Magazin ARTISET

MAGAZIN | «Es ist wichtig zu verstehen, was uns in Zukunft erwartet»

Elisabeth Seifert

Demnächst wird erstmals ein Zukunftsradar für den Gesundheits- und Sozialbereich vorliegen. Erarbeitet wurde er für die Mitglieder der drei Branchenverbände von Artiset. Der Radar weist sechs Megatrends auf und für die einzelnen Branchen jeweils rund 30 Trends. Der Zukunftsradar ist ein Hilfsmittel für die Strategieentwicklung, sagt Christina Zweifel. Sie ist Geschäftsführerin von Curaviva und hat den Radar initiiert.

Frau Zweifel, im Verlauf des Herbsts wird Artiset einen Zukunftsradar für die Mitglieder der drei Branchenverbände Curaviva, Insos und Youvita veröffentlichen – weshalb?

Christina Zweifel: Die Mitglieder unserer drei Branchen überlegen sich, welche Trends in Zukunft für sie relevant sind und was diese für sie bedeuten. Aktuell bestehende Radare oder auch -karten weisen die Trends auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene aus, nicht aber die Trends, die spezifisch unsere Branchen betreffen. Damit nicht jede Institution, jedes strategische Gremium selber aktiv werden muss, haben wir diese Aufgabe übernommen. In unserem Trendradar weisen wir für alle drei Branchen die Trends auf und zeigen auch, wann sie in etwa zu erwarten sind. Der Zukunftsradar ist ein Hilfsmittel, das die Institutionen bei der Entwicklung ihrer Strategie unterstützen kann, er kann ihnen aber nicht die Arbeit abnehmen.

Sie haben als Geschäftsführerin von Curaviva den Trendradar initiiert, wie kam es dazu?

Christina Zweifel: Vor einiger Zeit hat Curaviva mit den Mitgliedern eine Gesamtstrategie für die Pflegeheimbranche erarbeitet. Dabei waren die Zukunft und welche Aufgaben und Herausforderungen auf uns respektive die Branche zukommen, immer wieder ein Thema. Innerhalb von Artiset wurde uns dann schnell klar, dass es nicht nur für Curaviva, sondern auch für die Leistungserbringer für Menschen mit Behinderung sowie für Kinder und Jugendliche wichtig ist, zu verstehen, was uns in Zukunft erwartet. Nur so können wir die Weichen richtig stellen, um unsere Arbeit sowohl in der Gegenwart als auch in Zukunft gut zu machen.

Die drei Branchen haben dann also gemeinsam den Zukunftsradar entwickelt?

Christina Zweifel: Die Teams der drei Branchenverbände haben gemeinsam mit der Ostschweizer Fachhochschule OST sechs Megatrends für unsere drei Branchen erarbeitet. Das sind der demografische Wandel, Health Shift, Ökologisierung, Technologisierung, Wertewandel und Ökonomisierung. Zudem haben wir gemeinsam mit der OST die Struktur definiert sowie mögliche Varianten einer Zukunftsübersicht geprüft. Wir haben uns für einen Radar und nicht für eine Karte entschieden. Der Radar hat insbesondere den Vorteil, dass er die zeitliche Perspektive integriert, was für die Strategiearbeit der Institutionen von hoher Relevanz ist. Die drei Branchen haben dann jeweils für sich die einzelnen Trends zusammengetragen. Wir haben diese untereinander abgeglichen und gemeinsam mit einem Zukunftsforscher gegengecheckt.

Trotz vielen Gemeinsamkeiten gibt es für Curaviva, Insos und Youvita jeweils einen eigenen Radar – weshalb?

Christina Zweifel: Während die sechs Megatrends für alle drei Branchen gleich sind, gibt es auf der Ebene der einzelnen Trends Unterschiede. So ist etwa die Anzahl der Trends verschieden. Für die drei Branchen weisen wir zurzeit zwischen 23 und 35 Einzeltrends aus. Auch wenn viele der einzelnen Trends identisch sind, gibt es branchenspezifische Rahmenbedingungen und Fragestellungen, die wir bei der Beschreibung der jeweiligen Trends deutlich machen. Die Anzahl der Trends wird sich im Lauf der Zeit ändern. Unsere Idee ist es, den Radar fortlaufend zu aktualisieren.

Bereits beim ersten Blick wird deutlich, dass beim Radar vier Handlungsfelder unterschieden werden. Können Sie diese kurz erläutern?

