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Magazin ARTISET

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ | «Wir haben die Technologie, aber keine ­marktreifen ­Lösungen»

Elisabeth Seifert

Wenn es gelingt, Prozesse aufgrund von neuen technologischen Möglichkeiten effizienter zu gestalten, wird sich das positiv auf die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeitenden und die Lebens­qualität der Bewohnenden auswirken. Davon ist Patric Bhend, Geschäftsführer der Stiftung Solina im Berner Oberland und ­Präsident von Curaviva, überzeugt. Er erläutert, wo die Branche heute steht – und was es für eine erfolgreiche digitale ­Transformation braucht.

Die Mitarbeitenden der Stiftung Solina verwenden auf den Mobiltelefonen derzeit hauptsächlich die Pflegedokumentation, bald flächendeckend Teams und auch Telefonie. Foto: Solina

An insgesamt drei Standorten in Spiez und Steffisburg pflegt, betreut und begleitet die Stiftung Solina gut 400 Seniorinnen und Senioren sowie jüngere Menschen. Dazu gehören sowohl Menschen mit psychischen Erkrankungen, geistigem Handicap oder Suchtproblemen als auch Menschen mit somatischen Herausforderungen. Unterstützt werden diese in ihren oft sehr komplexen Pflege- und Betreuungsbedürfnissen von insgesamt 700 Mitarbeitenden.

Patric Bhend ist ausgebildeter Betriebsökonom FH und verfügt über eine lange Management-Erfahrung in der Langzeitpflege. Der 49-Jährige ist seit 2013 Geschäftsführer bei der Stiftung Solina. Im Herbst 2024 wurde er zudem zum Präsidenten des Branchenverbands Curaviva gewählt und ist damit Vorstandsmitglied der Föderation Artiset. Patric Bhend engagiert sich seit Jahren für Fortschritte im Bereich Digitalisierung innerhalb der Stiftung Solina. Die Themen digitale Transformation, Datenmanagement, Datensicherheit und KI bilden zudem einen zentralen inhaltlichen Schwerpunkt der Artiset-Geschäftsleitung für das Jahr 2026.

Vor dem Hintergrund seiner Erfahrung erläutert Patric Bhend im Interview zentrale Herausforderungen der Artiset-Branchen in den Bereichen Digitalisierung und KI und skizziert Lösungsansätze.

Herr Bhend, Digitalisierung ist bei der Stiftung Solina bereits seit etlichen Jahren ein Thema – weshalb?

Die Digitalisierung selbst bringt uns erst einmal fast nichts. Ausser dass wir vielleicht ortsunabhängiger arbeiten können. Davon profitieren Unternehmen mit mehreren Standorten oder Mitarbeitende, die zum Beispiel im Homeoffice arbeiten wollen. Digitalisierung darf keinen Selbstzweck haben. Wir sind vielmehr aufgrund der knappen personellen und finanziellen Ressourcen einerseits und den steigenden Anforderungen andererseits gezwungen, unsere Abläufe möglichst effizient zu gestalten. Dies kann durch Automatisierung gelingen, wozu es vorgelagert die Digitalisierung braucht.

Sie haben bei «Solina» bereits sehr früh Vorbereitungsarbeiten für das elektronische Patientendossier (EPD) an die Hand genommen. Das Projekt wurde jetzt gestoppt: Was heisst das für all Ihre bisher geleisteten Arbeiten?

Das EPD ist im ersten Anlauf gescheitert. Das liegt jedoch nicht an der Technologie, sondern hat vor allem politische Gründe. Das Projekt kam nicht zum Fliegen, weil nicht alle Akteure zum Mitmachen verpflichtet wurden: Ärztinnen und Ärzte zum Beispiel sowie Patientinnen und Patienten. Wir brauchen unbedingt eine Möglichkeit, sensible Gesundheitsdaten sicher unter den Akteuren im Gesundheitswesen austauschen zu können. Es ist gut, dass die Probleme jetzt erkannt wurden und die gesetzlichen Grundlagen angepasst werden sollen. Dies wird leider lange dauern. Die Alterszentren sollten in der Zwischenzeit, da sie keinerlei Nutzen des EPDs haben, jedoch nicht Millionen dafür hinblättern müssen.

Ihre bisherigen Vorarbeiten waren also vergeblich?

