SOZIALE TEILHABE | Teilhabe von älteren Menschen in Genfer Gemeinden fördern
Im Kanton Genf hat die Plattform Seniorennetzwerk Genf Empfehlungen für die Gemeinden veröffentlicht, um denjenigen Gehör zu verschaffen, die Tag für Tag an vorderster Front mit Menschen im Alter arbeiten. Die Empfehlungen sind das Ergebnis eines breit angelegten partizipativen Prozesses und zielen darauf ab, die Lebensqualität von Senioren sowie ihre Teilhabe am lokalen Leben konkret zu verbessern.
Im Juni 2025 nahmen die frisch gewählten Gemeindeparlamente in den 45 Gemeinden des Kantons Genf ihre Arbeit für die neue fünfjährige Legislaturperiode auf. Diesen Zeitpunkt nutzte die Plattform Seniorennetzwerk Genf (Plateforme du réseau seniors Genève) für die Bekanntmachung ihrer vierseitigen Publikation «Recommandations aux communes genevoises». Dabei handelt es sich um 15 Empfehlungen und rund 20 Handlungsvorschläge für Genfer Gemeinden. Erklärter Zweck der Initiative: «Gewährleistung eines gleichberechtigten Zugangs sowie von Leistungen, die an die Lebensrealität und die Bedürfnisse von Seniorinnen und Senioren angepasst sind – unabhängig von ihrer sozialen Situation und ihrem Wohnort.»
Das Dokument ist das Ergebnis eines partizipativen und kollaborativen Prozesses, an dem fast hundert Vereine, Institutionen und Organisationen teilgenommen haben. Sie alle sind Mitglieder der Plattform und vertreten einen Grossteil der über 65-Jährigen im Kanton. Sie haben ihre Kompetenzen, Erfahrungen und Praxiskenntnisse gebündelt, um die Erwartungen der Seniorinnen und Senioren in Erfahrung zu bringen und gezielt an die Gemeinden heranzutragen.
Fünf grosse Handlungsfelder
Die formulierten Empfehlungen, jeweils gefolgt von konkreten Umsetzungsideen, drehen sich um fünf Schwerpunkte: Koordination der Politik zwischen Gemeinden und Kanton, Förderung der Teilhabe von Seniorinnen in allen Bereichen des sozialen Lebens, Bekämpfung der sozialen Isolation von Seniorinnen, Unterstützung der älteren Menschen bei alltäglichen Aufgaben sowie Information über bestehende Leistungen. Damit knüpft die Plattform an ihr im Januar 2023 veröffentlichtes Weissbuch an – eine Art Fahrplan, der ebenfalls aus einem partizipativen und kollaborativen Prozess hervorgegangen ist und Denkanstösse für eine bereichsübergreifende und koordinierte kantonale Alterspolitik lieferte.
Die fünf Schwerpunkte der Empfehlungen für die Gemeinden beziehen sich auf die fünf bürgernahen Aufgaben, die den Gemeinden durch das Rahmengesetz von 2017 über die Aufgabenteilung zwischen Gemeinden und Kanton (LRT) in seinen Bestimmungen zur Alterspolitik übertragen wurden. «Wir haben das Rad nicht neu erfunden. In erster Linie haben wir Aufklärungsarbeit geleistet und die im Gesetz ohne weitere Details aufgeführten Aufgaben und Kompetenzen konkretisiert, wie etwa die soziale Begleitung und die bürgernahe Information», erklärt Irina Ionita, Generalsekretärin der Plattform Seniorennetzwerk Genf. Sie fügt hinzu, dass die Vorschläge im vierseitigen Dokument konstruktiv und realistisch gedacht sind, also nahe an der Praxis vor Ort und am Alltag der älteren Menschen. Gleichzeitig sind sie aber auch ambitioniert, ohne den Gemeinden zusätzliche Aufgaben aufzubürden.
