Inklusion: Eine Frage der Haltung
Jahn Graf (35) ist Selbstvertreter, Aktivist, Inklusionsbeauftragter, Podcaster, Moderator – und Gastreferent an der hsl und hfg von ARTISET Bildung. Dort berichtet er über sein Leben mit Assistenz: offen, humorvoll und ohne falsche Scheu.
Keine trockene Theorie, sondern gelebte Praxis. So wird Inklusion an den Höheren Fachschulen für Sozialpädagogik hsl und Gemeindeanimation hfg unterrichtet. Zum Unterrichtsteam gehört auch Jahn Graf aus Cham, seit Geburt spastisch gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. «Assistenz in Anspruch nehmen bedeutet, jemanden ganz nah in sein Leben zu lassen», sagt er zu den hsl-Studierenden, welche sich heute mit diesem Thema auseinandersetzen. «Wenn da noch irgendwo eine Unterhose in der Wohnung rumliegt, sind das schon intime Momente.» Dann wird der 35-Jährige ernst. Eine Assistenzstelle sei für interessierte Menschen eine grosse Chance, im Alltag zu erleben, wie Inklusion funktioniere – oder eben nicht. Etwa wenn er im Winter gemeinsam mit seiner Assistenzperson auf dem kalten Bahnperron wartet: Der hindernisfreie Zug fährt nur einmal pro Stunde, obwohl die Linie sonst im Viertelstundentakt bedient wird. «Da bekommt man ein ganz neues Verständnis von Inklusion.»
Innere Hürden überwinden
Derzeit teilen sich drei Personen die bewilligten monatlichen 61 Assistenzstunden. Sie unterstützen Jahn Graf beim Schreiben von E-Mails und Protokollen, bei Social Media, auf Reisen zu Veranstaltungen und im Haushalt. Gerade die schriftliche Arbeit sei eine grosse Entlastung: «Wegen meiner Spastik brauche ich für ein Mail 40 Minuten – für Gedanken, die ich in fünf Minuten formulieren kann.» Als Arbeitgeber erstellt er Lohnabrechnungen, koordiniert Einsätze, trägt Verantwortung. «Das war eine neue Erfahrung, plötzlich Arbeitgeber zu sein.»
Was an diesem Unterrichtsnachmittag nur am Rand zur Sprache kommt: Erst seit einem knappen Jahr nutzt Jahn Graf Assistenz – obwohl er schon länger Anspruch darauf hätte. Der Weg dorthin führte über innere Hürden. «Ich wollte nicht als behinderte Person gelabelt werden. Ich wollte ein Fussgänger sein, halt ein sitzender Fussgänger.» Jahrelang habe er sich extrem angestrengt, die Lücke zwischen Behinderung und Nichtbehinderung zu schliessen. 2023, mit seiner Teilzeitanstellung als Inklusionsbeauftragter im Kleintheater Luzern, verschärfte sich dieser innere Konflikt. «Ich wollte beweisen, wie Inklusion funktioniert», sagt er rückblickend. «Ich war sehr streng mit mir und nervte mich übervieles – sogar darüber, dass nicht alle Menschen mit Behinderung Bock haben, abends ins Theater zu gehen.» Gleichzeitig stand er in einem ständigen Rollenkonflikt zwischen Betroffenem, Aktivist und Teammitglied. Nach einer Kontroverse suchte er therapeutische Unterstützung. Ein Vergleich seines Coachs veränderte seine Haltung: «Je höher jemand in der Hierarchie einer Bank steht, desto wichtiger ist es, sich helfen zu lassen. Diese Unterstützung hilft, die eigene Energie dort einzusetzen, wo sie die grösste Wirkung hat.» Assistenz nicht als Schwäche, sondern als Ressource zu begreifen, sei ein Wendepunkt in seiner Sichtweise gewesen.
