Ein sicheres Zuhause ist die Grundlage für alles
Im Luzerner Neustadt-Quartier finden Menschen Obdach. Am Neuweg betreibt der Verein Jobdach die Notschlafstelle und ein betreutes Wohnangebot unter einem Dach.
Es ist neun Uhr. Der Wintermorgen im Januar ist kalt, Schnee säumt den Gehweg. Am Neuweg 3 weckt ein Schriftzug die Aufmerksamkeit: «Jobdach» hebt sich in einem Grauton vom Glas der Türe ab, Türklingeln mit Namen gibt es nicht. Einmal die Türschleuse beim Empfang durchquert, ist es warm, einladende Tische sind fast voll besetzt. In der Küche herrscht geschäftiges Treiben, im Aufenthaltsraum der Notschlafstelle von «Jobdach» wird das Morgenessen ausgegeben. Der gemeinnützige Verein agiert seit 1996 im Rahmen der Viersäulenpolitik im Bereich der Schadensminderung. Ziel ist es, sucht- und psychisch kranke Menschen vor Verwahrlosung zu bewahren und sie auf ihrem Weg zur sozialen Integration zu unterstützen. Im Luzerner Neustadt-Quartier werden seit August 2025 zwei Angebote unter einem Dach vereint: die Notschlafstelle und das «Obdach», das begleitete Wohnangebot, bei dem 24 Stunden eine Ansprechperson vor Ort ist. Neben Unterkünften am Neuweg befinden sich an weiteren Standorten ein Angebot für ambulant begleitetes Wohnen und die «Wärchstatt», die eine Tagesstruktur ermöglicht. Wortwörtliche Lösung für die Not
Wortwörtliche Lösung für die Not
Im Aufenthaltsraum ist die Stimmung ruhig, einige plaudern, ein junger Mann liegt mit dem Kopf auf dem Tisch und schläft. «Menschen wie wir, die mit einer Suchterkrankung hadern und ein unstetes Leben führen, sind eher Nachteulen», erzählt Pascal * und schmunzelt. «Ich selbst schlafe selten vor 2 Uhr, und damit bin ich nicht der Einzige.» Der 59-Jährige verlor nach einem Unfall seine Arbeitsstelle, landete auf der Strasse und betäubte sein seelisches Leid mit Heroin und Kokain. Nach Übernachtungen bei Kollegen oder bei wärmeren Temperaturen auf einer Parkbank schläft er nun seit zwanzig Tagen in der Notschlafstelle. Dreissig Tage nacheinander darf er sie nutzen, danach braucht er für einen Monat eine andere Lösung, bevor er wieder bei «Jobdach» unterkommen darf. «Diese Regel braucht es, weil das Angebot der Notschlafstelle keine Dauerlösung, sondern wörtlich eine Lösung für die Not sein soll», erklärt Rafael Egli. Er arbeitet seit zwölf Jahren für «Jobdach» und leitet den Bereich Wohnen, welcher die Notschlafstelle und die Angebote des betreuten Wohnens umfasst. «Ziel ist es, dass diejenigen, die die Notschlafstelle nutzen, nach einer ersten Stabilisierung in ein begleitetes Wohnangebot wechseln und wir sie dabei unterstützen können, Strukturen aufzubauen.» Damit es möglich ist, inmitten eines urbanen Familienquartiers aktiv zu werden, war die Sensibilisierung der Bevölkerung wichtig. «Beim Aufbauprozess suchten wir das Gespräch und schufen mit Information Sicherheit», erinnert sich der Bereichsleiter. «Für die Umgebung ist es wichtig, zu wissen, dass immer Fachpersonal vor Ort ist, wir aufsuchend im Quartier unterwegs sind, präventiv Einfluss nehmen und wenn nötig intervenieren.» Für «Jobdach» ist die Lage essenziell. Das Angebot ist dort am wirkungsvollsten, wo sich auch die Klient:innen aufhalten: im Zentrum der Stadt, inmitten der Gesellschaft.