Im Rahmen der Unterzeichnung eines Anschlussvertrags an eine Stammgemeinschaft haben wir uns eingehend mit Fragen des Datenschutzes beschäftigt und dabei auch rasch Lücken bei uns im Betrieb gefunden. Diese haben wir jetzt konsequent geschlossen. Das hat uns weitergebracht. Hingegen sind die Stunden, die wir in Schulungen von Mitarbeitenden gesteckt haben, um das Portal bedienen zu können, oder der Aufwand, die Pflegedokumentationssoftware voll integriert ans EPD anzubinden, leider vergeblich investiert worden.

Wie Sie eingangs festgestellt haben, hat Digitalisierung dann einen Nutzen, wenn dadurch Prozesse effizienter gestaltet werden. Können Sie das näher ausführen?

Wenn es gelingt, Prozesse aufgrund von neuen technologischen Möglichkeiten grundlegend zu verändern und effizienter zu gestalten, wird sich das positiv auf die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeitenden und die Lebensqualität der Bewohnenden auswirken. Hier ein gutes Beispiel dafür: Medikamente werden bei uns direkt aus der Pflegedokumentation bestellt und am nächsten Tag oder falls nötig innerhalb weniger Stunden vorkonfektioniert in Blister angeliefert. Das spart Zeit in der Pflege und ist sicherer. Ich wünsche mir mehr solcher Lösungen. Mit Blick auf die demografische Entwicklung ist eine Effizienzsteigerung zwingend nötig, wenn wir die Versorgung sicherstellen wollen. Uns werden Hände und Köpfe fehlen, Technologie und Geld haben wir in der reichen Schweiz jedoch genug.

Wo steht die Stiftung Solina heute im Bereich Digitalisierung und KI?

Mit drei Standorten profitieren wir bereits davon, Aufgaben wie Rechnungen von irgendwoher freizugeben oder Sitzungen auch online durchführen zu können. Schnell war auch vergessen, dass früher Sitzungszimmer per Anruf beim Empfang reserviert werden mussten. Bei vielen Geschäftsfällen stossen wir aber an die Grenze, dass es eine hohe Anzahl an identischen Arbeitsvorgängen braucht, damit es sich lohnt, die passende Technologie zu implementieren. Dies bedeutet, dass zuerst Abläufe und Daten verstanden und harmonisiert werden müssen. Selbst wenn wir hier unsere Hausaufgaben gut machen, verfügen in unserer Branche die meisten Betriebe auch dann noch kaum über das erforderliche Mengengerüst. Das ist auch bei Solina der Fall. Dann sind wir auf Branchenlösungen von Drittanbietern oder von Curaviva angewiesen. Ernüchtert stelle ich fest, dass marktreife und brauchbare Innovationen fehlen, die wir integrieren könnten. Wir stehen in unserem Betrieb beim Automatisieren von Prozessen also noch eher am Anfang. Relativ weit fortgeschritten sind wir jedoch beim Mindset und dem erforderlichen Know-how für die Transformation.

Weshalb lohnt es sich, zuerst auf Datenflüsse und Prozesse zu fokussieren, um dann in einem nächsten Schritt automatisieren zu können?

Wie beim Metall müssen Daten geläutert werden, damit sie brauchbar sind. Wenn Daten hervorgeholt und sichtbar gemacht werden, sieht man, wie viel Müll sich angesammelt hat und welche Daten fehlen. Deshalb investieren wir aktuell in die Erstellung von Cockpits. Die gleichen Daten müssen aber im Kontext unterschiedlicher Prozesse möglicherweise anders interpretiert werden. Auch die Zugriffsberechtigung auf den gleichen Datensatz kann dann ganz unterschiedlich sein. Erst wenn wir dafür eine konsequente Governance gefunden und implementiert haben, können wir alle Mitarbeitenden damit arbeiten lassen – zum Beispiel mit generativen KI-Anwendungen, die auf Large-Language-Modellen basieren. Tun wir dies nicht, bleibt es bei Insellösungen, die nur einzelnen Mitarbeitenden zugänglich gemacht werden können. Der wahre Nutzen entsteht aber erst, wenn alle Mitarbeitenden auf die neuste Technologie zurückgreifen können. Auf dieses Ziel haben wir in den letzten Jahren hingearbeitet.

Können Sie das an einem Beispiel etwas näher erläutern?

