MAGAZIN | «Wir brauchen einen ganzheitlichen Blick auf die Gesellschaft»
Ein neues Netzwerk will der Stimme der Soziokultur mehr Gewicht verschaffen. Ziel ist es, die Gemeinden zu unterstützen, das Zusammenleben aller Bevölkerungsgruppen zu fördern. Ende September wird an einer Veranstaltung in Biel die Gründung einer «Allianz Soziokultur Schweiz» vorangetrieben. Peter Zumbühl, Schulleiter der Höheren Fachschule Gemeindeanimation in Luzern, erläutert die Hintergründe.
Herr Zumbühl, Sie haben als Schulleiter der Höheren Fachschule Gemeindeanimation von ARTISET Bildung die Gründung einer nationalen Allianz Soziokultur wesentlich angestossen – wie ist es dazu gekommen?
Seit einigen Jahren treffen sich Vertretende des Berufsfeldes der Soziokultur im Rahmen des «Labor Soziokultur». Da wurden Grundlagen für die soziokulturelle Arbeit, wie die «Charta Soziokultur» erarbeitet. Getragen wurden diese «Labore» vor allem vom Institut für Soziokulturelle Entwicklung der HSLU Hochschule Luzern, der Stiftung Soziokultur Schweiz sowie der Höheren Fachschule Gemeindeanimation in Luzern. Beim 3. Labor ging es darum, die Wirkung der Soziokultur nach aussen zu untersuchen. Uns wurde bewusst, dass es auf der fachlichen Ebene viele Aktivitäten gibt, welche die Soziokultur stärken, dass aber die Verbindung zu politischen Anspruchsgruppen weitgehend fehlt, um gerade auch auf kantonaler und nationaler Ebene die Perspektive der Gemeinwesenentwicklung und der soziokulturellen Arbeit einzubringen. Im Jahr 2021 haben wir deshalb aus dem «3. Labor Soziokultur» heraus eine Interessengruppe Politik gegründet.
Wie kam es dann von dieser Interessengruppe Politik zur Absicht, eine Allianz Soziokultur zu gründen?
Es war aus früheren Erfahrungen klar, dass wir uns breiter aufstellen müssen, um auf nationaler Ebene Wirkung erzielen zu können. Mit Fédération romande de l’animation socioculturelle, kurz Federanim, konnten wir schon von Beginn weg die lateinische Schweiz für die Idee gewinnen. Es stiessen zudem Vertreterinnen und Vertreter weiterer Organisationen zum Netzwerk dazu, etwa vom Dachverband Offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz oder von AvenirSocial. Diese Gruppe hat dann seit 2021 wichtige Grundlagen erarbeitet, auf kantonale und nationale Vernehmlassungen aufmerksam gemacht und die Antworten koordiniert.
Können Sie diese bisher geleisteten Aktivitäten konkretisieren?
Bei der Entwicklung des nationalen Programms «Einsamkeit im Alter», heute ist das der Verein Connect, konnte die Gruppe die Sichtweisen der Soziokultur koordiniert einbringen. Dazu zählen etwa die Förderung der Nachbarschaftshilfe, Freiwilligenarbeit, Lebensqualität und Empowerment. Weiter haben wir die Kompetenzprofile der Soziokultur in der Arbeitsgruppe «Strategie soziale Berufe im Altersbereich» von Savoirsocial eingebracht, dem Dachverband für die Berufsbildung im Sozialbereich. Bei all diesen Aktivitäten blieben wir aber leider stark von der Initiative einzelner engagierter Personen abhängig.
Und das wollen Sie jetzt mit der Allianz Soziokultur ändern?
Es braucht ein breit abgestütztes Netzwerk, damit wir der Stimme der Soziokultur mehr Geltung verschaffen können. Wir haben zu diesem Zweck weitere Organisationen angefragt, die selber ein politisches Gewicht in der Öffentlichkeit haben und gleichzeitig über einen breiten Blick auf das gesellschaftliche Zusammenleben verfügen. Daraus ist im letzten Jahr eine Pre-Allianz entstanden, der neben den bereits genannten Organisationen auch Unicef Schweiz Liechtenstein, Diakonie Schweiz, Schweizer Dachverband für Partizipation sowie ARTISET mit den drei Branchenverbänden Curaviva, Insos und Youvita angehören. All diese Organisationen haben in den vergangenen Monaten den Beteiligungsanlass vom 25. September in Biel vorbereitet.
Welches sind die Ziele dieses Anlasses in Biel vom 25. September?
