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FACHPERSONEN | «Es braucht weitere Anstrengungen aller Akteure»

Elisabeth Seifert

Das Risiko grösserer Personalengpässe lasse sich mittelfristig nicht ausschliessen, sagen Seraina Grünig, stv. Generalsekretärin der Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK), sowie Gaby Szöllösy, Generalsekretärin der Sozialdirektorenkonferenz (SODK). Neben den Investitionen in die Ausbildung unterstreichen beide die Notwendigkeit, mit besseren Arbeitsbedingungen das Personal im Beruf zu halten – und sehen hier alle Akteure in der Pflicht.

Frau Szöllösy und Frau Grünig, der Mangel an Fachkräften ist gerade auch im Pflege- und Sozialbereich ein Problem. Wie drängend ist dieser Mangel aus Ihrer Sicht?

Gaby Szöllösy: Im Sozialbereich ist die Lage angespannt – anstelle von einem Mangel sollten wir aber von einer Knappheit sprechen, das beschreibt die Situation besser. Dies hat 2024 eine Fachkräftestudie des Dachverbands für Berufsbildung im Sozialbereich gezeigt. Rund 90 Prozent der ausgeschriebenen Stellen können besetzt werden – allerdings nur rund 65 Prozent fristgerecht und mit der gewünschten Qualifikation. Von einem flächendeckenden Mangel kann derzeit also noch nicht die Rede sein, aber die Situation dürfte sich weiter verschärfen.

Seraina Grünig: Genügend gut qualifiziertes Personal zu haben und im Beruf zu halten, ist auch im Gesundheitswesen eine der derzeit grössten Herausforderungen. Die neuesten Prognosen zur demografischen Entwicklung korrigieren den Bedarf zwar leicht nach unten, bestätigen aber die fortschreitende Alterung der Bevölkerung und den Anstieg des Bedarfs. Die Schweiz ist und bleibt im Gesundheitswesen auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» würde die sehr angespannte Lage bei der Rekrutierung von Fachkräften im Gesundheitswesen noch verschärfen. Auch deshalb lehnen die Kantone die Initiative ab.

Die Kantone haben den gesetzlichen Auftrag, die Versorgung sicherzustellen. Wie gross ist Ihrer Meinung nach die Wahrscheinlichkeit, dass wir aufgrund des Fachkräftemangels in ein Versorgungsproblem hineinlaufen?

Grünig: Im Gesundheitswesen ist die Versorgung insgesamt noch gewährleistet, doch lässt sich mittelfristig das Risiko grösserer Engpässe – mit möglichen Auswirkungen auf die Qualität und die Wartezeiten – nicht ausschliessen. Die Kantone halten dagegen, unter anderem indem sie die Interprofessionalität stärken sowie in die Attraktivität und Ausbildungskapazitäten der Gesundheitsberufe investieren.

Szöllösy: Eine Unterversorgung entsteht, wenn das Arbeitskräfteangebot nicht mehr Schritt hält mit der Nachfrage nach Arbeitskräften. Und hier wirken die demografischen Trends im Sozialbereich gleich doppelt. Einerseits sehen wir eine steigende Nachfrage nach Betreuungsleistungen, andererseits treten jedes Jahr weniger junge Menschen ins Arbeitsleben ein, als ältere Arbeitnehmende in Rente gehen. 14 Prozent der Arbeitnehmenden im Sozialwesen sind älter als 55 Jahre.

In welchen Versorgungsfeldern erachten Sie den Mangel am grössten?

Szöllösy: Die genannte Fachkräftestudie zeigte, dass im Arbeitsfeld «Migration und Asyl» am meisten offene Stellen nicht besetzt werden konnten. Im Arbeitsfeld «Sucht» wurde am wenigsten von Rekrutierungsproblemen berichtet. Diese Betrachtung greift aber zu kurz, denn auch innerhalb der Arbeitsfelder gibt es grosse Unterschiede. Wir wissen zum Beispiel aus den Kantonen, dass Tagesstrukturangebote leichter Mitarbeitende finden als Wohngruppen. Das dürfte an den geregelten Arbeitszeiten liegen. Zudem besteht bei bestimmten Berufen eine Konkurrenz mit dem Bildungswesen, wo die Konditionen oft besser sind.

