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Magazin ARTISET

«Der Gestaltung des Alltags und dem Leben mehr Gewicht geben»

Elisabeth Seifert

Mitte Januar haben Artiset und ihr Branchenverband Curaviva sowie die Paul Schiller Stiftung den «Leitfaden für gute Betreuung in Altersinstitutionen» veröffentlicht. Monika Weder, Leiterin Bildung von Artiset, erläutert zentrale Aspekte psychosozialer Unterstützung und wie der Leitfaden die Institutionen bei der Umsetzung begleiten kann. Gefragt sind zudem auch Politik und Behörden.

Frau Weder, der neue Leitfaden unterstreicht den Wert guter Betreuung von Menschen im Alter auch im stationären und intermediären Bereich – weshalb ist das so wichtig?

Es kommen immer mehr Menschen in Kontakt mit Pflegeheimen, die es gewohnt sind, dass ihre individuellen Bedürfnisse berücksichtigt werden. Auch im hohen Alter und bei entsprechender Pflegebedürftigkeit besteht der Anspruch, individuelle Gewohnheiten und Vorlieben fortführen zu können. Auch Fachpersonen sind sich vermehrt bewusst, dass es für das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Bewohnenden nicht nur professionelle Pflege braucht. Die Menschen müssen mit einer guten psychosozialen Betreuung vielmehr aktiv dabei unterstützt werden, das, was ihnen in ihrem Leben wichtig war und ist, weiterhin leben zu können.  

Von Seiten Artiset haben Sie als Leiterin Bildung zusammen mit der Paul Schiller Stiftung den Prozess zur Erarbeitung des Leitfadens angestossen: Sind vor allem neue Berufsprofile gefragt?

Wenn es neue Anforderungen gibt, dann ist man schnell bei der Forderung, dass es neue respektive zusätzliche Fachpersonen braucht, welche die entsprechenden Kompetenzen mitbringen. Und da kommt dann die Bildung ins Spiel. Das ist aber zu kurz gegriffen. Bereits in unseren ersten Diskussionen und bei der Konzeptentwicklung haben wir festgestellt, dass es nur begrenzt hilft, wenn man Berufsprofile anpasst oder entsprechende Fachpersonen anstellt. Um eine gute psychosoziale Betreuung zu ermöglichen, ist die Institution auf allen Ebenen gefordert, beginnend mit dem Leitbild, der Strategie über das Konzept bis hin zur Haltung jeder einzelnen Fachpersonen. Wir stellten das Projekt dann auch entsprechend breit auf.

Betreuung ist neben der Pflege in den Heimen doch seit jeher ein wichtiger Bereich. Bewohnende bezahlen ja auch eine Betreuungstaxe. Weshalb braucht es jetzt diesen Leitfaden?

Die grosse und schwierige Frage besteht darin, wie man Betreuung genau definiert. Während man in der Pflege eine Vielfalt von Leistungen unterscheidet, ist Betreuung im aktuellen Verständnis ein recht schwammiger Sammelbegriff. Man versteht darunter vielfach Aktivierungsveranstaltungen in Gruppen. Jeder Betrieb legt selbst, fest, was er unter Betreuung versteht. Damit wird auch deutlich, dass im allgemeinen Verständnis der Fokus der Leistungen einer Altersinstitution vor allem auf der Pflege lag und immer noch liegt. Hier sehen wir klar Verbesserungspotenzial, auch auf Seiten der bestellenden Behörden und der Politik.

Welches Verständnis von Betreuung beobachten Sie aktuell in der Heimlandschaft?

Es bestehen sehr grosse Unterschiede, was die Aktivitäten betrifft, aber auch beim Verständnis von Betreuung. Es gibt Institutionen, die bereits sehr gute Konzepte haben und versuchen, ihre Betreuungsleistungen zu individualisieren. Weitere Heime setzen bestimmte Elemente um. Die Biografiearbeit etwa gewinnt zunehmend an Bedeutung. Und es gibt auch Pflegeheime, für die Betreuung in die Pflege integriert ist, im Zentrum steht hier dann die Pflege, und der Rest gruppiert sich darum herum.

Im Leitfaden geht es um ein bestimmtes Verständnis von Betreuung – hat sich dieses national und international durchgesetzt?

