SOZIALE TEILHABE | Begleiten statt trennen: Wie Familien gestärkt werden
Die Schoio AG im bernischen Oberaargau hat sich von einem Kinderheim zu einer Organisation für vorwiegend ambulante Familienhilfe gewandelt. Kinder und ihre Eltern in schwierigen Lebenslagen erhalten Unterstützung im Alltag und bleiben Teil der Gemeinschaft.
Bis 2013 war Schoio ein Heim für stationär untergebrachte Kinder und Jugendliche. Heute erinnern nur noch die Lage am Stadtrand von Langenthal und die Gebäudestruktur mit Haupt- und ehemaligem Heimleiterhaus an die über 100-jährige Geschichte. Schon der Name – ein Akronym für «Schoren im Oberaargau» – verweist auf die Öffnung des früheren Kinderheims Schoren gegenüber der ganzen Region. Zwar sind stationäre Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe längst keine abgeschotteten Welten mehr. Doch Schoio hat sich, wie Geschäftsleitungsmitglied Svenja Beck sagt, «grundlegend neu ausgerichtet».
Das gemeinnützige Unternehmen, im Besitz der Stadt Langenthal, arbeitet heute sozialraumorientiert und vorwiegend ambulant. Sozialraumorientierung bedeutet, Menschen in ihrem Umfeld zu unterstützen. Die rund 60 Mitarbeitenden helfen direkt vor Ort und mobilisieren neben fachlicher auch die zivilgesellschaftliche Unterstützung. Das ambulante Angebot umfasst eine sozialpädagogische Familienbegleitung zuhause, eine ergänzende Tagesstruktur für Kinder in den Räumen der Organisation und die Unterstützung getrennt lebender Eltern beim Besuchsrecht. Zudem leistet Schoio Schulsozialarbeit in acht Gemeinden der Region.
Geteilte Verantwortung
Trotz dem Schwerpunkt auf ambulanter Hilfe betreibt Schoio weiterhin eine Wohngruppe mit zehn Plätzen und vermittelt Plätze für Kinder in derzeit fünf Pflegefamilien, von denen sie einige fachlich begleitet. Für Kinder mit «belastetem Lern- und Sozialverhalten» gibt es vier kleine Schulklassen an drei Standorten. Auch bei diesen behördlich angeordneten Massnahmen verfolgt Schoio das Ziel der Integration. «Wir fördern nicht die Separation, sondern die Rückkehr in die Regelsysteme Familie und Schule», betont Beck. «Kinder und Jugendliche sollen sich als Teil von Familie und Gesellschaft erleben.»
In der Wohngruppe legt Schoio die Förderziele gemeinsam mit den Eltern fest und bindet sie in den Alltag ein. «Eltern kommen regelmässig vorbei und übernehmen Aufgaben, zum Beispiel ihr Kind ins Bett zu bringen – mit der Bettwäsche von zuhause», erklärt Beck. Diese geteilte Verantwortung erhöhe die Chancen auf eine Rückkehr des Kindes. Auch mit öffentlichen Schulen arbeitet Schoio eng zusammen, wenn etwa Kinder mit starkem ADHS in das besondere Schulangebot aufgenommen werden. «Die Auszeit bei uns entlastet alle Beteiligten und bringt Ruhe in die Situation», sagt Damaris Blum, ebenfalls Mitglied der Geschäftsleitung. Individuelle Förderung ermögliche Lernerfolge und wecke die Freude am Lernen.
Hilfe zur Selbsthilfe
Den Grossteil der Familien – derzeit rund 120 – begleitet Schoio ambulant. Das Jugendamt des Kantons Bern finanziert diese Leistungen auf Antrag des Sozialdiensts der Wohngemeinde oder der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Wie die sozialraumorientierte Arbeit aussieht, erklärt Blum am Beispiel der sozialpädagogischen Familienbegleitung. Die Gründe für dieses Angebot reichen von Überforderung der Eltern bei Erziehung und Versorgung der Kinder, über familiäre Konflikte und bis zu Schulabsentismus, also wiederholtem Fernbleiben von der Schule.
«Im Mittelpunkt stehen die Förderung der kindlichen Entwicklung, die Stärkung der Familie und der Schutz des Kindeswohls», sagt Blum. Zu Beginn ermittelt die Begleitperson den Bedarf und legt mit Behörde und Eltern die Ziele fest. «Wir formulieren die Ziele nah an der Lebenswelt der Familie», betont Blum. Sie soll lernen, ihre Herausforderungen selber zu bewältigen. Schoio setzt dabei auf die Stärken und Ressourcen der Familie und ihres Umfelds. «Wir erstellen eine Ressourcenkarte des Sozialraums», erklärt Blum. Das heisst: Die Organisation prüft, welche Orte, Beziehungen und Angebote es im Quartier oder im Dorf gibt, und nutzt diese gemeinsam mit den Familien, um Probleme zu lösen und Teilhabe zu stärken.