Grünig: Im Gesundheitswesen sind die Engpässe besonders ausgeprägt in der Langzeitpflege, in der Grundversorgung – vor allem in der Hausarzt- und Kindermedizin – sowie im Bereich der psychischen Gesundheit.

Gibt es Unterschiede zwischen Regionen und Kantonen in der Schweiz?

Grünig: Nehmen wir das Beispiel der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung: Insgesamt ist diese in der Schweiz sichergestellt, aber regional ungleich verteilt. Die Dichte an niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiatern sowie Psychologinnen und Psychologen ist in urbanen Zentren um ein Vielfaches höher als in ländlichen Gebieten.

Szöllösy: Es gibt Unterschiede, aber nicht entlang von Kantons- oder Sprachgrenzen. Es scheint eine Frage der Erreichbarkeit des Arbeitsorts und der Grösse des Arbeitsmarkts zu sein. In städtischen Regionen und in grenznahen Gebieten fällt es leichter, Stellen fristgerecht und qualifiziert zu besetzen. Daran zeigt sich die grosse Bedeutung der Personenfreizügigkeit mit der EU für die Versorgungssicherheit im Sozialbereich. Die Kantone sprechen sich deshalb auch für das Paket Schweiz-EU (Bilaterale III) aus.

Kommen wir auf die Gründe für den Mangel zu sprechen: Liegt es an den Ausbildungszahlen?

Szöllösy: Der Sozialbereich verzeichnet seit 2016 eine Zunahme der Ausbildungsabschlüsse. Die zentrale Herausforderung ist vielmehr, die Fachpersonen langfristig und mit einem möglichst hohen Arbeitspensum im Beruf zu halten. Der Sozialbereich hat eine überdurchschnittlich hohe Fluktuation.

Grünig: Anstrengungen bei der Ausbildung sind zweifellos wichtig. Deshalb fördern Kantone und Bund die Ausbildung im Rahmen der Umsetzung zur ersten Etappe der Pflegeinitiative während acht Jahren mit bis zu einer Milliarde Franken. Ebenso wichtig ist aber, dass die ausgebildeten Fachleute in den Arbeitsmarkt eintreten und nicht nach wenigen Jahren bereits wieder aus dem Beruf aussteigen. Es braucht deshalb Anstrengungen zum Erhalt des Personals, dazu gehören auch gute Arbeitsbedingungen.

Was unternehmen die Kantone, um die Ausbildung von Fachkräften im Pflege- und Sozialbereich voranzutreiben – und die Auszubildenden während ihrer Ausbildung besser zu begleiten?

Szöllösy: Die kantonalen Organisationen der Arbeitswelt leisten, zusammen mit den nationalen Dachorganisationen Savoirsocial und OdASanté, erfolgreiche Arbeit für die Berufsbildung und das Berufsmarketing im Sozial- und Gesundheitswesen. Sie tragen wesentlich dazu bei, den Bedarf an qualifizierten Fachkräften zu decken, Bildungsinhalte aktuell zu halten und die Kosten der Berufsbildung fair zu verteilen.

Frau Grünig, wie gut wird die im Rahmen der ersten Umsetzungsetappe der Pflegeinitiative lancierte Ausbildungsoffensive von den Kantonen mitgetragen?

Grünig: Wie bereits erwähnt, leisten die Kantone massgebliche Beiträge an die Ausbildungsoffensive. Diese startete im Sommer 2024. Das ist zu kurz für eine Beurteilung, ob sie auf Kurs ist. Es werden aber bereits zahlreiche Massnahmen umgesetzt, und die Ausbildungsoffensive wird weiter an Tempo zulegen.

Frau Szöllösy, wäre eine ähnliche Ausbildungsoffensive auch für den Sozialbereich sinnvoll?

Szöllösy: Es braucht weiterhin grosse Investitionen in die berufliche Aus- und Weiterbildung. Angesichts des rasanten technologischen Wandels und unserer hochspezialisierten Wirtschaft gilt dies aber nicht isoliert für den Sozialbereich, sondern immer und überall. Noch mal: Die Gründe für die angespannte Lage sind nicht ausschliesslich bei den Ausbildungszahlen und nicht nur im Sozialwesen zu suchen. Eine Ausbildungsoffensive in einer bestimmten Branche kann nichts an der demografischen Tatsache ändern, dass in allen Branchen weniger junge Leute in den Arbeitsmarkt nachrücken und dass der Bedarf wegen der alternden Bevölkerung steigt. Wir müssen das grösser denken, für die ganze Gesellschaft.

