INSOS Kongress 2026

Ein Kongress jenseits der Grenzen

Grenzen-los?! So lautete das Motto des diesjährigen INSOS-Kongresses. Über 200 Teilnehmende waren am 26. und 27. August 2026 nach Interlaken gekommen, um bestehende Grenzen zu hinterfragen, mutig zu übertreten oder sogar einzureissen. Lesen Sie den Rückblick auf einen Kongress jenseits der Grenzen.

Heiss war es Ende August in Interlaken. Doch die hohen Temperaturen waren für die Teilnehmenden kein Hindernis, am INSOS-Kongress die Grenzen der Inklusion und Teilhabe kritisch zu hinterfragen. Erfrischung bracht gleich am ersten Kongresstag die Extremsportlerin und Bergsteigerin Evelyne Binsack mit ihrem Bericht aus eisigen Höhen. Als sie 2001 den Mount Everest als erste Schweizerin bestiegt, stellte sie sich nach dem Abstieg die Frage nach der Willenskraft.

Willenskraft ist mehr als Motivation, erklärt Evelyne Binsack, sie ist eine mentale Energie, mit der wir resilient werden und unsere Emotionen regulieren können. Willenskraft hilft uns, Grenzen zu setzen, aber auch zu überwinden. Doch Willenskraft muss trainiert werden. Dies können wir tun, so riet Evelyne Binsack, indem wir uns auf uns selbst konzentrieren und Kraft aus den Dingen schöpfen, die uns erholen, inspirieren, stärken.

Europäische Grenzen überwinden

Vom Mount Everest ging es zurück nach Europa. Thomas Bignal, Generalsekretär der European Association of Service Providers for Persons with Disabilities (EASPD), zeigte Lösungsansätze aus verschiedenen europäischen Ländern auf. Während in Grossbritannien Integrationsbetriebe gänzlich abgeschafft wurden und der Fokus auf begleiteter Arbeit liegt, setzt man in Flandern auf die Wahlfreiheit der Person. Sie kann selbst entscheiden, wo und wie sie arbeiten möchte. In Luxemburg erhält jeder Mensch mit Behinderungen ein persönliches Budget, das er nach seinem eigenen Ermessen einsetzen kann.

Thomas Bignal ist überzeugt: Gelungene Ansätze für UN-BRK-konforme Dienstleistungen gibt es schon. Man muss sie nur zusammenführen. Das ist eines der Ziele des EASPD. Doch wer auf lokaler Ebene etwas verändern möchte, der muss ein Umfeld schaffen, in dem Menschen mit ähnlichen Projekten und Zielen zusammenkommen können, um sich auszutauschen. So können Hindernisse überwunden werden.

Der zweite Tag begann voller Leidenschaft und Engagement…

…mit Beiträgen der Selbstvertretenden Susanne Willen und Thomas Lindemuth. Sie betonten erneut, dass sie Taten und nicht nur Worte erwarten. Dem Potenzial von Menschen mit Behinderungen müsse mehr Rechnung gezollt werden. Betroffene würde noch zu sehr auf ihre Behinderungen reduziert. Um dem entgegenzuwirken, fordern Susanne Willen und Thomas Lindemuth echte Begegnungen auf Augenhöhe.

Grenzen verschieben: mit Neugier und Vertrauen

Anschliessend zeigte der Neurowissenschaftler Dr. Martin Inderbitzin, was es braucht, um persönliche und gesellschaftliche Grenzen zu verschieben. Seit über zehn Jahren lebt er mit einer Krebserkrankung und setzt sich intensiv mit Resilienz, Angst und dem Umgang mit dem Unbekannten auseinander.

Seine zentrale Botschaft: Wissen allein reicht nicht. Wer etwas verändern will, muss handeln. Dabei gehören Unsicherheit und Angst dazu. Statt diese Emotionen zu bekämpfen, gilt es, sie wahrzunehmen und mitzunehmen: Ich habe Angst und ich kann vorangehen. Ich sehe eine Grenze und eine Möglichkeit.

Martin Inderbitzin plädierte deshalb dafür, Grenzen mit Neugier und Vertrauen zu begegnen. Auch Organisationen können so Veränderungen anstossen: mit kleinen Schritten, Pilotprojekten, dem Mut zum Ausprobieren und der Bereitschaft, aus Erfahrungen zu lernen.

Politische Podiumsdiskussion: Blickwinkel, Systeme und Handlungsweisen verändern

Auf dem Podium trafen sich Islam Alijaj, Nationalrat und Initiant der Inklusionsinitiative, Vanessa Grand, Inklusions- und Behindertenpolitikerin, Oliver Koenig, Professor für Inklusionsmanagement, Gladys Winkler von der Creapole AG und Thomas Bignal vom EASPD zur Diskussion. Und diese zeigte deutlich: Inklusion spielt sich nicht nur auf einer einzigen Ebene ab. Sie erfordert eine Veränderung der Vorstellungen, aber auch der Regeln, der Strukturen und der Art und Weise, wie Lösungen erarbeitet werden.