Positive Aufnahme in den Gemeinden
Irina Ionita räumt ein, dass manche Gemeinden bereits sehr viel leisten, ohne dass dies immer explizit als Massnahme für Seniorinnen und Senioren deklariert wird. Gleichzeitig stellt sie fest, dass in Bezug auf ihre Politik, ihre Überlegungen und die aufgewendeten Mittel für Menschen im Alter bei Weitem nicht alle Gemeinden auf dem gleichen Niveau sind. «Wir verlangen von einer kleinen Gemeinde mit einem eher bescheidenen Budget nicht dasselbe wie von den grossen. Man darf aber die Lebensqualität von Senioren nicht vernachlässigen, nur weil sie in dieser und nicht in jener Gemeinde wohnen.»
Das Dokument wurde breit verteilt – nicht nur an politische Stellen, sondern auch an Kommunalverwaltungen – und in der Regel äusserst positiv aufgenommen. So beispielsweise auch in Bardonnex, einer Gemeinde im Süden des Kantons, zu der fünf Dörfer mit insgesamt fast 2500 Einwohnern gehören. «Das Dokument ist prägnant und pragmatisch», lobt Béatrice Guex-Crosier, die für das Ressort Soziales zuständige Gemeinderätin. Zwar gibt es ihr zufolge in der Gemeinde trotz bescheidenen Mitteln bereits eine ansehnliche Palette an Aktivitäten und Leistungen für Seniorinnen und Senioren. Dennoch sieht sie die Empfehlungen als Inspirationsquelle für künftige Massnahmen.
Im nahen Troinex, einer Gemeinde mit 3200 Einwohnern, hat Grégoire Odier die Empfehlungen mit grossem Interesse zur Kenntnis genommen. Der junge, frisch gewählte Gemeinderat ist für den sozialen Zusammenhalt zuständig. Beim Sichten der Handlungsvorschläge stellte er erfreut fest, dass seine Gemeinde in den Bereichen soziale Teilhabe, Mobilität und Zugänglichkeit der öffentlichen Infrastruktur und Information bereits viel unternimmt. Dazu merkt er an, dass die Website der Gemeinde derzeit komplett neu gestaltet wird, um den Zugang zu Informationen zu erleichtern.
Der Seniorenrat – ein wichtiger Impulsgeber
Mit Blick auf die Empfehlungen kann sich Grégoire Odier gut vorstellen, gewisse Vorschläge umzusetzen, insbesondere zur Stärkung der generationenübergreifenden Aktivitäten. Dabei kann er auf die Unterstützung des Seniorenrats (Conseil des Anciens) von Troinex zählen. Bei dieser Instanz handelt es sich um ein apolitisches Reflexions- und Beratungsgremium, dessen Mitglieder zu Beginn der Legislaturperiode vom Gemeindeparlament gewählt werden. Der Seniorenrat wurde vor mehr als 30 Jahren ins Leben gerufen und besteht aus 17 Mitgliedern mit einem Durchschnittsalter von 77 Jahren, die früher in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Informatik, Verwaltung und zahlreichen weiteren Berufsfeldern tätig waren. «Durch seine gebündelten Kompetenzen und Erfahrungen ist er Impulsgeber, Unterstützer und Vermittler zugleich», betont Janine Berberat, Präsidentin des Seniorenrats. Er kann von der Gemeinde beauftragt werden, Empfehlungen abzugeben, zu Fragen von Interesse für Seniorinnen und Senioren Stellung zu nehmen oder an der Entwicklung von Projekten mitzuwirken. Als eines von vielen Beispielen für die Initiativen des Rats nennt Janine Berberat die von Informatikern oder Lehrkräften im Ruhestand geleiteten Informatik-Workshops für Senioren in der Gemeinde.
Grégoire Odier wird also gerne die Unterstützung des Seniorenrats in Anspruch nehmen, um die Bedürfnisse und Erwartungen der älteren Menschen besser zu verstehen und die Kommunikation mit ihnen zu optimieren. «Der Wille zur Umsetzung neuer Vorschläge ist auf jeden Fall da», versichert er. «Das wird aber noch ein bisschen Zeit in Anspruch nehmen.»
Diese Zeit wird die Plattform Seniorennetzwerk Genf den Gemeinden auch zugestehen, bevor sie wohl vor den nächsten kantonalen Wahlen Bilanz über die umgesetzten Massnahmen zieht.
Soziale Teilhabe für alle. Das Zusammenleben gestalten
Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 3/2026