HUMOR | «Gemeinsame positive Erlebnisse ermöglichen»
Marion Nardi-Walter arbeitet als Sozialpädagogin bei der Martin Stiftung in Erlenbach ZH, die rund 170 Personen mit kognitiven Einschränkungen ein Zuhause bietet. Die Humortrainerin betreut eine Wohngruppe und wendet bei ihrer Arbeit gezielt Humor an. Wie das funktioniert, welche Effekte das hat und welche Haltung zum Humor sie vertritt, erläutert sie im Interview.
Frau Nardi, Sie begleiten seit vielen Jahren Menschen mit kognitiven Behinderungen. Was gefällt Ihnen an dieser Arbeit bis heute?
Mir gefällt vor allem die Arbeit von Mensch zu Mensch. Im Zentrum steht für mich die Beziehungsarbeit: Begegnungen, gegenseitiges Vertrauen und das gemeinsame Gestalten des Alltags. Obwohl ich schon über 20 Jahre auf der gleichen Wohngruppe tätig bin, erlebe ich die Arbeit immer noch als abwechslungsreich und lebendig. Eine gewisse Routine ist natürlich vorhanden, trotzdem gleicht kein Tag dem anderen. Jede Situation, jede Begegnung und jede Stimmung bringt etwas Neues, wodurch die Arbeit spannend und dynamisch bleibt. Ich weiss nie genau, was mich erwartet.
Besonders beeindruckend finde ich die Feinfühligkeit von Menschen mit Beeinträchtigungen. Die Bewohnenden nehmen ihr Gegenüber sehr gut wahr und spüren schnell, wie es einer Person tatsächlich geht. Deshalb erfordert die Begleitung aus meiner Sicht Echtheit, Glaubwürdigkeit und eine professionelle Haltung, die gleichzeitig authentisch ist. Ebenso schätze ich bei den Bewohnenden ihre Direktheit und Dankbarkeit sowie die Freude, die in gemeinsamen Momenten erlebbar sind.
Zu Ihrer «Werkzeugkiste» gehört der Humor. Was bedeuten Humor und Leichtigkeit bei der Begleitung von Menschen mit Einschränkungen?
Menschen reagieren auf Humor, gemeinsames Lachen und eine positive Atmosphäre. In der Betreuung spielen Humor und Leichtigkeit eine ebenso bedeutende Rolle wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Bewohnende sind in ihrem Bedürfnis nach Humor, Beziehung und Leichtigkeit wie alle Menschen. Humor hat die Eigenschaft, Begegnungen zu erleichtern, Nähe zu schaffen und Beziehungen zu stärken.
Humor unterstützt dabei, Anspannungen abzubauen, schwierige Situationen zu entschärfen und gemeinsame positive Erlebnisse zu ermöglichen. Gleichzeitig entsteht durch humorvolle Momente auch ein Miteinander auf Augenhöhe, was Vertrauen und Verbundenheit fördert – und dies ist ein zentraler Aspekt unserer Arbeit. Leichtigkeit in der Betreuung bedeutet nicht, Herausforderungen zu verharmlosen, sondern dem Alltag Raum für Freude, Spontanität und echte Begegnung zu geben.
Sie geben auch Humortrainings und Workshops. Was machen Sie da?
Mein Humortraining richtet sich hauptsächlich an Fachmitarbeitende in Institutionen für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Das ist das Fachgebiet, aus dem ich selbst komme, deshalb kenne ich die Praxis, die Herausforderungen und auch die Möglichkeiten der Humorarbeit aus langjähriger Erfahrung.
In meinen Workshops verbinden sich theoretische Grundlagen zum Thema Humor mit Praxisbeispielen, Selbstreflexion anhand der eigenen Humorbiografie, und es geht auch um Beispiele von spielerischen Elementen im Alltag. Es ist mir ein Anliegen, zu erklären, warum dieses Spielerische wichtig ist und was es bringt. Der Unterschied zwischen intuitiven und professionellen Humorinterventionen ist, Letztere fachlich zu begründen und bewusst einzusetzen.
Gibt es auch Grenzen des Humors?
Ja, es gibt durchaus Situationen, in denen Humorintervention nicht angebracht ist. Deshalb geht es auch darum, die Sensibilität zu entwickeln, wann Humor unterstützend ist und wann Zurückhaltung angebracht ist. Meine persönliche Haltung sieht so aus: Ich verstehe das Verhalten von Bewohnenden als Spielangebot, um die Energie in einen positiven Fluss zu bringen.
Humor bedeutet sicher nicht, etwas ins Lächerliche zu ziehen, sondern die Haltung des Menschen mit Offenheit und wertschätzendem Blick spielerisch zu verändern. Durch die Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach Humortrainings deutlich zurückgegangen. Da ich in meiner Tätigkeit als Sozialpädagogin beruflich gut ausgelastet bin, stellen die Trainings für mich eine ergänzende Aufgabe dar. Meine Humorarbeit fliesst vor allem direkt in meinen beruflichen Alltag ein, wovon die Bewohnenden und das Fachteam profitieren.
Können Sie eine Situation aus Ihrem Arbeitsalltag schildern, in der Humor einen schwierigen Moment positiv verändert hat?