Es handelt sich um einen offen gestalteten Anlass, an dem wir gemeinsam die Ausrichtung der zukünftigen Allianz Soziokultur Schweiz diskutieren. Zu diesem Zweck haben wir Organisationen eingeladen, die einen Bezug zu soziokulturellen Themen haben. Ein wichtiges Thema ist die künftige Organisationsform der Allianz. Zentrale weitere Themen sind die Finanzierung des Netzwerks und natürlich die Inhalte, auf die wir uns konzentrieren wollen.
Weshalb ist es für Sie so wichtig, dass die Soziokultur auf nationaler Ebene eine Stimme erhält?
Das klassische Betätigungsfeld der Soziokultur ist die kommunale und regionale Ebene. Und hier wird viel gute Arbeit geleistet. Die Gestaltung des Zusammenlebens in der Schweiz ist vor dem Hintergrund der vielen gesellschaftlichen Herausforderungen aber immer ein Zusammenspiel aller drei Staatsebenen. Der Bund und die Kantone haben dabei vor allem eine koordinierende Funktion. Sie steuern Prozesse und leisten mit konkreten Programmen in den Gemeinden und Regionen wichtige Unterstützungsarbeit. Die einzelnen Gemeinden verfügen oft über zu wenig Ressourcen, personell und finanziell. In solchen Programmen und Initiativen des Bundes sowie der Kantone möchten wir mit der Allianz die Stimme der Soziokultur einbringen.
An welche nationalen Programme oder Initiativen denken Sie hier?
Sehr wertvoll sind die Programme des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE). Dieses koordiniert und betreut auf Bundesebene mehrere Programme auf urbaner und regionaler Ebene in den Bereichen Raumentwicklung, nachhaltige Entwicklung und Mobilität. Wir möchten darauf hinwirken, dass wichtige Anliegen der Soziokultur wie Inklusion und Partizipation in solche Programme aufgenommen werden.
Welche Vision verfolgen Sie mit diesen politischen Bemühungen?
Die Allianz soll für alle Belange der soziokulturellen Entwicklung Ansprechpartner sein für Organisationen, Verbände und Behörden aller Staatsebenen. Wir wollen zudem aktiv unsere Positionen einbringen, um deutlich zu machen, welchen Beitrag Gemeinwesenarbeit und Soziokultur zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten können. Ganz konkret haben wir die Vision, dass möglichst überall in der Schweiz kommunale Akteure zur Verfügung stehen, die das Zusammenleben, die Beteiligung und Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen fördern.
Wie lassen sich Soziokultur und Gemeinwesenarbeit definieren?
Sowohl Soziokultur als auch Gemeinwesenarbeit bezeichnen die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenlebens durch kulturelle und soziale Aktivitäten. Bei diesen Aktivitäten handelt es sich nicht um Angebote einzelner Organisationen, sondern um Aktionen oder Anlässe, die zusammen mit verschiedenen Anspruchsgruppen gestaltet werden. Soziokultur und Gemeinwesenarbeit schaffen Räume, in denen Menschen verschiedener Altersgruppen und Hintergründe gemeinsam kreativ werden, sich austauschen und das Gemeinwesen mitgestalten können. Ziel ist es, Partizipation, Integration und den sozialen Zusammenhalt zu stärken, beispielsweise durch Quartierzentren, Jugendtreffs, Kulturprojekte oder Gemeinschaftsveranstaltungen. Eine wichtige Bedeutung hat dabei auch der Einbezug von Freiwilligen.
Gibt es einen Unterschied zwischen «Soziokultur» und «Gemeinwesenarbeit»?
Die Theorien zur soziokulturellen Animation sind eher im französischen Sprach- und Kulturraum verankert. Das Konzept basierte verkürzt auf einer aktivistischen, staatskritischen Haltung. Mit entsprechenden Aktionen wehrte man sich gegen staatlich produzierte Ungleichheiten und engagierte sich für die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen. Der im deutschen Kulturraum verbreitete Begriff «Gemeinwesenarbeit» meint demgegenüber ein von den Behörden geförderte und staatlich legitimierte Entwicklung hin zu Partizipation und Teilhabe.
Gemeinschaftsfördernde Aktionen richten sich dabei immer an mehrere Zielgruppen?