Wir wollten zum Beispiel jeder Führungskraft ein Cockpit mit einer übersichtlichen Zeitsaldo-Entwicklung ihrer Mitarbeitenden zur Verfügung stellen. Dann haben wir festgestellt, dass in unseren Personalstammdaten die vorgesetzten Personen nicht bei allen Mitarbeitenden am gleichen Ort eingepflegt und aktuell gehalten wurden. Dies mussten wir zuerst bereinigen, damit die Vorgesetzten nur ihre Teammitglieder, dafür diese vollzählig, im Report finden können.

Die Implementierung neuer Technologie erfordert auch die Investition in die Infrastruktur: Welche Infrastruktur kommt in Ihrem Betrieb zur Anwendung?

Wir haben in den letzten Jahren viel in die Infrastruktur investiert, etwa in moderne Zonenbüros mit Stehpulten, Dockingstationen, Doppel- oder Curved-Bildschirmen. Fast alle Mitarbeitenden haben Mobilgeräte. Zentral sind Investitionen in die Sicherheit mittels Firewalls oder des Security Operations Centers (SOC) zur Abwehr von Cyber-Angriffen. Hinzu kommen unter anderem Smart-TVs, ClickShare, Cloud-Lösungen und Investitionen in die digitale Vernetzung. Damit verbunden waren unzählige Schulungen.

Welchen Nutzen haben die Mitarbeitenden heute bereits von den bisherigen Digitalisierungsschritten?

Der Weg ist ehrlich gesagt steinig. Deshalb fällt die Bilanz auch eher nüchtern aus, was den unmittelbaren Nutzen im Arbeitsalltag meiner Kolleginnen und Kollegen betrifft. Trotzdem: Wir können tagesaktuell sehen, welche Bewohnerinnen und Bewohner mehr oder weniger Leistungen erhalten, als ihre Einstufung und Finanzierung zulässt. Oft liegt die Einstufung zu tief, und wir können mit besserer Dokumentation und einer Änderung der Pflegestufe die Leistungen, die wir erbringen, dann auch abrechnen. Weil so Personaleinsatz und Leistungserbringung besser aufeinander abgestimmt werden kann, können Stresssituationen reduziert werden. Auch für die Bewohnerinnen und Bewohner bringt es Vorteile, indem wir rasch erkennen, wenn jemand zum Beispiel zu wenige Leistungen erhält. Bei der Reinigung unterstützt uns zudem eine Software, die auf Tablets auf den Reinigungswagen läuft. So können die Planung verbessert, die Aufträge klarer erteilt und der angestrebte Standard besser erreicht werden.

Wie geht es bei «Solina» weiter mit der digitalen Transformation?

Wir planen Weiterentwicklungen in unterschiedlichen Bereichen: beginnend mit dem Datenmanagement über den Einsatz von Sensoren in Pflege und Betreuung bis hin zur Robotik und verschiedenen Anwendungsformen von KI. Meine Ambition ist eine technische Unterstützung der Mitarbeitenden in unserer Branche ähnlich einer Navigationssoftware im Auto: Wenn wir von der vorgegebenen Route abweichen, wird innerhalb von Sekunden die neue Route berechnet. Der Mensch entscheidet aber immer, wann und wo er abbiegt. Bei der Robotik sehe ich aktuell am meisten Potenzial in der Logistik oder bei der Reinigung. Bei Solina setzen wir zum Beispiel heute bereits Fensterreinigungsroboter ein. Was im Privathaushalt funktioniert, funktioniert eigentlich immer auch im Unternehmen. Da darf man ruhig etwas pragmatisch sein.

Seit Herbst 2024 sind Sie Präsident des Branchenverbands Curaviva und Vorstandsmitglied von Artiset– wo steht die Branche im Bereich Digitalisierung und KI?

Wie Solina steckt unsere Branche mitsamt den Zulieferern in vielen Bereichen leider noch in den Kinderschuhen. Das hat mit der mangelnden Finanzierung der notwendigen Transformation zu tun. In unseren Tarifen gibt es keinen Anteil für Forschung und Entwicklung. Zudem ist die Schweiz sehr klein. Der Föderalismus und die unterschiedlichen Kulturen in den vier Sprachregionen lassen das Mengengerüst für Technologieanbieter so weit schrumpfen, dass der Markt zu wenig interessant für sie ist. Die Folge ist: Unsere Branchensoftware fühlt sich zu weiten Teilen noch wie Windows 3.11. an. Ich merke gerade, ich bin schon alt…

Was kann die Branche, was kann Artiset tun, um für Technologieanbieter interessanter zu werden?