Die Paul Schiller Stiftung, in der wir einen guten Partner gefunden haben, hat zu diesem Thema viele Grundlagen erarbeitet. Sie konnten uns gute Inputs geben. Eine eigentliche Forschung zum Thema, national oder international, kenne ich nicht. Ich denke, wir stehen hiermit noch am Anfang. Das Verständnis von psychosozialer Betreuung, wie es die Paul Schiller Stiftung skizziert, scheint mir ein guter Ansatz, der sich auch für den stationären Bereich eignet.

Welches sind wesentliche Merkmale psychosozialer Betreuungsarbeit?

Zum einen geht es darum, die älteren Menschen darin zu unterstützen, ihrem Wohlbefinden Sorge zu tragen, mental, seelisch und körperlich. Und sie auch darin zu stärken, gerade auch schwierige Situationen selbst zu meistern. Ziel ist es, die psychische Gesundheit und das Sicherheitsgefühl im Alltag zu verbessern. Wichtig ist dabei, dass man genau hinschaut, wie viel und welche Unterstützung jemand braucht. Ein anderer sehr wichtiges Aspekt ist es, den Menschen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Weshalb ist Teilnahme so wichtig?

Der Einbezug in das gesellschaftliche Leben, in einem Austausch zu stehen mit anderen, scheint mir zentral für die Lebensqualität und wirkt der Einsamkeit entgegen. Entscheidend ist auch hier, den Menschen nicht irgendetwas überzustülpen, sondern ihnen entsprechend ihren individuellen Interessen und Bedürfnissen ein Angebot zu machen.

Gute Betreuung ist nicht einfach ein Beschäftigungsprogramm, sondern es geht um die Stärkung von Ressourcen?

Es geht darum, dass auch Menschen im hohen Alter ihr Leben selbst gestalten und auch eigenständige Entscheide treffen können. Die Menschen müssen erfahren, dass sie etwas bewirken können. So gut, wie ihnen das eben möglich ist. Dabei müssen wir den Bewohnenden behilflich sein, sie dazu befähigen.

Was bedeutet ein solches Verständnis von Betreuung für das Selbstverständnis der Pflegeheime?

Ich denke, dass sich die Pflegeheime mit einem solchen Verständnis zu einem eigentlichen Lebensraum entwickeln, wo ältere Menschen zusammenwohnen und leben, die das Personal unterstützt und begleitet. Es ist nicht einfach ein Ort, wo die Bewohnenden gepflegt werden und die Mitarbeitenden pflegen, sondern man ist in einer Art Wohn- und Lebensgemeinschaft miteinander verbunden. Es geht darum, dass die Pflegeheime der Gestaltung des Alltags und dem Leben mehr Gewicht geben. Der Eintritt ins Pflegeheim ist auf diese Weise auch ein weniger radikaler Einschnitt, man muss nicht einfach alle Gewohnheiten aufgeben.

Was heisst ein solches Verständnis für die Mitarbeitenden?

Die grosse Herausforderung im Alltag ist, den Spagat zwischen den individuellen Bedürfnissen und den Grenzen der Organisation zu meistern, für die ja bestimmte Rahmenbedingungen gelten. Die Betriebe müssen sich überlegen, was für sie möglich ist: Können wir es zum Beispiel ermöglichen, dass die Bewohnenden aufstehen und frühstücken, wann sie wollen? Wenn man sich dafür entscheidet, dann hat das sofort Auswirkungen auf die Haltung der Mitarbeitenden und die ganze Einsatzplanung.

Können Sie das konkretisieren?

Die Leitung muss sicherstellen, dass alle Mitarbeitenden das gleiche Verständnis haben von Pflege und Betreuung. Und zum anderen braucht es Spezialistinnen und Spezialisten, die wissen, wie man die individuellen Bedürfnisse der Bewohnenden erkennen kann, und die auch die Mitarbeitenden entsprechend ausbilden und anleiten können. Dazu gehört es, gerade auch in schwierigen Lebenssituationen die Handlungsoptionen sehen.

Welche Fachpersonen braucht es?

