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Magazin ARTISET

SOZIALE TEILHABE | Zusammen wohnen, zusammen leben

Tanja Aebli (im Auftrag von Artiset)

Der Holliger in Bern ist mit seinen fünf Häusern ein Zuhause von fast 400 Erwachsenen und rund 180 Kindern. Ob Single, Familie oder Gross-WG: Im Berner Wohnquartier sorgen zig Begegnungszonen im Innen und Aussen dafür, dass hier nicht nur nebeneinander gewohnt, sondern auch gemeinsam geplant, diskutiert und angepackt wird. Wie gelingt dieses Miteinander, wo lauern Herausforderungen? Ein Augenschein vor Ort.

Mehrere Kinder und zwei Erwachsene pflanzen gemeinsam einen Baum vor einem Wohngebäude; sie halten den Stamm und setzen den Wurzelballen in eine Grube.
Gemeinsam bei der Gartenarbeit: Das Miteinander hat in der Siedlung Holliger einen hohen Stellenwert. Fhoto: Daniel Kaufmann

Wenn Nicole Wehinger durch den Holliger läuft, dauert es keine zehn Sekunden, bis die erste Person stehenbleibt und einen kurzen Schwatz hält. Die soziokulturelle Koordinatorin, die seit drei Jahren in diesem pulsierenden Quartier vor den Toren Berns arbeitet, ist privat wie auch beruflich mit genossenschaftlichem Wohnen bestens vertraut. Hier im Holliger – einer riesigen Überbauung auf dem Areal einer ehemaligen Kehrichtverbrennungsanlage – treffen derzeit fünf und bis 2029 sechs Genossenschaften architektonisch aufeinander. «Jede dieser Einheiten hat ihre ganz eigene DNA», so Wehinger. In diesem komplexen Mit- und Nebeneinander sieht sich die 39-Jährige als eine Art Ermöglicherin. «Es geht um Partizipation und Kohäsion, um das Vermitteln zwischen den verschiedenen Interessengruppen, um Anliegen und Ideen der Bewohnenden, aber auch um Konflikte», sagt sie und winkt nun dem Siedlungswart zu, der mit seinem kleinen Sohn durchs Quartier schlendert. «Und es geht darum, immer wieder Lösungen zu finden.»

Ein partizipativ gestalteter Spielplatz

Jetzt stoppt Nicole Wehinger vor dem weitläufigen Spielplatz, der zwischen den hohen Blöcken zur Linken und Rechten für farbige und topografische Akzente sorgt. Holzpfähle, Seile, Rutschen, Wippen, Steine, Hügel: Hier darf geklettert, balanciert und geschaukelt werden, was das Zeug hält. «Diesen Ort haben wir partizipativ gestaltet», erzählt die soziokulturelle Koordinatorin weiter. Bewohnerinnen und Bewohner, Planende, Gartenbauerinnen und Landschaftsarchitekten setzten hier innert weniger Monate zusammen ihre Ideen um. Heute steht der Herbst 2024 eröffnete Spielplatz exemplarisch dafür, wie sich mit vereinten Kräften und dank einem starken Netzwerk etwas Konstruktives in diesem noch jungen Quartier realisieren lässt. «Ein Spielplatz ist ein sehr emotionales Thema», hält Wehinger fest. Um die vielen unterschiedlichen Vorstellungen der Beteiligten mit dem Erlaubten und Machbaren abzugleichen, habe es viel Fingerspitzengefühl gebraucht. Eine Fähigkeit, die für die soziokulturelle Animatorin in ihrem Alltag unverzichtbar ist: etwa dann, wenn es darum geht, den Bewohnenden zuzuhören, ihre Anliegen zu erfassen, zu vermitteln, zu schlichten und zu diskutieren.

Doch nicht immer sind Worte zielführend: «Manchmal lohnt es sich, einen Vorschlag einfach einmal auszuprobieren, statt allzu lange zu diskutieren», so ihre Erfahrung in diesem anspruchsvollen Miteinander. Und experimentiert wird im Quartier eine ganze Menge, wie der Rundgang durch die Siedlung zeigt. Zum Beispiel bei der «AG KinderHühner»: Sie hat sich aus Menschen im Quartier formiert, die das Gehege mit acht Hennen täglich in Schwung halten und sich über die Eier dieser gackernden Truppe freuen. Wenige Schritte weiter weg thront ein grosser Holzofen – das Herzstück der «AG Brachenbäckerei». Und da wäre noch der «Husiträff» für Schülerinnen und Schüler aus der Umgebung oder die «AG Werkraum», die eine gut bestückte Werkstatt im Sous-Sol eines Gebäudes betreibt. Gleich daneben der Bewegungsraum, in dem sich allein oder in grösseren Formationen bouldern, turnen oder tanzen lässt. Auch die «AG Wohnen im Alter» und jene für die Aussenraumgestaltung kümmern sich sowohl um alltagsrelevante als auch strategische Fragen. Die «AG Tavolata» wiederum sorgt im Quartier für kulinarische Höhenflüge, zu denen sich jeweils bis zu 70 Personen zum gemeinsamen Essen einfinden.