Grossmutter und Götti als «Ressourcen»
Die Ressourcen können materiell sein, etwa ein Auto, oder infrastrukturell, wie ein Spielplatz oder ein Verein. Besonders wichtig sind soziale Ressourcen, etwa Vertrauenspersonen der Kinder. Jugendliche nennen diese oft direkt, während Kinder sie im Spiel aufzeigen. «Grossmutter und Götti können solche Ressourcen sein», sagt Beck. Sie berichtet von Grossmüttern als «Inseln der Stabilität» und Paten, die Jugendliche zu Schulgesprächen begleiten, wenn Eltern dies schwerfällt.
Eine Familienbegleitung umfasst etwa zwölf bis fünfzehn Stunden pro Monat. Das Jugendamt finanziert sie zunächst für ein Jahr, mit der Option auf Verlängerung. Meist dauern die Begleitungen ein bis fünf Jahre, in seltenen Fällen länger, etwa bei kognitiven oder psychischen Beeinträchtigungen der Eltern.
Wenn Aussenhilfe Konflikte entschärft
Fabienne T. (Name geändert) und ihre zwei Kinder im Schulalter erhalten seit eineinhalb Jahren wöchentlich Unterstützung von Schoio. Die Mutter hatte selber darum gebeten, in Absprache mit ihrer Beiständin. Nach der Trennung von ihrem Mann verschärften sich die Kommunikationsprobleme, was vor allem das ältere Kind belastete. Es verweigerte den Kontakt zum Vater und geriet auch mit der Mutter in Konflikt. «Wir hatten ständig Drama», erzählt Fabienne T. Ihr wurde klar, dass es «jemanden von aussen» brauche.
Loyalitätskonflikte der Kinder nach einer Scheidung sind den Schoio-Fachleuten vertraut. Oft verstärken Eltern die Probleme der Kinder unbewusst. Die Begleitperson klärt in getrennten und später gemeinsamen Gesprächen mit allen Beteiligten Bedürfnisse, Rollen und Aufgaben in der neuen Konstellation. Bei Fabienne T. waren zeitweise auch beide Grossmütter eingebunden. Ergebnisse sind sichtbar: Die Eltern kommunizieren besser, das ältere Kind besucht den Vater regelmässig. Ein gemeinsamer Termin zu viert mit der Familienbegleiterin steht bevor.
Erfolge und Grenzen
«Wir arbeiten noch daran, dass es zuhause zwischen mir und meinem älteren Kind gut läuft», sagt Fabienne T. Die Begleiterin zeigt ihr Strategien, um Eskalationen zu vermeiden, etwa durch klare Grenzen. Auch wenn die Umsetzung nicht immer leichtfällt, ist Fabienne T. überzeugt, dass sich die Begleitung gelohnt hat. «Ohne diese Hilfe wären wir heute nicht so weit.» Die Unterstützung kann voraussichtlich im Sommer abgeschlossen werden.
Die meisten ambulanten Begleitungen enden erfolgreich, sagt Beck. Lediglich rund fünf Prozent der Fälle führen zu einer Fremdplatzierung, um das Kindeswohl zu sichern. Gründe dafür können Gewalt, anhaltende Überforderung der Eltern oder die Verweigerung der Familienbegleitung sein. Erfolgsfaktoren der ambulanten Unterstützung sind die individuelle Anpassung, die Flexibilität und Offenheit der Begleitpersonen, die Begegnung «auf Augenhöhe». Diese kann laut Beck durchaus auch deutliche Ansagen beinhalten, etwa bei unzureichender Hygiene, die die Gesundheit der Kinder gefährdet, oder unangepassten Erziehungsmethoden.
Der sehnlichste Wunsch
Svenja Beck ist selbst als Familienbegleiterin im Einsatz. Sie hat die Konzeptänderung vor über zehn Jahren bei Schoio miterlebt und sieht sie als «riesigen Gewinn», vor allem für die Kinder und Jugendlichen. Auch die Gesellschaft profitiere, nicht zuletzt finanziell. Eltern zu befähigen und Familien vor Ort zu stärken sei nachhaltiger. Regulatorische Vorgaben erschweren jedoch laut Beck den ambulanten Ansatz, etwa die geforderte Auslastung stationärer Angebote oder fehlende Vergütung koordinierender Leistungen. Diese brauche es, um das Unterstützungsnetzwerk für eine Familie aufzubauen.
Schoio pflegt Kontakte zu verschiedenen Akteuren, von der Jugendarbeit über die Erziehungsberatung bis zum Berufsinformationszentrum. Die Organisation ist Mitglied im Verein Choreo, der in der Region Oberaargau sorgende Gemeinschaften für alle Generationen fördert. Zugehörigkeit ist essenziell, bilanziert Beck: «Ich habe noch nie ein Kind gesehen, das sich nicht sehnlich wünscht, Teil einer Familie zu sein.»
Soziale Teilhabe für alle. Das Zusammenleben gestalten
Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 3/2026