Christina Zweifel: Es handelt sich hier um die zentralen Handlungsfelder jeder Artiset-Organisation: Zunächst sind das die Klientinnen und Klienten. Die Trends in diesem Handlungsfeld fokussieren auf ihre Bedürfnisse und Erwartungen im Alltag. Ein zweites Handlungsfeld betrifft die Mitarbeitenden, thematisiert werden Entwicklungen rund um Arbeitsbedingungen, Kompetenzen sowie die Zusammenarbeit. Zentral für jede Organisation ist weiter das externe Umfeld, also wie sich politische, rechtliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen entwickeln. Und ein viertes Handlungsfeld sind die Betriebe selbst: Der Fokus liegt hier auf Trends im Bereich der nachhaltigen, wirkungsvollen und wirtschaftlichen Erbringung von Leistungen.

Diese vier Handlungsfelder sind mit einer Zeitachse kombiniert – warum das?

Christina Zweifel: Wir unterscheiden drei verschiedene Zeitebenen. In Zentrum des Radars sind jene Trends pro Handlungsfeld abrufbar, bei denen heute Lösungen bereits vorhanden sind respektive in den nächsten zwei oder drei Jahren vorhanden sein müssen. Der mittlere Kreis benennt Trends, auf die man sich in den nächsten vier bis acht Jahren vorbereiten muss. Im äussersten Kreis mit einem Zeithorizont von mehr als acht Jahren lassen sich Trends anklicken, die man als Institution beobachten sollte, um dann gewappnet zu sein, wenn sie eintreffen.

Auf welcher Zeitebene liegen die meisten Trends?

Christina Zweifel: Über alle drei Branchen hinweg liegen viele Trends im innersten Kreis, wo sofort gehandelt werden muss. Wir bewegen uns hier im operativen Bereich. Hier gibt es auch viele Institutionen, die bereits funktionsfähige Lösungen umgesetzt haben. Hierzu gehören etwa die Trends Inklusion, Diversität, Ambulantisierung, neue Arbeitszeitmodelle oder der steigende Kostendruck.

Für die eigentlich strategische Arbeit sind dann vor allem die Trends der beiden anderen Kreise relevant?

Christina Zweifel: Um Strategien zu entwickeln und umzusetzen, braucht es mehrere Jahre. Organisationen nehmen in der Regel alle drei bis vier Jahre eine Justierung ihrer Strategie vor. Bei den Trends im mittleren Kreis wissen wir, dass sie mit grösster Wahrscheinlichkeit kommen, und auf diese sollte man sich vorbereiten: Dazu zählen etwa die Prozessautomatisierung, KI in der Betreuung respektive die Betreuungs- und Pflegerobotik sowie Veränderungen bei den Berufsprofilen und Kompetenzen. In strategische Überlegungen fliessen zudem auch noch längerfristig zu erwartende Trends ein, die in unserem äussersten Kreis angesiedelt sind, so ein Nachhaltigkeitsreporting oder die Wirkungssteuerung.

Wie lässt sich der Zukunftsradar mit Gewinn lesen?

Christina Zweifel: Es kommt ganz darauf an, wofür man sich interessiert. Wer etwa die Entwicklungen in den einzelnen Handlungsfeldern über die nächsten Jahre hinweg verfolgen möchte, klickt sich durch die verschiedenen Zeitachsen in diesem Handlungsfeld. Es poppen dann jeweils die einzelnen Trends auf. Diese werden kurz beschrieben sowie einem oder mehreren Megatrends zugeordnet. Sehr wertvoll sind auch die Fragen, die sich die Nutzenden jeweils stellen können. Wer sich zunächst einfach für einen Megatrend interessiert, der klickt auf den entsprechenden Trend. Sichtbar werden eine allgemeine Beschreibung sowie eine Beschreibung der einzelnen Trends in diesem Bereich.

Wie können die Institutionen mit dem Radar arbeiten?

Christina Zweifel: Es gibt verschieden Arten, wie Verantwortliche mit dem Trendradar arbeiten können: Sie können sich zwecks Inspiration einfach mal durchklicken und das eine oder andere festhalten. Der Radar kann aber auch konkret als Basis für einen Workshop mit dem strategischen Gremium dienen: Zu diesem Zweck werden wir drei Online-Broschüren publizieren, für jede Branche eine. Diese Broschüren werden jeweils eine Anleitung für die Durchführung eines Workshops beinhalten, und zudem können die Megatrends sowie die einzelnen Trends einfach ausgedruckt und so genutzt werden. Ein solcher Workshop kann im Rahmen des Strategieprozesses durchgeführt werden oder auch anlässlich einer jährlichen Retraite.

