HUMOR | Den Berufsalltag gelassener nehmen

Elisabeth Seifert
Eine Teamsitzung im Pflegeheim La Lisière: Es darf und soll sogar gelacht werden.

Mitarbeitende bei der Entwicklung einer positiven Einstellung gegenüber den oft schwierigen Situationen in ihrem Alltag unterstützen: Das will die Geschäftsführerin des Pflegeheims La Lisière in Evilard BE. Mit Humor lasse sich vieles leichter nehmen, ist sie überzeugt. Im Arbeitsalltag bewähren sich heute Praktiken, die darauf abzielen, zu lachen. Die Mitarbeitenden sind zudem dafür sensibilisiert, dass eine humorvolle Reaktion auf eine herausfordernde Situation sehr entlastend sein kann.

Wer das Pflegeheim La Lisière in Evilard hoch über Biel betritt, merkt schnell, dass die kleine Gemeinschaft sich vorgenommen hat, dem oft nicht ganz leichten Alltag mit einer humorvollen Einstellung zu begegnen. 70 Mitarbeitende begleiten hier 46 betagte Menschen. Gleich im Eingangsbereich, der sich zum Bistro hin öffnet, steht nicht zu übersehen der «Humorautomat», ein umfunktionierter Chupa-Chups-Automat. Ich folge der Gebrauchsanweisung, betätige eine Kurbel, und schon rollt aus dem Zylinder eine Plastikkugel. Darin befinden sich eine kleine Schokolade und zudem, auf Französisch, der Spruch: «Ich bin multitaskingfähig: Ich kann zuhören, ignorieren und vergessen – alles gleichzeitig.» Ein Spruch, der die moderne Arbeitswelt und den ständigen Druck, produktiv sein zu müssen, aufs Korn nimmt. Anstatt stolz darauf zu sein, viel zu leisten, feiert der Spruch mit Sarkasmus und Selbstironie die Kunst, auf Durchzug zu schalten.

Der Automat ist voll mit solchen Kugeln. Die humorvollen, oft auch zum Nachdenken anregenden Sprüche stammen aus der Feder bekannter Humorkünstlerinnen und -künstler oder auch – wie der oben zitierte Spruch – aus anonymer Quelle. Yvonne Basile, die Geschäftsführerin des «La Lisière», hat diesen ein erstes Mal im Jahr 2021 hier aufgestellt, jetzt steht er wieder da und kann von anderen Pflegeheimen oder sozialen Institutionen ausgeliehen werden. Genutzt wird er von Bewohnerinnen und Bewohnern, vor allem aber von Mitarbeitenden und Gästen. Auch Kinder drehen, der Süssigkeiten wegen, (manchmal allzu) gerne an der Kurbel.

Humor lässt sich lernen

«Die Sprüche bringen die Menschen miteinander ins Gespräch», beobachtet Yvonne Basile, deren Büro unweit des Humorautomaten liegt. «Auch ich gehe manchmal hin, wenn ich Lust auf Süsses habe, und kriege dann auch noch einen flotten Spruch dazu», sagt sie schmunzelnd. Der Humorautomat ist ein Türöffner, gerade auch, weil Institutionen damit angeregt werden sollen, ihre Mitarbeitenden bei der Entwicklung einer positiven Einstellung zu unterstützen.

Yvonne Basile hat vor einigen Jahren denn auch nicht nur den Humorautomaten bei sich aufgestellt, den ihr Mariette Wüst Studer, Geschäftsführerin von Humor-Inhouse, einer kleinen Firma in Biel, vorbeigebracht hat, sondern hat sich auch für das Schulungsangebot interessiert. Dieses beinhaltet ein- oder halbtägige Humorkurse, die sich an sämtliche Mitarbeitende einer Institution richten (siehe auch Seite 10).

«Humor ist nicht jedermanns Sache», ist sich Yvonne Basile durchaus bewusst. Und auch sie selber gehörte zu Beginn des eintägigen Kurses im «La Lisière» zu jenen, die sich nicht als besonders humorvoll bezeichneten. Humor bedeute auch längst nicht für alle dasselbe, unterstreicht sie. Durch den Kurs habe sie aber erkannt, dass sich Humor lernen lässt. Und zwar nicht, indem man sich einfach eine Menge Witze merkt. «Das Wichtigste ist, eine humorvolle Haltung zu erlernen, mit der es gelingt, alles etwas leichter zu nehmen und auch grosszügiger zu werden gegenüber anderen.»

Gerade im Umgang mit den oft schweren Lebenssituationen der Bewohnenden sowie bei Auseinandersetzungen innerhalb der unter hohem Zeitdruck arbeitenden Teams könne Humor helfen, gelassener zu werden. «Humor hilft, aus einer Problemfixierung herauszukommen», unterstreicht Yvonne Basile. Zudem schaffe Humor einen Zugang zu Bewohnenden oder Arbeitskolleginnen und -kollegen und fördere auf diese Weise eine Verbundenheit mit ihnen. Mit Humor und einer positiven Einstellung lasse sich vieles in eine gute Richtung lenken, ist sie überzeugt. Und zudem helfe Humor auch gerade dann, wenn sich eine Situation nicht ändern lässt.

Wir lachen viel zu wenig

«Ich freue mich, wenn es regnet, denn auch wenn ich mich nicht freue, regnet es», veranschaulicht sie eine positive, humorvolle Einstellung gegenüber dem Unabänderlichen. Der Humorkurs, der in diesem Jahr für die neuen Mitarbeitenden erneut stattgefunden hat, lege eine Grundlage dafür, so Yvonne Basile, das Positive zu sehen. Vermittelt wird zunächst etwas Theorie darüber, was humorvolle Kommunikation ausmacht: Diese muss wohlwollend, wertschätzend und erheiternd sein, auf keinen Fall darf sie jemanden verletzen oder beleidigen. Der Kurs zeigt auch auf, welche unterschiedlichen Arten von Humor es gibt und dass die Art und Weise, wie jemand Humor lebt, abhängig ist von der Persönlichkeit, dem kulturellen Hintergrund, dem Alter oder dem Geschlecht.

