KÜNSTLICHE INTELLIGENZ | Wie Tablets Selbstbestimmung und Teilhabe stärken
Digitale Teilhabe ist heute weit mehr als ein technischer Luxus – gerade auch für Menschen mit Beeinträchtigungen. Digitale Geräte bedeuten Selbstbestimmung, Orientierung und sozialen Anschluss. Die BSZ Stiftung mit Sitz im Kanton Schwyz hat diesen Wandel erkannt und setzt in Wohn- und Arbeitsbereichen systematisch digitale Hilfsmittel ein – vor allem Tablets, ergänzt durch die interne Kommunikationsplattform Beekeeper.
Die BSZ Stiftung gehört zu den Vorreitern, wenn es um Inklusion im Alltag von Klienten und Bewohnenden geht – insbesondere im Bereich der digitalen Kommunikation. Seit rund drei Jahren nutzt die Stiftung die Mitarbeiterplattform Beekeeper nicht nur für Mitarbeitende, sondern bewusst auch für Menschen mit kognitiven oder körperlichen Beeinträchtigungen.
«In sozialen Institutionen ist Kommunikation oft komplex», sagt Corina Hürlimann, verantwortlich für Kommunikation in der BSZ Stiftung. «Wir haben verschiedene Standorte, sehr unterschiedliche Ressourcen bezüglich der Sprachkompetenz, und wir hatten lange Zeit viele analoge Aushänge. Das führte dazu, dass Informationen nicht alle gleich gut erreicht haben.»
Die Digitalisierung verfolgt deshalb ein klares Ziel: Teilhabe für alle ermöglichen – auch für Menschen, die keinen PC nutzen können, nicht lesen können oder im Alltag Unterstützung benötigen. Digitale Kommunikation ist für die BSZ Stiftung kein Zusatz, sondern ein strategischer Baustein.
Digitale Kommunikation verstehen lernen
Caroline Müller von der internen Fachstelle Unterstützte Kommunikation erlebt im Alltag, wie entscheidend der richtige Einstieg ist. «Digitale Teilhabe hat verschiedene Ebenen», erklärt sie. «Zuerst muss ich wissen, dass es digitale Angebote gibt. Danach lerne ich, wie ich sie nutze – zum Beispiel ein SBB-Billett kaufen oder Informationen abrufen. Erst später geht es darum, selbst Inhalte zu gestalten.»
Die BSZ Stiftung bewegt sich bewusst auf diesen ersten beiden Ebenen. Tablets dienen als niedrigschwelliger Zugang zur digitalen Welt – nicht abstrakt, sondern konkret im Alltag. Wo Klientinnen und Klienten früher Betreuende fragen mussten, können sie sich heute direkt selbst informieren: etwa über den Menüplan, über aktuelle Projekte, über Anlässe. «Das verändert viel», sagt Müller. «Informationen sind jederzeit verfügbar. Das stärkt die Selbstbestimmung – und entlastet gleichzeitig die Betreuenden.»
Digitale Fenster zum Alltag
Heute steht pro Wohn- und Arbeitsgruppe je ein Gruppentablet zur Verfügung. Sie sind sichtbar platziert und bewusst Teil des Alltags. Über die Beekeeper-App haben Klientinnen und Klienten direkten Zugang zu Menüplänen, News der Geschäftsleitung in vereinfachter Sprache oder als Video (mindestens 30 Prozent der Klienten können nicht oder kaum lesen), Informationen zu Regeln, Abläufen und Sicherheit, Projekten aus den Arbeits- und Wohngruppen und Fotos und Videos aus anderen Standorten. Das Angebot stösst auf Resonanz und wird genutzt. Viele reagieren mit Likes, Emojis oder kurzen Kommentaren. Andere konsumieren vor allem – auch das ist Teil von Teilhabe.
«Beekeeper funktioniert für unsere Klientinnen und Klienten wie ein internes soziales Netzwerk», erklärt Hürlimann. «Sie sehen, was läuft, können reagieren oder selbst etwas beitragen. Die Plattform ist einfach, visuell und intuitiv – genau das braucht es.»
Heidi Ott: «Jetzt hole ich mir die Infos selbst»
Wie digitale Teilhabe konkret aussieht, zeigt Bewohnerin Heidi Ott aus der Aussenwohngruppe der BSZ Stiftung Brunnen. Sie arbeitet zehn Minuten von zu Hause entfernt in einem kreativen Arbeitsbereich: Sie näht, faltet Schachteln und gestaltet Produkte aus Recyclingmaterial.
Das Tablet begleitet ihren Alltag. «Ich mag die Spiele – Memory oder Jassen», erzählt sie. «Und ich informiere mich gerne. In den ‹Allerlei-Stream› auf Beekeeper stelle ich manchmal einen Witz. Dann reagieren die anderen, das macht Spass.» Kommentare schreibt sie seltener, aber Likes vergibt sie regelmässig.
Fotos und Videos posten ist in ihrer Gruppe bewusst geregelt. «Wir haben klare Regeln. Die besprechen wir gemeinsam», so Heidi Ott. Nicht alle können das Tablet nutzen – und jeder darf es in seinem Tempo.
Dank Beekeeper hat Heidi heute deutlich mehr Überblick über das Geschehen in der BSZ Stiftung. «Früher musste ich immer fragen, was läuft. Jetzt hole ich mir die Infos selbst. Und wenn ich etwas schreiben möchte, werde ich unterstützt.» Am Tag nutzt sie das Tablet rund fünf bis zehn Minuten – kurz, aber wirkungsvoll.