Drei wichtige Punkte gehen aus der Diskussion hervor:

1. Eine neue Sichtweise auf Menschen mit Behinderungen

Das grösste Hindernis für Inklusion liegt häufig in den Vorstellungen der Menschen.

Menschen mit Behinderungen werden nach wie vor oft als Empfänger:innen von Sozialleistungen betrachtet. Man sieht sie eher selten als Personen, die Entscheidungen treffen, einen Beitrag leisten und Risiken eingehen können.

Vanessa Grand fasste dies anhand ihrer eigenen Erfahrungen zusammen: «In Bezug auf mich fragen sich die Leute oft: Ist sie kompetent genug? Ist das nicht zu viel für sie?»

Oliver Koenig fordert zudem dazu auf, sich von einer paternalistischen Denkweise zu lösen: «Selbstbestimmung bedeutet, die Macht über das eigene Leben auszuüben.» Dies setzt voraus, dass man den Menschen das Recht zugesteht, Entscheidungen zu treffen, Dinge auszuprobieren und dabei manchmal auch Fehler zu machen.

2. Die derzeitigen Systeme behindern manchmal die Inklusion

Hindernisse bestehen nicht nur in den Köpfen. Sie spiegeln sich auch in Strukturen, Finanzierungen und Vorschriften wider. Ein System kann sehr gut organisiert sein und dennoch den Wandel behindern.

Thomas Bignal hob dies besonders hervor: «Gut strukturiert und gut finanziert zu sein, bedeutet nicht zwangsläufig, dass das System gut ist.»

Einige der derzeitigen Modelle lassen den Betroffenen wenig Handlungsspielraum. Sie geben Kategorien und Regeln vor, die zu starren Entwicklungswegen führen.

Andere Länder haben bereits alternative Wege eingeschlagen: individualisierte Budgets, die Aufhebung der Vormundschaft oder neue Organisationsmodelle.

3. Gemeinsam gestalten statt «für» die Menschen umgestalten

Um diese Systeme weiterzuentwickeln, wurde bei der Podiumsdiskussion auch ausführlich über Co-Creating gesprochen. Die Idee: Lösungen nicht mehr nur für die Betroffenen, sondern gemeinsam mit ihnen zu entwickeln.

Gladys Winkler unterstreicht diesen Ansatz: «Wir müssen die Dinge von Grund auf neu überdenken und auf Co-Creating setzen.» Dieser Ansatz zwingt alle Beteiligten zu einem Perspektivenwechsel. Zudem bietet er die Möglichkeit, die Vielfalt der Bedürfnisse, Erfahrungen und Kompetenzen besser zu berücksichtigen.

Was ist der nächste Schritt? Was muss jetzt geändert werden?

Für Oliver Koenig muss der Wandel bei den Betroffenen selbst beginnen. Lösungen müssen gemeinsam mit ihnen erarbeitet werden, und sie müssen echte Entscheidungs- und Mitwirkungsrechte erhalten.

Vanessa Grand teilt diese Sichtweise. Ihrer Ansicht nach dürfen einzelne Themen nicht isoliert betrachtet werden: Mitwirkung, Selbstbestimmung und Inklusion sind miteinander verbunden. Ein Grundsatz ist jedoch von entscheidender Bedeutung: Die betroffenen Personen müssen von Anfang an einbezogen werden.

Gladys Winkler fordert vor allem dazu auf, jetzt zum Handeln überzugehen. Man sollte den «Swiss Finish» vermeiden, also die Tendenz, erst eine perfekte Lösung finden zu wollen, bevor man mit der Umsetzung beginnt. Es ist besser, in kleinen Schritten vorzugehen, Pilotprojekte zu starten, Dinge auszuprobieren und sich das Recht auf Fehler zuzugestehen. Sie betont zudem, wie wichtig es ist, sich von dem inspirieren zu lassen, was anderswo funktioniert.

Thomas Bignal schlägt in dieselbe Kerbe und ruft dazu auf, den Blick über die Schweizer Grenzen hinaus zu richten. Die Herausforderungen rund um das Thema Inklusion sind kein spezifisches schweizerisches Problem. Andere Länder erproben bereits neue Ansätze. Man sollte beobachten, was in Europa geschieht, Erfahrungen austauschen und voneinander lernen.

Letztendlich laufen die vier Beiträge in einem Punkt zusammen: weniger auf die perfekte Lösung warten und stattdessen gemeinsam mit den Betroffenen aktiv gestalten, erproben und lernen.

Mit Humor durch den Kongress

Begleitet wurde der gesamte Kongress von den Darstellenden des machTheaters. Mit ihrer humorvollen und künstlerischen Art empfinden sie die Teilnehmenden, zeigten ihn den richtigen Weg oder unterstützten das Serviceteam.

Wir bedanken uns herzlich bei den Darstellende mit Behinderungen für ihren kreativen und unterhaltsamen Einsatz am Kongress.

Fotos und Film

Im Kongressfilm hören Sie Meinungen und Eindrücke von Teilnehmenden. Wir danken Greenlight GmbH Videoproduktion für die Realisierung des Films.

Mehr Impressionen und den Film finden Sie auf der Website des Kongresses:

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