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Die Selbstständigkeit noch besser fördern

Elisabeth Seifert

Im Schlossgarten Riggisberg BE haben die vielen kleinen Wohneinheiten mit praktisch unabhängigen Teams neu fünf grossen Mitarbeiterteams Platz gemacht. Diese vereinen das fachliche Know-how, um die Menschen mit überwiegend psychischen Behinderungen noch individueller auf ihrem Weg zu mehr Selbstwirksamkeit und Selbstständigkeit zu begleiten. Innerhalb des «aufsuchenden» Wohnsettings ziehen sich die Mitarbeitenden zu diesem Zweck ganz aus den Wohnbereichen zurück.

Im Park des «Schlossgartens»: Daniela Beyeler und Mike Gondolan gestalten ihr Leben weitgehend selbst. Caroline Walser (rechts) gehört zum Team der Fachführungspersonen, das den Menschen Entwicklungsperspektiven ermöglicht.

«Man muss sich jetzt gut überlegen, ob man etwas braucht vom Personal oder ob man es selbst machen kann», sagt Daniela Beyeler und lächelt fein. Sie ist 46 Jahre alt und lebt seit mehreren Jahren in einer Studiowohnung auf dem Areal des Schlossgarten Riggisberg. Während bis vor Kurzem im Personalbüro der im gleichen Haus untergebrachten Wohngruppe nämlich immer jemand da war, ist das jetzt nicht mehr der Fall. Für Daniela Beyeler heisst das zum Beispiel, dass sie die Zeiten, wo jemand vorbeikommt, um die Medikamente zu bringen, gut abmachen muss, «sonst wartet man vergebens». Auch wenn die physische Präsenz der Betreuenden nicht mehr selbstverständlich gegeben sei, «telefonisch ist immer jemand erreichbar», unterstreicht sie.

Auch Mike Gondolan, der seit neun Jahren in einer Wohngruppe in einem anderen Haus auf dem Gelände lebt, stört es nicht, dass nicht mehr immer jemand da ist. Auf seiner Wohngruppe ist das bereits seit rund einem Jahr so. «Wenn man etwas Wichtiges hat, dann kann man anrufen», sagt auch er. Auf die Wohngruppe kommen die Betreuenden vor allem für bestimmte Dienstleistungen, dazu gehören die Mahlzeiten oder die Abgabe von Medikamenten, sagt der 46-Jährige und fügt bei: «Wir Bewohnenden sind dadurch selbstständiger geworden.»

Das eigene Leben gestalten

Im Gespräch mit Daniela Beyeler und Mike Gondolan wird schnell deutlich, dass für beide die Begleitung hin zu einem selbstständigen Leben eine wichtige Bedeutung hat. Beide kochen gerne, und Daniela Beyeler kümmert sich zudem selbst um ihre Wäsche. Sie liebt die Ruhe in ihrer Wohnung. Beruflich weiterentwickeln konnte sie sich, indem sie von der «Schlossgarten»-eigenen Gärtnerei zu einer kreativen Arbeit in der Textilwerkstatt und dem Glasatelier gewechselt hat. Die Freizeit verbringt sie in der Natur, «ich bin ein Landmensch», bekennt sie, oder auch mit Musikhören und Lesen.

Für Mike Gondolan sind neben der Arbeit in der Manufaktur vor allem seine vielen Freizeitaktivitäten von grosser Bedeutung. Er bildet sich gerne weiter, die Kosmologie, «die Lehre der Welt», fasziniert ihn zum Beispiel. Anders als Daniela Beyeler zieht es ihn am Wochenende nach Bern. «Wenn ich die Stadt nicht hätte, wäre es schwierig», meint er nachdenklich, «aber ich komme auch immer wieder gerne hierher zurück.»

Daniela Beyeler und Mike Gondolan sowie über 120 weitere erwachsene Menschen mit psychischen, körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen wohnen im «Schlossgarten» in einem «aufsuchenden Wohnsetting», wo sie ihren Alltag, ob in einer Wohngruppe oder einem Studio, weitgehend selbstständig gestalten. Begleitet werden sie nach Bedarf mit spezifischen Dienstleistungen. Für zusätzliche gut 140 Menschen mit Beeinträchtigungen, die auf eine durchgängige Anwesenheit von Betreuungspersonen angewiesen sind, steht das Angebot des «Wohnens mit Präsenzbetreuung» zur Verfügung.