Als Branche haben wir die Möglichkeit, Technologie-, Daten- und Prozessstandards festzulegen und damit im grossen Stil Geschäftsfälle zu bündeln. Wenn es uns zum Beispiel gelingt, zu definieren, was Qualität in der Langzeitpflege bedeutet und wie diese gemessen werden kann, kann vielleicht ein Anbieter eine Lösung entwickeln, mit der wir die Qualität mit Sensoren in Echtzeit überwachen können; und zwar ohne viel Dokumentation, aufwendige Befragungen oder teure Audits. Die Technologie dazu existiert bereits. Eine solche Lösung kann aber keines unserer Mitglieder im Alleingang entwickeln, das schaffen wir nur gemeinsam als Branche und mit Technologiepartnern. Dazu braucht es dann noch eine ganze Portion Geld und Mut: Beides sollten wir aufbringen.

Die Geschäftsleitung von Artiset hat die «digitale Transformation und KI» neben dem Fachkräftemangel zu einem inhaltlichen Schwerpunkt für das soeben gestartete 2026 gemacht: Welche konkreten Themen könnte die Geschäftsleitung im Bereich Digitalisierung aufgreifen?

Ich würde mit der Formulierung von konkreten Zielen starten: Dazu reichen erst einmal ein Flipchart und ein Filzstift. Soll die Effizienz gesteigert werden? Oder wollt ihr ähnlich einem Labor zum Beispiel einfach einmal mit KI rumpröbeln können? Sollen mehr Arbeiten vom Mobilgerät aus erledigt werden können? Wollt ihr Perplexity nutzen können, ohne potenziell sensible Daten mit der halben Welt zu teilen? Nur wer weiss, was er konkret will, hat im Digitalisierungsdschungel eine Chance, Ziele zu erreichen und nicht nur einfach Geld zu «verlochen».

Was erwarten Sie von den Finanzierern respektive der Politik, damit die Branche die «digitale Transformation» meistern kann?

Wie ich bereits angedeutet habe, müssten die Finanzierer Transformationsbeiträge leisten. Mit den aktuellen Tarifen und Finanzierungsmodellen kann der Wandel nicht gelingen. Unsere Rahmenbedingungen müssen zudem generell besser werden. Ich denke hier ganz besonders an eine faire Entschädigung fürs Pflegepersonal, die zum Beispiel auch die unregelmässigen Arbeitszeiten in der Pflege und Betreuung berücksichtigt. Zudem dürfen keine Fehlanreize geschaffen werden: Innovation und Effizienzsteigerung müssen sich lohnen und dürfen nicht mit tieferen Tarifen bestraft werden, weil dann die Unterdeckung beispielsweise tiefer ausfällt.

Wie können die einzelnen Institutionen Rahmenbedingungen schaffen, in der die Transformation gelingen kann?

Jede Trägerschaft und Geschäftsleitung sollte ständige Weiterentwicklung anstreben, und zwar unabhängig von der digitalen Transformation. Alterszentren sollten vermehrt finanzielle Ressourcen regional zusammenlegen. Besonders strategische Organe von gemeinnützigen Institutionen sollten kritisch prüfen, ob ihr Zweck unter dem Dach einer anderen Institution vielleicht besser erfüllt werden könnte als im Alleingang. Wenn dank der Fusion dann schon nur eine Geschäftsführungsstelle eingespart werden kann, bleibt mehr Geld für digitale Lösungen – oder vielleicht besser für eine zweite Pflegefachperson in der Nacht.

Wie sollte ein Betrieb konkret mit der digitalen Transformation starten?

Die digitale Transformation läuft schon lange, und alle stecken da knietief drin, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht. Wer strukturiert vorwärtskommen möchte, sollte damit beginnen, Daten aufzuräumen und Prozesse, Rollen und Berechtigungen zu verstehen. Das ist vergleichbar mit einer Kiste unsortierter Legos. Wer sich zuerst die Zeit nimmt, die unterschiedlichen Bausteine zu sortieren, baut dann viel schneller. Zudem gilt es unbedingt die ICT-Infrastruktur auf den neusten Stand zu bringen, um die Datensicherheit zu gewährleisten. Je mehr wir nämlich von Technologie profitieren werden, desto abhängiger werden wir von ihr und desto angreif- und erpressbarer.

Unser Gesprächspartner

Patric Bhend ist Geschäftsführer bei der Stiftung Solina und Präsident von Curaviva.

Patric Bhend. Foto: Solino

Künstliche Intelligenz – was nun?

Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 1-2/2026

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