Einen echten Gewinn des Kurses sieht Yvonne Basile insbesondere in der Vermittlung konkret anwendbarer Praktiken, die dabei helfen, den Alltag leichter zu bewältigen, einen guten Umgang mit schwierigen Lebens- und Arbeitssituationen zu finden. Vielfach zielen diese Praktiken darauf ab, einfach zu lachen, über sich selber, zusammen mit anderen – und auf diese Weise Abstand zu gewinnen, etwas aus einer anderen Perspektive zu sehen und daraus die Kraft gewinnen, sich mit neuem Schwung seinen Aufgaben zu widmen. «Wir lachen viel zu wenig», stellt Yvonne Basile denn auch fest. Lachen ist gesund, in psychischer oder körperlicher Hinsicht, das weiss eigentlich jeder.

Praktische Übungen für den Alltag

Bewährt hat sich in diversen Teams eine einfach zu handhabende Methode, mit der es gelingt, eine spannungsgeladene Situation im Team zu entschärfen oder die Belastungen nach einem langen Arbeitstag nicht nach Hause mitzunehmen. Begleitet von einer schnellen, huschenden Bewegung beider Arme rufen die zur Sitzung versammelten Teammitglieder «Wusch» und befördern das Problem damit weit weg von sich. Eine Person fängt damit an, alle anderen schliessen sich an. Yvonne Basile: «Das schaut sehr lustig aus, alle beginnen zu lachen, wodurch sich die Spannung löst.»

Eine andere praktische Übung, die ebenfalls der Entspannung im Team dienen kann, besteht darin, in schneller Reihenfolge schwierige, zusammengesetzte Wörter auszusprechen. Eine Person im Kreis beginnt damit und richtet sich an eine Kollegin rechts oder links von ihr. Diese sagt «Stopp», wenn ein Fehler passiert, was sehr wahrscheinlich der Fall ist. Die erste Person muss dann nochmals damit beginnen, wird zwangsläufig scheitern und kann die Aufgabe einem anderen Mitglied weiterreichen. Irgendwann liegen sich alle lachend in den Armen, weil man einfach nicht vorwärtskommt.

Eine weitere Methode zielt darauf ab, sich positiv auf den Arbeitstag einzustimmen, indem man morgens vor dem Spiegel steht und sich selbst ganz bewusst zulächelt. Die Mimik spiele eine zentrale Rolle, so Yvonne Basile, sowohl für die eigene Befindlichkeit als auch für jene der anderen. Sogar am Telefon nehme man wahr, ob das Gegenüber lächelt oder nicht. Neben solchen Tipps helfen allerhand Utensilien, Teammitgliedern oder Bewohnerinnen und Bewohnern ein Lächeln zu entlocken. In den verschiedenen Abteilungen und Bereichen des Pflegeheims sind zu diesem Zweck Humorboxen verteilt worden, bestückt mit Spruchkarten, lustigen Brillen oder roten Nasen.

Auf die Situation bezogener Humor

Noch wirksamer als flotte Sprüche oder eine rote Nase ist aber oft die humorvolle Reaktion auf eine bestimmte Situation, eigene Missgeschicke inbegriffen. Aktivierungsfrau Viviane Lüthi und Sarah Jäggi, Fachfrau Gesundheit, haben hierzu etliche Geschichten auf Lager. Als Letztere kürzlich einmal stolperte und just vor den Füssen einer Bewohnerin am Boden lag, musste diese herzhaft lachen und sagte: «Jetzt liegst für einmal du am Boden und nicht ich.» Sarah Jäggi stimmte fröhlich in das Lachen ein. Das Missgeschick und die Reaktion waren das erheiternde Tagesgespräch auf der ganzen Abteilung. «Man muss auch über sich selber lachen können», sagt Jäggi.

Viviane Lüthi erzählt davon, wie sie und andere Mitarbeitende einen humorvollen Umgang mit den ständigen «Hallo»-Rufen mehrerer Bewohnender gefunden haben: «Unter den Mitarbeitenden rufen wir uns jetzt manchmal selbst gegenseitig Hallo zu, was die Stimmung sofort verbessert.» Gerade im Umgang mit dementen Menschen, die sich immer wieder der Pflege verweigern, sei Kreativität gefragt, weiss Sarah Jäggi: Bei einem Herrn etwa, dem sie das Hemd zuknöpfen wollte, hat die humorvolle Aussage geholfen, «keine Angst, ich will Sie nicht erwürgen». Das brachte ihn zum Lachen und er meinte, «ja, das wäre nicht gut, da kommt dann die Polizei».

«Humor ist bei uns an der Tagesordnung», sagt Aktivierungsfachfrau Lüthi. Und: Die Humorschulungen haben dazu beigetragen, dass einige Kolleginnen und Kollegen lockerer geworden sind. Für Sarah Jäggi waren die vielen Beispiele im Rahmen des Kurses sehr wertvoll, wie Humor in alltäglichen Situationen zum Ausdruck kommen kann. Gemäss Geschäftsführerin Yvonne Basile hat sich die Zusammenarbeit verbessert. «Die Mitarbeitenden wissen auch, dass sie etwas ausprobieren dürfen – wichtig ist einfach, dass man sich über niemanden lustig macht.» Und ganz wichtig ist für sie: «Die Leute dürfen lachen, sie sollen es auch während ihrer Arbeit lustig haben können.»

Humor erleichtert den Alltag

Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 7-8/2026

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