Und dann sind da noch die vielen gemeinsamen Aktivitäten, die Nicole Wehinger das ganze Jahr hindurch in ihrer Doppelrolle als Koordinatorin Soziokultur des DOCK8 im Quartier zusammen mit den Bewohnenden organisiert. Ob Feste, Konzerte, Ausstellungen oder Workshops: Im Siedlungshof, auf dem Quartierplatz oder in den grosszügigen Gemeinschaftsräumen ist rund um das Jahr etwas los. «Partizipation im Holliger ist für die hier Wohnenden lediglich eine ­Option und sicherlich kein Muss», stellt Wehinger klar. Jede Person entscheide selbst, wo und wie stark sie sich bei einem Thema oder in einer Arbeitsgruppe einbringe. Während die meisten Ideen offene Türen einrennen, versickern andere im Laufe der Zeit wieder.

Inklusion im Alltäglichen

Damit die unterschiedlichen Bedürfnisse beim Zusammenleben auf der Siedlungsfläche von rund 2,2 Hektar Land in Einklang gebracht werden, dafür sorgt auch ein Siedlungsverein. Er besteht aus fast 300 Siedlungsmitgliedern und einem Vorstand von sechs Leuten, die sich regelmässig treffen. Seine Mission: Das Zusammenleben in der Siedlung fördern, den Aussenraum mitgestalten, die Nutzung der Gemeinschaftsräume definieren und den Überblick über das Wirken der einzelnen Arbeitsgruppen wahren. Die mittlerweile über 17 Arbeitsgruppen im Holliger wiederum treffen sich mindestens halbjährlich im erweiterten Siedlungsvorstand – viele regeln Dringliches oder Terminliches mittels Siedlungschats oder auf anderen digitalen Kanälen.

So auch Brigitte Hunziker. Sie trifft sich jeweils am Freitagmorgen in der «AG ü50» im Restaurant DOCK8 mit anderen älteren Bewohnerinnen aus der Siedlung. «Männer sind eigentlich auch willkommen», sagt die 68-Jährige lachend und schaut sich vergeblich nach welchen am langen Holztisch um, wo rund ein Dutzend Frauen angeregt diskutieren. «Manchmal plaudern wir einfach ein bisschen, manchmal besprechen wir aber auch ernstere Themen wie Vorsorgeauftrag oder Patientenverfügung», sagt die pensionierte Sozialarbeiterin und Supervisorin. Die ü50-Gruppe unternimmt sporadisch auch Ausflüge, besucht Ausstellungen, macht zusammen Yoga oder trifft sich im Winter zu Heimkino-Abenden. «Ich habe hier zahlreiche neue Kontakte geknüpft und schätze die vielen Möglichkeiten, mit anderen zusammen etwas zu unternehmen», freut sich Brigitte Hunziker. Neben Spontanem brauche es aber auch tragfähige Strukturen: «Damit Projekte und Initiativen nach der Anfangseuphorie weiterbestehen, sind Organe wie der Siedlungsverein und eine Siedlungskoordination wichtig», betont sie.

Auf Begegnung ausgerichtet ist auch das DOCK8 – das inklusive Restaurant mit Kultur- und Beratungszentrum im Holligerhof, das der Verein Wohnenbern, die katholische Kirche Region Bern und die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Frieden gemeinsam betreiben. Es kredenzt nicht nur täglich frische, preiswerte Menüs, sondern ist auch ein beliebter Treffpunkt zum Zusammensein, Lesen, Spielen, Arbeiten oder Diskutieren. «Den Zugang zu diesem Ort haben die Trägerorganisationen bewusst niederschwellig gestaltet», sagt Nicole Wehinger. Besuchende mit schmalem Budget erhalten dank Spenden und Zuwendungen anderer Gäste für fünf Franken ein «Solimenü». Konsumiert werden muss hier nichts. Ob beim Essen, Spielen, bei Konzerten, Lesungen oder Ausstellungen: In diesem Restaurant trifft Kultur auf Kulinarik und Mensch auf Mensch. Weder Alter, Herkunft noch Geldbeutel spielen dabei eine Rolle.

Anders denken, anders planen

«Der Holliger ist ein Projekt mit Vorbildcharakter. Einerseits wegen der Kooperation der sechs gemeinnützigen Bauträger, andererseits aber auch wegen der baulichen Struktur und der sozialen Architektur der Siedlung», sagt Sanna Frischknecht, die sich beruflich wie auch privat für genossenschaftliches Bauen und Wohnen engagiert. «Die Lebensqualität im Holliger ist hoch: Die Möglichkeiten zur Mitgestaltung des direkten Wohnumfeldes und der Nachbarschaft sind ebenso vielfältig wie das Wohnangebot in den verschiedenen Häusern.» Dabei finde das Zusammenleben nicht immer in den Bahnen, dem Tempo und den Formaten statt, wie das während der Planung angedacht war. «Und das ist gut so!», resümiert sie.

­­Soziale Teilhabe für alle. Das Zusammenleben gestalten

Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 3/2026

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Titelbild des Magazins: Soziale Teilhabe für alle. Das Zusammenleben gestalten