Neue Obsan-Prognosen: Fachkräftemangel erfordert jetzt koordiniertes Handeln
Der neue Obsan-Bericht zum Nachwuchsbedarf und -angebot an Pflege- und Betreuungspersonal bestätigt den dringenden Handlungsbedarf: Bis 2034 steigt der Personalbedarf deutlich, gleichzeitig reicht der erwartete inländische Nachwuchs insbesondere bei den Pflegefachpersonen bei Weitem nicht aus, um diesen Bedarf zu decken. ARTISET fordert deshalb einen nationalen Masterplan, um Ausbildung, Personalerhalt und neue Formen der Leistungserbringung koordiniert anzugehen und rasch wirksame Massnahmen umzusetzen.
Die Zahlen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) sind deutlich: Je nach Szenario steigt der zusätzliche Bedarf an Pflege- und Betreuungspersonal zwischen 2024 und 2034 um 11 bis 33 Prozent, im mittleren Szenario um 22 Prozent. Gleichzeitig werden bis 2034 rund 32 Prozent des heutigen Personalbestandes ihre Tätigkeit in einer Gesundheitsinstitution aufgeben.
Besonders angespannt bleibt die Situation bei den Pflegefachpersonen auf Tertiärstufe. Der in der Schweiz ausgebildete und für Gesundheitsinstitutionen verfügbare Nachwuchs deckt je nach Szenario lediglich 40 bis 55 Prozent des Bedarfs. Auch bei den Assistent:innen Gesundheit und Soziales mit eidgenössischem Berufsattest können je nach Prognose nur 31 bis 46 Prozent der benötigten Stellen besetzt werden.
Entscheidend ist jedoch nicht allein, wie viele tertiär ausgebildete Pflegefachpersonen auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sondern auch, wie die vorhandenen personellen Ressourcen eingesetzt werden. Das Obsan-Bulletin vom August 2026 zu den Pflegeheimen zeigt, dass die Personalausstattung, die Qualifikationen und Kompetenzen der Mitarbeitenden (Grade- und Skill-Mix) sowie die Aufgabenteilung zwischen den Berufsgruppen zusammenspielen und deshalb gemeinsam betrachtet werden müssen.
Zudem prognostiziert das Obsan, dass bis 2034 ohne zusätzliche Massnahmen jährlich zwischen 4400 und 6000 diplomierte Pflegefachpersonen sowie zwischen 1800 und 2900 Fachfrauen und Fachmänner Gesundheit EFZ (FaGe) und Fachfrauen und Fachmänner Betreuung EFZ (FaBe) in den Gesundheitsinstitutionen fehlen werden. In den Pflegeheimen sind die Möglichkeiten weitgehend ausgeschöpft, Personalengpässe durch eine Verschiebung von Aufgaben zwischen den verschiedenen Berufsgruppen aufzufangen. Die prognostizierten Engpässe werden die Betreuung der Bewohnenden deshalb unmittelbar gefährden.
Ausbildung stärken – Mitarbeitende im Beruf halten
Für ARTISET zeigt der Bericht, dass die Ausbildungsoffensive von Bund und Kantonen weiterhin notwendig, für sich allein aber nicht ausreichend ist. Ebenso wichtig sind die im Rahmen der zweiten Etappe der Pflegeinitiative vorgesehenen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Auch diese können jedoch nur zum Teil zur Lösung des Fachkräftemangels beitragen. Der Bericht des Obsan weist darauf hin, dass insbesondere die ersten Berufsjahre eine kritische Phase für Berufs- und Branchenwechsel sind. Berufsaustritte gehören damit zu den Faktoren, auf die gezielt Einfluss genommen werden sollte.
ARTISET fordert nationalen Masterplan
«Wir können den wachsenden Personalbedarf nicht allein dadurch lösen, dass wir immer mehr Menschen ausbilden. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass Fachkräfte langfristig in ihrem Beruf bleiben wollen und ihre Kompetenzen in der Praxis voll zur Geltung bringen können», sagt Daniel Höchli, Geschäftsführer von ARTISET.
Vor diesem Hintergrund hat ARTISET bereits 2025 gemeinsam mit den Branchenverbänden CURAVIVA, INSOS und YOUVITA eine Resolution zur Eindämmung des Fachkräftemangels verabschiedet. Sie fordert einen nationalen Masterplan mit verbindlichen Zielen insbesondere von Bund und Kantonen, welche die Verantwortung für die Gesundheitsversorgung tragen. Dazu gehören eine ausreichende Finanzierung der Leistungen, wettbewerbsfähige Arbeitsbedingungen, die Stärkung der betrieblichen Ausbildung, innovative Personallösungen und Interprofessionalität sowie Rahmenbedingungen, die neue Arbeits- und Versorgungsmodelle ermöglichen.
Der vorliegende Obsan-Bericht unterstreicht die Dringlichkeit dieser Forderungen. Die Versorgung von Menschen mit Unterstützungsbedarf kann langfristig nur gesichert werden, wenn mehr Personal gewonnen, vorhandene Fachpersonen in der Branche gehalten und die verfügbaren personellen Ressourcen gezielter eingesetzt werden. Auch das Obsan nennt die Rekrutierung für die Ausbildung, die praktische Ausbildung, den Verbleib im Beruf und die optimale Nutzung der Kompetenzen als zentrale Handlungsfelder.