Neben den Pflegefachpersonen braucht es etwa Fachpersonen Betreuung. Es gibt auch etliche Betriebe, die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen anstellen oder sogar Fachpersonen im Bereich Gemeindeanimation. Letztere ganz besonders, wenn es um die gesellschaftliche Teilhabe geht. Weiter gibt es Institutionen, die Personal aus dem Musik- oder Gestalttherapie-Setting haben. Generell wichtig ist, dass die Teamleitungen sensibilisiert sind und dass man auch im oberen Kader ein Betreuungsverständnis und entsprechende Kompetenzen hat.

Auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit gewinnt an Bedeutung.

Ja, natürlich. Bereits in den Ausbildungen zu den Pflegeberufen muss man vermehrt versuchen, eine Sensibilität für die Bedeutung von psychosozialer Betreuung zu fördern. Die Sensibilisierung muss dann innerhalb der Betriebe weitergehen. Matchentscheidend ist aus meiner Sicht, dass sich die beiden Berufsgruppen Gesundheit und Soziales als gegenseitige Ergänzung und nicht als Konkurrenz wahrnehmen. Hier gibt es noch einigen Verbesserungsbedarf, wobei es immer mehr Fachpersonen gibt, die es sehr schätzen, mit anderen Berufsgruppen zusammenzuarbeiten.

Der Leitfaden möchte die Heime konkret in der Umsetzung guter Betreuung unterstützen: Wie sind Sie vorgegangen, um dies zu ermöglichen?

Wir haben recherchiert, Gespräche mit vielen Betrieben geführt und dann Institutionsleitende und Mitarbeitenden von gut 20 Institutionen eingeladen, bei denen wir das Gefühl hatten, dass sie einen spannenden Ansatz haben, den wir verbreiten wollen. Mit diesen haben wir Workshops durchgeführt. In diesen Prozess waren auch Fachleute involviert, die die Ansätze validiert haben. Der Leitfaden ist damit keine theoretische Erörterung über gute Betreuung und er enthält auch keine unrealistische Vision. Der Leitfaden zeigt vielmehr explizit auf, was jetzt schon, unter den gegebenen Rahmenbedingungen, in der Praxis umgesetzt wird.

Welches sind die aus diesem Prozess resultierenden Inhalte des Leitfadens?

Der Leitfaden bietet zum einen Unterstützung dabei, welche Ebenen man genauer prüfen kann, um gute Betreuung umzusetzen. Es beginnt mit dem Leitbild der Institution, auch die Strategie und das Betriebskonzept gilt es näher anzuschauen. Das ist für mich ein sehr wertvoller Teil des Leitfadens. Zum anderen enthält der Leitfaden konkrete Ideen, wie man die Umsetzung gestalten kann. Die Bespiele zeigen dabei sehr konkret auf, was Betreuung im Verlauf eines ganzen Tages bedeuten kann. Es handelt sich hier aber wirklich nur um Ideen und Anregungen. Die Institutionen müssen selbst prüfen, was unter ihren Rahmenbedingungen möglich ist.

Erfordert es mehr personelle Ressourcen, wenn man den Leitfaden umsetzt?

Es kommt darauf an, welche und wie viele Leistungen man anbieten will. Sicher ist, dass man zum Teil andere Kompetenzen braucht, gerade in der Begleitung von Menschen in schwierigen Lebenssituationen und wenn es darum geht, die gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Wenn man viele individualisierte Leistungen anbieten und neue Kompetenzen aufbauen möchte, muss man sich überlegen, ob man in anderen Bereichen vielleicht etwas abbauen kann oder tatsächlich mehr Ressourcen benötigt.

Werden die Heime von den Bewohnenden eine höhere Betreuungstaxe erheben?

Mit der Umsetzung des Leitfadens bleiben die Kosten in etwa im aktuellen Rahmen. Wenn wir allerdings generell von den Kosten für Betreuung sprechen, ist es wichtig zu erwähnen, dass wir seit Jahren eine Finanzierungsbaustelle haben. Denn die heutige Finanzierung von Betreuungsleistungen ist fragmentiert und lückenhaft. Diese werden im Gesundheitssystem oft nur «am Rande» gedacht: Die Krankenversicherung übernimmt Pflegeleistungen, aber sozial-psychosoziale Betreuung wird meist nicht von der Krankenversicherung oder öffentlichen Stellen finanziert. Das führt dazu, dass Betreuungsleistungen oft privat bezahlt oder gar nicht beansprucht werden, obwohl sie für ein gutes Leben im Alter zentral wären.