Wo sehen Sie den Nutzen des Radars für die Arbeit auf Verbandsebene?

Christina Zweifel: Besonders wichtige Hinweise kann uns der Radar für die politische Arbeit geben. Wir können uns jeweils fragen, welche Themen politisch relevant sind und auf welcher Ebene diese angegangen werden müssen. Gerade auf nationaler Ebene muss aufgrund der langwierigen Prozesse die politische Arbeit früh an die Hand genommen werden. Dementsprechend sind hier auch die Trends im Kreis «Beobachten» relevant. Wir können den Radar aber auch nutzen, um die nötigen fachlichen Instrumente rechtzeitig zur Verfügung zu stellen.

Die drei Branchenradare weisen viele gemeinsame Trends auf: Weshalb?

Christina Zweifel: Das hat wesentlich damit zu tun, dass alle unsere Mitglieder Betriebe führen, wo Menschen wohnen und arbeiten. Das führt dazu, dass wir in allen Handlungsfeldern viele gemeinsame Trends haben. Es gibt aber auch Unterschiede, da etwa Kinder und Jugendlich sowie ältere Menschen nicht die gleichen Bedürfnisse haben. Zudem haben die gleichen Trends oder Megatrends oft unterschiedliche Effekte in den einzelnen Branchen. Zum Beispiel der Megatrend demografischer Wandel: Im Bereich Youvita zeigt sich dieser vor allem darin, dass es schwierig ist, Fachkräfte zu finden. Im Bereich Insos kommt neben der schwierigen Fachkräftesituation die älter werdende Klientel dazu. Und im Bereich von Curaviva haben wir die grosse zusätzliche Herausforderung, dass in den nächsten 20 Jahren mehr als doppelt so viele Leute gepflegt werden müssen und es deshalb mehr Pflegeheime braucht.

Wo sehen Sie die zentralen branchenübergreifenden Schwerpunktthemen?

Christina Zweifel: Sehr beschäftigt sind die Institutionen derzeit mit dem Fachkräftemangel sowie den daraus resultierenden Herausforderungen auf der politischen und der institutionellen Ebene. Etliche Trends betreffen die Arbeitgeberattraktivität oder die Einführung neuer Arbeitszeitmodelle. Namentlich für die grösseren Betriebe wird der Themenbereich Nachhaltigkeit immer wichtiger: Sie werden in Zukunft wohl entsprechende Bemühungen nachweisen müssen. Auf betrieblicher Ebene beschäftigte die Institutionen die Tendenz der medialen Skandalisierung. Auf der Ebene der Klientinnen und Klienten sind Inklusion und Diversität zentrale Themen, wobei die Veränderungen nicht in allen Branchen gleich schnell erfolgen.

Kann es dadurch nicht auch sehr interessant sein, zu verfolgen, wie andere Branchen mit bestimmten Trends umgehen?

Christina Zweifel: Wir laden die Mitglieder explizit ein, zu schauen, wie sich ein bestimmter Trend in den anderen Branchen zeigt. In der Beschreibung der einzelnen Trends werden je nach Branche oft auch etwas andere Fragen gestellt, was für die eigene Reflexion sinnvoll sein kann. Der Trend Inklusion zum Beispiel ist seit Längerem ein Kernthema des Branchenverbands Insos. Für die anderen Branchenverbände kann es deshalb sehr interessant sein, zu verfolgen, mit welchen Instrumenten Mitwirkung und Teilhabe verbessert werden können.

Welche Hoffnungen haben Sie an die Verwendung des Radars?

Christina Zweifel: Der Zukunftsradar ist einzigartig, es gibt nichts Vergleichbares für unsere Branchen. Meine Hoffnung ist es, dass die Institutionen und auch die Verbände auf kantonaler und nationaler Ebene den Radar mit viel Neugier entdecken. Und ich hoffe, dass wir damit Denkanstösse geben können. Zu diesem Zweck ist auch wichtig, dass der Radar sukzessive aktualisiert wird. Wir haben damit ein starkes Instrument, um die Branchen zu positionieren.