Um den gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen, brauchen wir einen ganzheitlichen Blick auf die Gesellschaft. Nur damit kann Inklusion in Schule und Gesellschaft Realität werden. Die Aufgabe der Soziokultur besteht wesentlich darin, Menschen und Aktivitäten miteinander zu vernetzen. Viele Aktivitäten entstehen in Gemeinden und Quartieren von sich aus, zum Beispiel ein Gemeinschaftsgartenprojekt, das von engagierten Bürgerinnen und Bürgern getragen wird. Die Soziokultur versucht dann, Vernetzungsarbeit zu leisten, zum Beispiel mit einem sich in der Nähe befindenden Pflegeheim, sodass Bewohner in einer Form an diesem Projekt teilhaben können. Soziokulturelle Arbeit geht sehr oft von bestehenden Initiativen und Strukturen aus und versucht diese zusammenzubringen respektive die Kräfte zu bündeln.
Wie beurteilen Sie den Stand der Vernetzungsarbeit in den Gemeinden und Regionen?
In vielen Gemeinden besteht hier Handlungsbedarf. Dies auch vor dem Hintergrund, dass viele Initiativen in den Gemeinden auf ein zivilgesellschaftliches Engagement angewiesen sind. Ein solches Engagement ermöglicht den Freiwilligen selber Anerkennung und trägt zur Partizipation weiterer Bevölkerungsgruppen bei. Denken wir etwa an Quartiertreffs oder die Nachbarschaftshilfe. Gerade auch in der Koordination von Freiwilligenarbeit kann die Soziokultur einen wichtigen Beitrag leisten und Projekte miteinander verbinden. Es ist ineffizient, wenn Freiwilligenarbeit zielgruppenspezifisch moderiert wird. Durch gute Koordination und Beziehungsarbeit lässt sich das zivilgesellschaftliche Engagement fördern und verhindern, dass Strukturen beispielsweise durch Überforderung verloren gehen.
Was braucht es jetzt konkret in den Gemeinden und Regionen?
Es braucht jemanden, der für Soziokultur verantwortlich ist und zum Beispiel im Hinblick auf die Umsetzung einer Altersstrategie damit beginnt, Netzwerke aufzubauen, über die es gelingt, Freiwillige zu aktiveren. Wenn dieses Netzwerk genügend stabil ist, werden Aktionen für weitere Zielgruppen entstehen, zum Beispiel für Migrantengruppen. Gemeindeanimatorinnen und -animatoren sind dafür ausgebildet, das Potenzial innerhalb einer Gemeinde zu erkennen.
Können Sie konkrete gute Beispiele von Gemeinwesenarbeit nennen?
In der Zuger Gemeinde Risch-Rotkreuz ist ein interdisziplinäres Team des Bereichs «Generationen und Gesellschaft» für verschiedenste Zielgruppen zuständig, von Jugendlichen bis zu Seniorinnen und Senioren. Das Herz der soziokulturellen Arbeit ist ein multifunktionaler Raum in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof. Anders als in anderen Gemeinden wird der Raum nicht nur von den Jugendlichen, sondern von verschiedensten Gruppen genutzt, von Familien, Jugendlichen bis hin zu Seniorinnen und Senioren. Die Vielseitigkeit des Generationenraums zeigt beispielhaft, wie vernetzt die Gemeinde Risch das soziale Zusammenleben angeht.
Gibt es auch Beispiele aus dem städtischen Gebiet?
In der Stadt Luzern gibt es die Abteilung Quartiere und Integration. Diese ist in den Quartieren präsent und betreibt Anlaufstellen für die Bevölkerung, ganz besonders für Kinder und Jugendliche sowie für zivilgesellschaftliche Organisationen. Die Abteilung dient als Scharnier zu Verwaltung und Behörden und unterstützt respektive vernetzt zivilgesellschaftliche Aktivitäten miteinander.
Die Veranstaltung von Ende September in Biel wird von ARTISET mit den drei Branchenverbänden Curaviva, Insos und Youvita mitgetragen – wo sehen Sie die Synergien mit der Allianz Soziokultur Schweiz?
Viele stationäre Leistungserbringer wollen sich mit ihren Aktivitäten und Dienstleistungen im Sozialraum verankern. Die Menschen sollen möglichst selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Damit sind zum einen die Leistungserbringer selber gefordert, und zum anderen braucht es ein Gemeinwesen, das die dafür nötigen Strukturen und Zugänge schafft. ARTISET als Interessenvertreterin der Institutionen sowie die Allianz Soziokultur haben damit bei der sozialräumlichen Weiterentwicklung der Leistungserbringer gemeinsame Interessen beziehungsweise ergänzen sich in ihren Bemühungen. Im gemeinsamen Auftritt können wir die Anliegen noch besser vertreten.