Wie Sie beide bereits erwähnt haben, verschärfen sich die Probleme, weil viele nicht im Beruf tätig bleiben. Können Sie die Gründe für den Berufsausstieg konkretisieren?

Szöllösy: In der Fachkräftestudie wurden die Arbeitsbelastung, die Lohnvorstellungen und der Wunsch nach Neuorientierung als häufigste Gründe für einen Berufswechsel genannt. Im Arbeitsfeld «Menschen mit Behinderungen» stehen zusätzlich auch die Arbeitszeiten weit oben. Neben dem Berufsausstieg müssen wir auch die Wahl des Arbeitspensums berücksichtigen.

Grünig: Das kann ich auch für das Gesundheitswesen bestätigen. Die Arbeitsbedingungen – insbesondere die Arbeitsbelastung, die Arbeitszeitgestaltung und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben – spielen eine entscheidende Rolle bei der Entscheidung, den Beruf aufzugeben oder das Arbeitspensum zu reduzieren.

Welche Massnahmen sind aus Ihrer Sicht besonders zentral, um die Fachkräfte im Beruf zu halten?

Grünig: Es stimmt, dass die Arbeitsbedingungen ein wichtiger Hebel sind, um Fachkräfte im Beruf zu halten. Neben den bereits erwähnten Elementen wie der Arbeitsbelastung spielen dabei auch die Personalausstattung oder der Abbau der administrativen Belastung eine entscheidende Rolle.

Szöllösy: Von einer Institution hörten wir, dass die Personalfluktuation sofort sank, als die Arbeitspläne so angepasst wurden, dass es keine geteilten Schichten mehr gab. Das ist nur ein Beispiel, aber es zeigt, dass den Leistungserbringern eine wichtige Rolle zukommt.

Die Kantone tragen als Regulatoren und Finanzierer eine wichtige Mitverantwortung, gerade wenn es um die Personalausstattung und die Löhne geht. Unternehmen die Kantone hier genug?

Szöllösy: Im Rahmen der SODK engagieren sich die Kantone für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen, wo der Einflussbereich einzelner Betriebe und der Branchenverbände endet. Zu erwähnen sind etwa das Engagement für das Paket Schweiz-EU, um den Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt zu erhalten, der Einsatz für die verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder die Empfehlungen für qualitative Mindeststandards in der frühen Förderung.

Grünig: Die Kantone haben einen Einfluss auf die Rahmenbedingungen. In der Verantwortung stehen aber primär die Leistungserbringer. Viele von ihnen haben konkrete Schritte unternommen, unter anderem mit einer Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit oder Lohnerhöhungen. Die Kantone engagieren sich eher im Bereich der Ausbildung. So haben Bund und Kantone beispielsweise dafür gesorgt, dass die Anzahl der Master-Diplome in Humanmedizin von knapp 900 im Jahr 2016 auf über 1300 im Jahr 2025 gestiegen ist. So können wir die Abhängigkeit der Schweiz von Ärztinnen und Ärzten mit ausländischem Diplom verringern. Auch wenn diesbezüglich weitere Anstrengungen nötig sind.

Frau Grünig, im Rahmen der zweiten Umsetzungsetappe der Pflegeinitiative, die derzeit im Parlament debattiert wird, sollen gewisse Arbeitsbedingungen verbessert werden. Welche Massnahmen in der Vorlage sind für Sie besonders zentral?

Grünig: Die geplanten Massnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege dienen dem Ziel, die Attraktivität des Berufs zu steigern und die Zahl der vorzeitigen Berufsaustritte zu senken. Gleichzeitig sind sie eine finanzielle Herausforderung. Die GDK ist dezidiert gegen den Vorschlag des Nationalrats, der die Mehrkosten im Bereich der Pflege zu Hause sowie der Pflege in Alters- und Pflegeheimen vorübergehend den Kantonen und dem Bund aufbürden will. Das wäre systemfremd.