Althergebrachte Strukturen müssen weichen

Der Schlossgarten Riggisberg ist der grösste stationäre Betrieb im Kanton Bern für Menschen mit einer IV-Rente. Um all die vielen Menschen besser auf ihrem Weg zu mehr Selbstwirksamkeit und Selbstständigkeit begleiten zu können, haben die Verantwortlichen vor etlichen Jahren einen umfassenden Organisationsentwicklungsprozess an die Hand genommen. Die neuen Strukturen sind per Ende 2024 eingeführt worden, damit aber ist die Arbeit noch längst nicht getan.

«Seither sind wir daran, die Dienstleistungen entsprechend anzupassen», sagt Thomas Zimmermann, Co-Leiter Begleitung und Entwicklung. In seinen Zuständigkeitsbereich fallen alle pflegerischen und betreuerischen Angebote samt Arbeit und Beschäftigung.

«Es wird mehrere Jahre dauern, diesen Prozess zu begleiten und unsere Vision hochzuhalten, immer den Bewohner oder die Bewohnerin ins Zentrum zu rücken und nicht die Organisation», unterstreicht Zimmermann. Gerade in einer grossen Institution stelle das eine Herausforderung dar.

Um im Dienst der Bewohnenden übergreifend arbeiten zu können, wurde zunächst der Leistungsbereich Arbeit und Beschäftigung mit dem Bereich Wohnen zusammengelegt. Vor allem aber ging es dann darum, die vielen kleinen Wohneinheiten mit praktisch unabhängigen Teams zu fünf grossen Einheiten zu formen. Zwei der fünf Teams begleiten neu je rund 60 Bewohnerinnen und Bewohner in einem niederschwelligen respektive aufsuchenden Wohnsetting. In weiteren drei Einheiten betreuen die Mitarbeitenden je rund 50 Bewohnende im «Wohnen mit Präsenzbetreuung».

Zuständig für die Bewohnenden sind pro Team Mitarbeitende, die sich insgesamt rund 15 bis 25 Vollzeitäquivalente (VZÄ) teilen. Zimmermann: «Die grossen Teams ermöglichen es, dass überall alle Kompetenzen auf allen Ausbildungsniveau vorhanden sind, im agogischen und im pflegerischen Bereich.»

Fachexpertise ist neu eine Querschnittaufgabe

Als Folge der neuen grossen Einheiten verabschiedete man sich vom klassischen Führungsmodell mit einer Leitungsperson sowie einer Stellvertretung, die in den Teams für alle personellen, organisatorischen und fachlichen Belange verantwortlich waren.

«Jetzt ist jeweils eine Co-Leitung für personelle und organisatorische Fragen zuständig», so Zimmermann. «Ihre Aufgabe besteht darin, die Arbeit in den Teams zu ermöglichen und auch für die entsprechende Haltung zu sorgen.» Nicht in ihren Aufgabenbereich fällt indes die fachliche Expertise. Die Fachexpertise ist neu vielmehr eine Querschnittaufgabe über alle Teams hinweg – und stellt diese so im ganzen Betrieb sicher.

Es handelt sich dabei um Fachführungspersonen mit einem Hintergrund in Somatik, Psychiatrie oder Agogik. Diese arbeiten mit den Co-Leitungen der Teams zusammen, denen sie hierarchisch gleichgestellt sind. Vor allem aber begleiten sie die Bezugspersonen der Bewohnenden. Zimmermann: «Sie übernehmen die Fallführung und damit die fachliche Verantwortung für die Planung, Koordination und Überprüfung der Unterstützungs- und Fördermassnahmen.»

Diese Fachführungspersonen «befähigen» die Teammitglieder im Umgang mit Bewohnenden, so Thomas Zimmermann. Und «befähigen» bedeute, dass sich die Bezugspersonen darauf konzentrieren, die Menschen ganz im Sinn der Postulate der UN-BRK in ihrer persönlichen Entwicklung zu fördern. Die Bezugspersonen seien nicht mehr wie früher für das Rundum-Wohl der Bewohnenden zuständig, wie Zimmermann betont, «wir wollen wegkommen von der Überfürsorglichkeit». Vielmehr gehe es darum, «in Beziehung zu treten und Vertrauen aufzubauen im Hinblick auf die weitere Entwicklung».