Schutz für alle
Wichtig ist dem Verein Jobdach, dass auch Frauen vom Angebot vor Ort profitieren können. «Frauen sind klar in der Unterzahl», so Egli, «sie machen ungefähr einen Fünftel aus.» Die beiden Frauenzimmer in der Notschlafstelle lassen sich von innen schliessen und trotzdem mit Badge vom Personal von aussen öffnen. «Ich habe mich hier noch nie bedroht gefühlt», sagt Ava* dazu. Die junge Frau streicht sich im Aufenthaltsraum ihr Brot zum Morgenessen. Nachdem eine Beziehung in die Brüche gegangen war, erlebte sie in der letzten Wohnung Nötigung durch ihren Vermieter. Ein Grund, weshalb sie ihre Wohnung verlassen und in der Notschlafstelle vorübergehend Zuflucht gesucht hat. «Ich urteile nicht über die anderen Menschen aufgrund ihrer Suchterkrankung. Wichtig ist für mich, wie sie sich als Menschen verhalten. Und das war hier immer anständig und respektvoll.»
Ich habe mich hier noch nie bedroht gefühlt
Eine Etage über dem Aufenthaltsraum sind die Betten der Notschlafstelle jetzt leer. Dass die Notschlafstelle nun im selben Gebäude wie das 24/7-betreute Wohnen untergebracht ist, birgt organisatorische Vorteile. «Wir können Synergien nutzen und Ressourcen breiter einsetzen», führt Egli aus. Der Notschlafstellendienst übernimmt während der Nacht auch die Betreuung im Wohnbereich. Substanzen dürfen an beiden Orten konsumiert werden. In der Notschlafstelle steht dafür ein kleiner, hygienischer Konsumraum zur Verfügung, in den Wohnstudios werden Drogen in den eigenen vier Wänden konsumiert. «Abstinenz steht bei uns nicht an erster Stelle», erklärt Leiter Rafael Egli, «wir orientieren uns am amerikanischen Konzept ‹Housing First›.» Dieses besagt, dass jede Person ein Recht auf ein eigenes Daheim hat, bedingungslos. «Das ist ein Wert, der ganz tief in mir verankert ist und die Motivation für diese Arbeit stets aufrechterhält: Ein sicheres Zuhause macht eine Zusammenarbeit erst möglich. Nur wenn diese Bedingung erfüllt ist, kann Vertrauen entstehen. Respekt und Vertrauen sind Grundlagen für alle weiteren Schritte.»
Empowerment und Vertrauen
Ein Vertrauen das manchen Menschen hier aufgrund negativer Erfahrungen abhandengekommen ist. «Auf der Strasse bauen Menschen mit Suchterkrankungen oft eine Fassade um sich, im geschützten Rahmen brechen diese Mauern ein.» Rafael Egli schweigt einen Moment. «In diesem Arbeitsbereich habe ich unglaublich viele spannende, sehr feinfühlige Menschen kennengelernt. Menschen, die eigentlich nicht aufgrund ihrer Suchterkrankung hier sind, sondern wegen zwischenmenschlichen Verletzungen, die zu ihrer Erkrankung geführt haben.» Auffallend seien die Lebensgeschichten, die oft schon in der frühen Lebensphase Risse zeigten: «Viele hatten keine behütete Kindheit, wuchsen in Heimen oder Pflegefamilien auf, haben Gewalt erfahren oder wurden bereits in ein Umfeld mit Suchtthemen hineingeboren.» Respekt, Akzeptanz, Ermächtigung, Mitgefühl, Zusammenarbeit: Solche zentralen Begriffe erinnern im Sitzungsraum des Personalbereichs an die Haltung, die im Verein Jobdach gelebt wird. «Alle Klientinnen bleiben so selbständig wie möglich. Die Würde aller Menschen ist für uns zentral. Nur wer in der eigenen Verantwortung bleibt, kann etwas in seinem Leben ändern», ergänzt Bereichsleiter Rafael Egli, «und wir begleiten dabei.»
Macht - Haltung - Verantwortung
Der Artikel erschien in dieser Ausgabe der Gazette (März 2026)