Frau Szöllösy: Wäre eine ähnliche gesetzliche Vorlage auch für den Sozialbereich sinnvoll?

Szöllösy: Die Arbeitsbedingungen sind ein zentraler Faktor, das zeigt die Fachkräftestudie. Es ist aber falsch, die verschiedenen Branchen wie das Gesundheitswesen, den Sozialbereich und das Bildungswesen in einer Art Wettrüsten gegeneinander auszuspielen.

Neben den Kantonen haben der Bund, die Versicherer und die Leistungserbringer ebenfalls eine Verantwortung, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Was erwarten Sie von diesen?

Grünig: Wir haben als Gesellschaft ein Interesse und eine Verantwortung, die Versorgungssicherheit für Menschen mit Betreuungs- und Pflegebedarf zu erhalten. Alle Akteure sind gefordert, die dafür nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, insbesondere in Bezug auf die Finanzierung und die Arbeitsbedingungen.

Zum Abschluss: Was ist zu tun, damit die Hauptprobleme tatsächlich angegangen werden und damit wir echte Lösungen finden?

Szöllösy: Wir sollten den demografischen Wandel als Realität anerkennen: Es wird in Zukunft mehr Menschen im Alter geben und weniger junge Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger. Daran kann die Politik nichts ändern, und es ist auch keine Frage der Finanzierung. Umso wichtiger ist es, innovative Lösungen – auch im Ausbildungsbereich – zu denken. Die Berufswelt wird sich durch den Einsatz von KI verändern. Das kann auch Chancen bergen, zum Beispiel indem bewusst Quereinsteigende motiviert werden.

Grünig: Vieles ist schon aufgegleist. Aber es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass es weitere Anstrengungen aller Akteure braucht, um die Versorgungssicherheit zu garantieren. Die GDK wird sich auch künftig zusammen mit den Kantonen im Bereich der Aus- und Weiterbildung stark engagieren. Ebenso beteiligen wir uns an weiteren Initiativen, wie beispielsweise der Agenda Grundversorgung des Bundes, die allen Menschen in der Schweiz weiterhin Zugang zu einer ausreichenden Grundversorgung von hoher Qualität ermöglichen will.

Artiset: Bestehende Hilfestellungen für Betriebe bekannter machen

Vor einem Jahr hat die Föderation Artiset mit ihren drei Branchenverbänden die «Resolution zur Eindämmung des Fachkräftemangels» veröffentlicht. Gefordert wird darin ein Masterplan zur Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Versorgung im Sozial- und Gesundheits-bereich. Erarbeitet werden soll dieser unter der Leitung von Bund und Kantonen gemeinsam mit allen Akteuren. Zu den verbindlichen Zielen gehören die Sicherung der wirtschaftlichen Tragfähigkeit, die Entwicklung fairer Lohnsysteme, die Förderung von innovativen Personallösungen und interprofessioneller Zusammenarbeit sowie die Sicherstellung der Ausbildung von Fachkräften in den Betrieben.

Seit Veröffentlichung der Resolution haben diverse Ge-spräche mit Vertretenden des Bundes und der Kantone stattgefunden. Ihre Aktivitäten konzentrieren diese zur-zeit auf die Umsetzung der Pflegeinitiative oder auch der Agenda Grundversorgung des Bundes. Artiset hat im April jetzt eine interne Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um einzelne Elemente aus der Resolution umzusetzen. Für das laufende Jahr ist gemäss Artiset-Geschäftsführer Daniel Höchli geplant, die vielen bereits bestehenden Hilfestellungen für die Betriebe, wie sie die Arbeitsattraktivität verbessern können, bekannter zu machen. Weiter gehe es darum, herauszufinden, welche Partner derzeit an ähnlichen Fragestellungen arbeiten und wie eine Zusammenarbeit mit ihnen aussehen könnte. Im Blick hat Artiset etwa Fachgesellschaften, andere Verbände oder auch die Wissenschaft.

Die Fachkräfteresolution finden Sie hier

Unsere Gesprächspartnerinnen

Seraina Grünig, stv. Generalsekretärin der Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK)
Gaby Szöllösy, Generalsekretärin SODK

Fachpersonen langfristig halten

Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 6/2026

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