Sprechen Sie hier auch darauf an, dass die Heime immer mehr Menschen mit Demenz begleiten, die neben Pflege auch viel Betreuung benötigen, was hohe Kosten verursacht?

Unsere Gesetze und die daraus resultierenden Finanzierungsmodalitäten unterscheiden zwischen Pflege und Betreuung. Während die Pflegekosten über die obligatorische Krankenpflegeversicherung OKP gedeckt sind, kommen für die Betreuungskosten grundsätzlich die Bewohnenden mittels der Betreuungstaxe auf. Demenzpatienten brauchen eine aufwendige, aus ihrer Krankheit resultierende Betreuung. Krankheitsbedingte Betreuung ist nur teilweise durch die OKP gedeckt, und es sollte besser geregelt werden, über welches Kässeli künftig alle Betreuungskosten gedeckt werden sollen: die OKP, die Betreuungstaxe oder eine andere Kasse. Wir haben in der Schweiz hier einen Flickenteppich. Ein erster Schritt wurde für EL-Beziehende in intermediären Angeboten erreicht: Da hat das Parlament einer bedarfsbasierten Pauschale für Betreuungsleistungen zugestimmt.

Welche weiteren Erwartungen haben Sie an Behörden und Politik?

Der Fokus der Politik ist bei Fragen der Qualität und der Finanzierung immer noch sehr stark auf die Pflege ausgerichtet. Das zeigt sich zum Beispiel in entsprechenden kantonalen Vorgaben betreffend Stellenetat. Wichtig ist, dass man sich auch auf Seiten der Behörden verstärkt bewusst wird, dass Betreuung eine wichtige Aufgabe von Heimen zugunsten der Lebensqualität darstellt. Man sollte deshalb die Anforderungen an die Anstellung von Personal etwas offener formulieren, sodass die Institutionen mehr Gestaltungsfreiraum haben.

Wo sehen Sie weitere Herausforderungen?

Um den Leitfaden umzusetzen, braucht es in den Institutionen genügend Fachpersonal, gerade auch Fachpersonen Betreuung. Namentlich in der Deutschschweiz stellen wir fest, dass diese Ausbildungsplätze rückläufig sind. Manche Institutionen gehen womöglich davon aus, dass Fachpersonen Gesundheit während der Ausbildung gewisse betreuerische Kompetenzen erlernen und deshalb entsprechende Aufgaben im Betrieb übernehmen können. Das reicht aber nicht. Entweder bildet man Fachpersonen Gesundheit innerhalb des Betriebs weiter, oder man bildet Fachpersonen Betreuung aus.

Hat die Umsetzung des Leitfadens für die Institutionen, die ja oft über knappe personelle Ressourcen verfügen, nicht eine (zu) grosse zeitliche Belastung zur Folge?

Entwicklungsprojekte erfordern immer Zeit und Ressourcen. Das trifft auf alle Branchen zu. Wenn man sowieso schon zu wenig Ressourcen hat, wird es noch schwieriger. Die Institutionen, die sich bereits auf den Weg gemacht haben, beobachten allerdings, dass die Mitarbeitenden trotz dem anfänglichen Mehraufwand zufrieden sind. Und längerfristig entstehen dadurch attraktive Arbeitsplätze.

Was erhoffen Sie sich für die nächsten Jahre?

Ich erhoffe mir einen zusätzlichen Schub und Impulse, um das Thema Betreuung weiterzuentwickeln, auch eine kritische Reflexion darüber, wie man als Betrieb selbst unterwegs ist; was man bereits abdeckt und wo man noch Potenzial hat. Von den Behörden erhoffe ich mir, dass sie das Thema Betreuung wieder entdecken und mit den Institutionen am gleichen Strick ziehen. Es wäre toll, wenn wir in fünf Jahren sagen können, dass die Mehrheit der Institutionen einen deutlichen Schritt weitergekommen ist.

Unsere Gesprächspartnerin

Monika Weder ist Leiterin Bildung von Artiset und hat den Prozess zur Erarbeitung des Leitfadens für eine gute Betreuung in Altersinstitutionen wesentlich angestossen.

Foto: Artiset

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Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 1-2/2026

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