Salat für den «Para-Graf»
Wenn Jahn Graf so schonungslos ehrlich mit sich selbst ist, vergisst man für einen Moment den Strahlemann, den man in der Öffentlichkeit sieht. Seit 2016 produziert er unter dem Label «Jahns rollende Welt» regelmässig Podcasts. Er spricht mit Persönlichkeiten aus Politik, Sport, Medien und Gesellschaft, darunter SRF-Moderator Sandro Brotz oder Bundesrat Albert Rösti. Letzteren wollte er mit der mangelhaften Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes an Bahnhöfen konfrontieren. «Mit dem Satz ‹Wir haben das Verschlafen, tut uns leid, wir sind dran› hat er mir alle Munition genommen», sagt Graf anerkennend. «Rösti ist politisch weit von mir entfernt, aber er nimmt Menschen ernst. Und dass er als Bundesrat gekommen ist, ist cool.»
Einem breiten Publikum wurde Jahn Graf mit seinen SRF-Auftritten «Para-Graf» an den Paralympics bekannt. In Paris 2024 war er gemeinsam mit Moderator Olivier Borer täglich mehrere Stunden live auf Sendung. «Der Workflow war enorm. Ebenso die täglichen kleinen Kämpfe mit nicht inklusiven Strukturen.» Selbst die Mittagspause wurde zur Herausforderung: 30 Minuten kurz, die Kantine in einem anderen Gebäude. «Kaum hatte ich den Teller vor mir, kam der Anruf: ‹Wo bist du? › Am Ende ass Graf zwei Wochen lang Salat am Schreibtisch. «Weil ich wusste, dass meine Sichtbarkeit am TV der Sache hilft.» Sogar Fanpost erhielt er nach seinen Auftritten. «Darunter mehrere Bibeln für den armen Behinderten», sagt er sarkastisch und lacht. Doch es gab auch bestärkende Rückmeldungen.
Und dennoch: Immer wieder mit denselben Klischees konfrontiert zu sein, immer wieder dieselben Fragen zu hören, das ermüdet. Besonders belastend seien Situationen, in denen ihm seine Wahrnehmung abgesprochen werde. Ein prägendes Erlebnis hatte er an einem inklusiven Fussballturnier: Als Ehrengast kam er nicht ins Clubhaus, weil die Rampe fehlte. Den Vorschlag, ihn auf der Schulter hochzutragen, lehnte er ab. «Da geht es auch um Würde.» Statt eines «Sorry, tut uns leid», hiess es am Schluss: «Jetzt bist du aber selbst schuld.»
Vom Tiefpunkt zur eigenen Firma
Dieser Vorfall hatte einen positiven Effekt: Jahn Graf entschied, seine eigene Firma «Inkludô – eine Frage der Haltung» zu gründen mit dem Ziel, Organisationen bei Inklusionsfragen zu beraten. Der Zusatz bezüglich Haltung ist kein Zufall: «Inklusion beginnt nicht mit einem grossen Budget. Man kann auch mal die kleinen Steinchen aus dem Weg räumen, bevor man sich an die grossen Brocken macht.»
Jahn Grafs Energie scheint unendlich. Woher kommt dieser Drive? Seine Familie habe ihn von klein auf gestärkt. «Sicher hatten meine Eltern keine Freude, ein behindertes Kind zu haben. Doch sie sagten: ‹Du kannst alles erreichen. Aber wenn du A sagst, musst du auch B und C und D und E … sagen. ›» Kritisch blickt Jahn Graf jedoch auf seinen Bildungsweg zurück: Statt Regelklasse besuchte er die Sonderschule Rodtegg in Luzern. Mit einem sogenannten «Geburtsgebrechen» sei sein Weg von der IV vorgespurt gewesen. «Schulisch war die Rodtegg für mich damals die beste Institution. Doch der Sonderweg als solcher war, nicht der beste Weg.» Seinen beruflichen Werdegang habe er sich eigenständig erarbeitet – als Büroassistenz vom zweiten Arbeitsmarkt in den ersten Arbeitsmarkt. «Das System hat mich dabei nicht gepusht.» Er wünscht sich mehr Durchlässigkeit und mehr individuelle Lösungen. Das gelte auch für die Inklusion insgesamt: «Es ist ein Irrglaube, zu denken, es gebe allgemeingültige Konzepte. Inklusion ist immer individuell – weil jeder Mensch einzigartig ist.»
Macht - Haltung - Verantwortung
Der Artikel erschien in dieser Ausgabe der Gazette (März 2026)