Mir fällt etwa eine Situation ein, als ein Bewohner verärgert reagierte und seinen Unmut durch lautes Schimpfen und Fluchen ausdrückte. Um zu deeskalieren und den Fokus zu verändern, habe ich bewusst Humor als agogisches Mittel eingesetzt. Anstatt direkt auf sein Verhalten einzugehen, habe ich spielerisch reagiert und harmlose, erfundene Schimpfwörter-Wortschöpfungen in die Runde geworfen.
Durch diese Intervention wurden die anderen Anwesenden inspiriert und haben das spielerisch weitergeführt, indem sie eigene kreative Schimpfwörter erfunden haben. Die angespannte Atmosphäre lockerte sich, und alle konnten zusammen lachen: Aus einer anfangs schwierigen Dynamik fanden wir zu einem verbindenden Gruppenerlebnis. Dieser situationsangepasste Humor wirkt deeskalierend und unterstützt die emotionale Regulation von allen Beteiligten.
Personen, die im Sozialbereich arbeiten, sind häufig Belastungen und Stress ausgesetzt. Wie kann Humor ihnen helfen?
Marion Nardi-Walter: Humor ist generell eine wertvolle Ressource, weil er hilft, Abstand zu gewinnen und neue Perspektiven zu eröffnen. Für mich ist dieser Perspektivenwechsel – auch Reframing genannt – ein wichtiger Aspekt, gerade in belastenden Situationen. Die Angelegenheit kann sozusagen durch eine andere «Brille» betrachtet werden, wodurch sich Entlastung und neue Handlungsmöglichkeiten ergeben.
Humor unterstützt dabei, festgefahrene Denkweisen zu lockern und Situationen als weniger schwierig zu bewerten. Auch sich selber nicht ganz so ernst zu nehmen, ist immer hilfreich. Humor ist dann eine Haltung, die hilft, die eigene Resilienz zu stärken und so die Arbeitsfähigkeit in einem anspruchsvollen Berufsfeld wie dem Sozialbereich langfristig zu erhalten.
Was braucht es, damit Humor in einer Institution Platz hat?
Es braucht dafür aus meiner Sicht Mitarbeitende, die Humor als wertvolle Ressource verstehen und bereit sind, diesen bewusst in ihre Arbeit einzubringen. Gleichzeitig spielt die Haltung der Geschäftsleitung sowie des ganzen Teams eine zentrale Rolle, damit Humor als Teil einer professionellen und wertschätzenden Kultur angewendet werden kann.
Fachmitarbeitende verfügen über die notwendigen Kompetenzen, um Humor reflektiert und situationsangemessen einzusetzen. Insbesondere im agogischen Alltag ist es wichtig zu verstehen, wie Humor verwendet werden kann, ohne die Beziehungsebene zu gefährden oder Grenzen zu überschreiten. Humor soll also bewusst, professionell und mit einer fachlichen Begründung in den Arbeitsalltag integriert werden.
Sind Sie selber ein humorvoller Mensch? Wann lachen Sie gerne?
Ja, ich sehe mich als humorvolle Person. Während meiner Ausbildung zur Humortrainerin und -beraterin wurde ich einmal scherzhaft gefragt, ob ich vielleicht als Kind schon in ein Lachbecken gefallen sei. Tatsächlich begleitet mich Humor schon mein ganzes Leben. Denn bereits in meiner Kindheit wurde zuhause viel gelacht, insbesondere meine Mutter verbreitete viel Fröhlichkeit, da sie selbst ein humorvoller Mensch war. Deshalb gehe ich davon aus, dass mir der Humor als Geschenk bereits in die Wiege gelegt wurde.
Ich lache über viele unterschiedliche Situationen und habe ein Auge für die Alltagskomik, die ich schnell wahrnehme. Häufig sind es gerade die kleinen spontanen und unerwarteten Momente, die Leichtigkeit in den Alltag bringen. Ein Arbeitskollege hat einmal zu mir gesagt, dass ich «leicht erheiterbar» sei. Das empfinde ich als Kompliment, denn wie bereits erwähnt, sehe ich den Humor als eine Haltung, die Verbindung schafft, Perspektiven erweitert und den Alltag bereichert. Es heisst ja nicht umsonst, dass Humor die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen ist.
Können Sie den Leserinnen und Lesern zum Schluss noch einen humorvollen Rat mitgeben?
Marion Nardi-Walter: Nehmen Sie Ihre Aufgaben ernst, aber nicht immer sich selbst. Wer über sich selbst lachen kann, gewinnt Abstand, Leichtigkeit und neue Perspektiven. Die Fähigkeit, über sich selbst zu schmunzeln, ist für mich eine Form von innerer Beweglichkeit. Humor beginnt nicht damit, über andere zu lachen, sondern sich selbst mit Freundlichkeit, Gelassenheit und einer Prise Selbstironie zu begegnen.
Marion Nardi-Walter ist Sozialpädagogin und arbeitet seit vielen Jahren im Sozialbereich, hauptsächlich mit Menschen mit Behinderungen. Zudem ist sie als Humortrainerin und Humorberaterin tätig
Humor erleichtert den Alltag
Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 7-8/2026