Lernen, vereinfachen, Verantwortung tragen
Auch im Arbeitsbereich zeigt sich der Mehrwert der Plattform. Eine Arbeitsgruppe nutzt Beekeeper als festes Traktandum in der Gruppensitzung gezielt, um Neuigkeiten aus der Stiftung in leicht verständlicher Sprache zu übermitteln.
Dabei lernen die Klienten, Informationen auszuwählen, Inhalte zu vereinfachen oder Verantwortung für Kommunikation zu übernehmen. «Das ist ein wichtiger Schritt Richtung Selbstständigkeit und Empowerment», sagt Müller. «Digitale Kommunikation wird hier zur Lernplattform.»
Digitale Projekte, die Gemeinschaft schaffen
Im Laufe der Zeit sind zahlreiche standortübergreifende Projekte entstanden:
- «Gebärde des Monats»: Gruppen produzieren kurze Rap-Videos, um Gebärden zu lernen.
- Wissensvermittlung: Anleitungsvideos werden verwendet, um die Arbeit selbständiger zu gestalten.
- Kreative Beiträge: Saisonale Streams wie den Adventskalender animieren zum Mitmachen.
- Standortübergreifender Austausch: Klient:innen sehen, was anderswo passiert – und fühlen sich als Teil eines Ganzen.
Besonders emotional wirken selber erstellte Videos oder Fotos aus dem Alltag. «Diese Beiträge stärken das Wir-Gefühl enorm», sagt Hürlimann. «Man sieht sich gegenseitig.»
Medienkompetenz und Datenschutz
Digitalisierung bedeutet auch Verantwortung. «Betreuende sehen sich plötzlich damit konfrontiert, Medienkompetenz zu vermitteln – das ist eine neue Herausforderung, die wir als Stiftung annehmen müssen», sagt Müller. Deshalb entwickelt die BSZ Stiftung Schulungsangebote für Klienten und Teams.
Beim Einsatz der Gruppentablets sind bestimmte Seiten gesperrt. «Was die Klientinnen und Klienten privat mit ihren eigenen Geräten machen, ist ihre Sache», erklärt Müller. In der BSZ Stiftung ist man in Bezug auf die Nutzung digitaler Medien in engem Austausch mit Angehörigen und gesetzlichen Vertretungen. «Wir sind hier im Spannungsfeld zwischen dem Schutz unserer Klient:innen und der Anerkennung, dass diese eben auch erwachsene Menschen sind.»
Ein weiteres Thema ist das Entwicklungstempo. «Die Digitalisierung ist schnell, man hinkt ständig hinterher», sagt Hürlimann. Daraus ergeben sich zentrale Fragen in Bezug auf den Datenschutz: ein bewusster Umgang mit Daten, klare Leitplanken und die kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld zwischen Schutz, rechtlichen Vorgaben und dem Anspruch auf Selbstbestimmung der Klient:innen. Für die BSZ Stiftung ist dies kein Widerspruch, sondern Teil des Wegs. Denn: «Digitalisierung ist fest in unserer Strategie verankert. Sie soll Teil unserer Kultur werden.»
Digitale Kommunikation als verbindendes Element
Beekeeper ist vor rund zehn Jahren als ETH-Spin-off entstanden. Ziel war es, Menschen ohne festen PC-Arbeitsplatz digital einzubinden – etwa in Pflege, Werkstätten oder Servicebereichen. «Gerade im Gesundheits- und Sozialwesen gibt es viele Berufsgruppen, die digital kaum erreicht werden», sagt Benjamin Kuster. Die Erfahrung zeige jedoch, dass auch wenig technikaffine Nutzern rasch Zugang finden, wenn Anwendungen einfach aufgebaut sind.
Heute zählt Beekeeper weltweit rund 1500 Kundinnen und Kunden – von kleinen Spitex-Organisationen bis zu grossen Unternehmen. Zunehmend wird die Plattform auch in sozialen Institutionen eingesetzt; derzeit arbeiten rund zehn Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen damit. Funktionen wie visuelle Inhalte oder automatische Übersetzungen in über 160 Sprachen erleichtern den Zugang zusätzlich.
Der Markt für Kommunikationsplattformen sei breit, erklärt Kuster. Viele Lösungen seien entweder sehr komplex und überfordernd, oder der Funktionsumfang sei zu reduziert. «Beekeeper positioniert sich dazwischen.» Der Funktionsumfang lässt sich anpassen; die Kosten sind in einem Lizenzmodell und werden oft durch effizientere Prozesse refinanziert.
Unabhängig vom gewählten Tool zeige sich ein zentraler Effekt: Digitalisierung könne vernetzen. «Bei der BSZ Stiftung sehen wir, dass Bewohnende plötzlich wissen, was an anderen Standorten läuft, und sich einbringen können – auch mit einfachen Mitteln wie Emojis oder Piktogrammen.» Das Design orientiere sich bewusst an bekannten Apps, um vorhandene Erfahrungen der Benutzenden aufzugreifen.
Das Einsatzfeld ist weit. Spitäler und Alterszentren hätten spätestens seit der Covid-Pandemie digitale Plattformen eingeführt; heute zeige sich dieses Bedürfnis vermehrt auch bei Stiftungen für Beeinträchtigte sowie im Kinder- und Jugendbereich. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Kommunikation. Plattformen wie Beekeeper ermöglichen auch die Digitalisierung einfacher Prozesse. So lassen sich administrative Aufwände reduzieren, Abläufe vereinfachen und Mitarbeitende spürbar entlasten.
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Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 1-2/2026