Auch für Daniela Beyeler und Mike Gondolan ist neben der jeweiligen Bezugsperson eine «behandlungsverantwortliche» Fachführungsperson zuständig. Für Mike Gondolan ist das Caroline Walser, die als Psychiatriepflegefachfrau eine Fachführung im Bereich Psychiatrie innehat. «Wir begleiten die Menschen, egal wo sie im Moment stehen», sagt sie; ob sie auf enge Betreuung bis umfassende Pflege angewiesen sind oder weitgehend selbstständig leben. «Die Menschen sollen die Erfahrung machen, dass sie Perspektiven haben und sich weiterentwickeln können, natürlich ohne Druck auf sie auszuüben.»

Befürchtungen haben sich gelegt

Die strukturellen Veränderungen haben auf beiden Seiten zunächst zu einer gewissen Verunsicherung geführt, hält Thomas Zimmermann fest. Befürchtet wurde insbesondere, dass einzelne Bewohnende und ihre Bedürfnisse nicht mehr genügend Beachtung finden. Diese Befürchtungen hätten sich aber in der Zwischenzeit gelegt.

«Die höhere Transparenz und die bessere interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglichen es, dass die individuellen Wünsche der Bewohnenden noch besser gehört werden.» Vor der Umstellung war zum Beispiel die Einschätzung eines Teams entscheidend, ob jemand in einem eigenen Studio wohnen kann. Jetzt sitzt immer auch die Fachführungsperson, die von aussen kommt, mit am Tisch. Damit habe sich die Perspektive etwas verschoben: «Man sagt nicht einfach, weshalb es nicht möglich ist, sondern überlegt gemeinsam, wie dieser Wunsch realisiert werden kann.»

Wenn Mitarbeitende nicht mehr vor Ort sind

Eine besondere Herausforderung stellt die neue Organisation für alle Beteiligten im aufsuchenden Wohnsetting dar. Und zwar deshalb, weil sich hier die begleitenden Teams seit Anfang letztes Jahr schrittweise aus den Wohnbereichen der Menschen zurückziehen respektive bereits zurückgezogen haben. Vergleichbar mit Spitex-Leistungen werden gemeinsam mit den Bewohnenden bestimmte Dienstleistungen vereinbart, für diese die Mitarbeitenden dann auf der Wohngruppe oder in einem Studio vorbeikommen. Diese Dienstleistungserbringung ermöglicht es, personelle Ressourcen gezielter einzusetzen.

«Wenn nicht mehr ständig jemand verfügbar ist, müssen Anliegen auch mal warten oder eben im Vorfeld geplant werden», sagt Zimmermann. Und Susanna Schneider, Co-Leiterin eines Wohnbereichs, aus dem sich das Team schon vor gut einem Jahr zurückgezogen hat, hält fest: «Die Bewohnerinnen und Bewohner werden auf diese Weise selbstständiger.»

Wer die frühere Rund-um-Betreuung gewohnt war, für den oder die bedeutete das neue System eine Umstellung. Eine Umstellung war dies auch für die Mitarbeitenden. Die Co-Leitung des Wohnbereichs hat die tägliche Arbeit völlig neu organisiert. Die Mitarbeitenden arbeiten jetzt in Touren: «Sie kommen am Morgen, fassen ihren Tourenplan und schwirren aus», bringt es Schneider auf den Punkt. Bis diese Touren eingespielt waren, brauchte es allerdings seine Zeit.

Auch wenn die Umstellung nicht ganz einfach war, können Susanne Schneider und auch Rolf Ryser, Co-Leiter des zweiten Teams im aufsuchenden Wohnbereich, kleine Erfolgsgeschichten erzählen. «Dadurch, dass wir nicht mehr ständig vor Ort sind, steigt die Selbstorganisation in der Gruppe», beobachtet Ryser. Zum Beispiel, was diverse Ämtli in der Wohngruppe betrifft. «Die Bewohnerinnen und Bewohner spüren, dass es alle braucht, damit die WG funktioniert.» Und wenn zum Beispiel jemand stürzt, dann ruft ein anderer Bewohner an und holt Hilfe.

Rolf Ryser erzählt von einem Bewohner, der früher nie seine Socken und Schuhe selbst angezogen hat, jetzt schafft er das problemlos. Beide beobachten, dass Bewohnende, von denen sie das nie gedacht hätten, ihr Telefon in die Hand nehmen, wenn sie etwas benötigen. Ryser: «Die Menschen haben sehr viele Kompetenzen, die jetzt sichtbar werden.»

Fachpersonen langfristig halten

Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 6/2026

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