefachperson zu erbringen. Zu einem späteren Zeitpunkt soll es umgekehrt auch Pflegefachpersonen ermöglicht werden, soziale Kompetenzen zu erwerben, zum Beispiel für die Betreuung von Menschen mit Behinderung in Alters- und Pflegeheimen.

INSOS ist ein Teil von ARTISET: Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit den anderen Branchenverbänden, Curaviva und Youvita, erlebt?

Wir haben viele gemeinsame Themen. Das ist in den letzten Jahren auch an der ARTISET-Geschäftsstelle deutlich geworden. Es gibt diverse Projekte, die branchenübergreifend funktionieren, erwähnt habe ich die gemeinsame Fachkräfteresolution und das Projekt Task Shifting. ARTISET ist zudem damit beschäftigt, eine gemeinsame Datenplattform zu entwickeln, demnächst wird ein branchenübergreifender Zukunftsradar veröffentlicht. Diese Zusammenarbeit habe ich also sehr inspirierend erlebt. Es gibt auch Kantonalverbände, etwa ARTISET Zürich, die die Branchen vereinigen. ARTISET ist für mich ein Modell der Zukunft, auch auf der Ebene der nationalen und kantonalen Behörden. Die Trennung in einen Sozial- und Gesundheitsbereich erscheint mir realitätsfern.

Wie lautet Ihr persönliches Fazit nach drei Jahren als Geschäftsführerin von INSOS und Mitglied der ARTISET-Geschäftsleitung?

Wir bewegen uns in einem sehr dynamischen Umfeld. Das empfinde ich als sehr motivierend und anregend. Wie ich in den letzten Wochen immer wieder gehört habe, ist INSOS in den letzten Jahren in den Kantonen sichtbarer und greifbarer geworden. Das hat mit einer verstärkten Beziehungsarbeit für die Interessen von INSOS zu tun, für INSOS als Teil von ARTISET. Diese Beziehungsarbeit hat mir sehr viel Freude bereitet. Anderen Menschen zuhören, erkennen, wo welche Bedürfnisse bestehen und die Menschen zusammenzubringen, damit Neues entstehen kann. Ich stelle aber gleichzeitig auch fest, dass Veränderungen viel langsamer realisiert werden können, als man sich dies erhoffen würde. Die inklusive Gesellschaft lässt sich nicht von heute auf morgen realisieren.

Welches ist Ihre nächste Station – und was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin, Dalit Jäckel-Lang?

Ich werde künftig als Fachdozentin im Bereich Sozialpädagogik der Höheren Fachschule Agogis tätig sein und freue mich sehr auf den direkten Austausch mit den Studierenden. Meiner Nachfolgerin empfehle ich, nicht zu schnell zu viel zu wollen, sondern einen Schritt nach dem andern zu machen. Wichtig ist zudem, den Menschen mit Behinderung, den Fachpersonen und den Leitungspersonen gut zuzuhören, um zu verstehen, was sie vom Verband benötigen.