POLITISCHE FEDER | Gesundheitsfachpersonen besser vor Gewalt schützen

Farah Rumy
Farah Rumy, Nationalrätin SP, Solothurn.

«Das gehört dazu.» «Kann man nichts dagegen machen.» «Dann gehst du halt nicht mehr in dieses Zimmer, oder du lernst, damit umzugehen.» Solche Sätze fallen zum Beispiel in Schichtübergaben. Ein Patient schlägt zu. Eine Angehörige schreit. Eine Spritze wird zur Waffe. Danach folgt selten eine interne Aufarbeitung, meist nur ein Achselzucken, ein Kaffee, ein Satz in der Dokumentation.

Das eigentliche Problem ist dabei nicht die zunehmende Gewalt gegen Gesundheitsfachpersonen, sondern dass sie geduldet wird. Rund 90 Prozent des Gesundheitspersonals erleben im Laufe ihrer Berufslaufbahn psychische oder physische Gewalt. Nur das Sicherheitspersonal ist häufiger von Gewalt betroffen. Ein Beruf, der mehrheitlich von Frauen ausgeübt wird, zählt damit zu den am stärksten von Gewalt betroffenen. Das sollte uns zu denken geben.

«Das eigentliche Problem ist dabei
nicht die zunehmende Gewalt
gegen Gesundheitsfachpersonen,
sondern dass sie geduldet wird.»

Besonders betroffen sind Notfallstationen, Psychiatrie und Rettungsdienste, wo Menschen in Ausnahmezuständen auf jene treffen, die ihnen helfen wollen. Die Normalisierung von Gewalt entsteht, wenn Organisationen diese Fälle dulden und sich Fachpersonen nicht melden, weil Melden als Schwäche gilt. Sie entsteht, wenn Arbeitgebende Schutzkonzepte als Aufwand statt als Pflicht behandeln. Und sie entsteht, wenn der Bundesrat eine landesweite Erfassung aus Kosten und Zuständigkeitsgründen ablehnt, obwohl genau diese Zahlen das Ausmass verdeutlichen würden.

So verschwindet Gewalt aus der Statistik. Aus dem Körper, aus dem Schlaf, aus der Berufsbiografie verschwindet sie nicht. Wer geht, geht meist leise. Und jede Person, die geht, fehlt an einem Bett, an einer Übergabe, an einem Ort, an dem Menschen versorgt werden müssen. Fachkräftemangel und Patientensicherheit hängen an genau jenen Menschen, die wir stillschweigend damit allein lassen.

Mein vom Parlament überwiesenes Postulat verlangt vom Bundesrat einen Bericht zu Gewaltprävention, Deeskalation, Datenerfassung sowie rechtlichem Schutz und Unterstützung für Betroffene. Der erste Schritt beginnt jedoch nicht im Bundeshaus. Er beginnt dort, wo jemand nach dem nächsten Vorfall nicht mehr sagt: «Das gehört dazu», sondern: «Das dulden wir nicht!» Berufskolleginnen und Berufskollegen, Arbeitgebende, Parlament und Bundesrat – wir stehen alle in der Verantwortung.

Farah Rumy ist Nationalrätin SP, Solothurn.

Humor erleichtert den Alltag

Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 7-8/2026

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