Medikation | Wie man beim Socialstore Award gewinnt
Einmal im Jahr treffen sich zwölf Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen, um Produkte aus Integrationsbetrieben hinter geschlossenen Türen zu begutachten, zu bewerten, zu küren. Es sind die Juroren des Socialstore Award. Dieses Jahr schauen wir hinter die Türen und erfahren, was ein Produkt zum Gewinner macht.
Es ist immer ein Dienstag im frühen Herbst, an dem sich die Jury des Socialstore Award trifft, und seit ein paar Jahren stets in der Welle 7 in Bern. Man kommt am Morgen zu Kaffee und Gipfeli zusammen, lernt sich kennen, trifft alte Bekannte, tauscht sich aus. Dann geht es an die Arbeit. Pro Kategorie ein Expertenteam und ein Raum. Ihre Aufgabe besteht darin, drei Siegerprojekte in jeder Kategorie auszuwählen. Bis 1. September konnten soziale Institutionen Dienstleistungen oder Eigenprodukte in insgesamt vier Kategorien einreichen. Die Preisverleihung erfolgt Anfang November. Kategorien gab es in den sieben Jahren des Socialstore Award viele: Küche, Deko, Spiele, Mode, Firmengeschenke, Mitwirkung, Kooperationen … Manche waren so vielversprechend, dass sie mehrfach ein Revival erlebten, wie die Kategorien «Food, Genuss & Spezialitäten» und «Dienstleistungen» – so auch dieses Jahr. Frisch dazu gekommen sind «Neuheiten» und «Kunst». Bestimmt wissen Sie das als treuer Beobachter oder Teilnehmerin des Socialstore Award bereits. Aber was Sie vielleicht noch nicht wissen, aber gerne wissen möchten, ist: Wie überzeugen Sie die Juroren? Und wie gewinnen Sie einen Socialstore Award? Finden wir es heraus und spazieren von Raum zu Raum, von Jury zu Jury.
Raum 1: Der Genuss
Wir beginnen unseren Rundgang in der Selbstvergessenheit. Denn das sei es, was Genuss ausmacht, findet Stephan Bolliger, Lebensmittelingenieur, Gründer von Cuckoo ice cream und einer der Juroren in der Kategorie «Food, Genuss & Spezialitäten». «Wenn ein Produkt über die Gesamtheit des Genusses Freude bereitet und kaum schlechte Erinnerungen hinterlässt, dann ist es schmackhaft.» Wenn Form, Farbe, Textur und Abwechslung stimmen, wenn auch die Verpackung ansprechend ist, dann ist der Genuss perfekt. Allerdings ist Genuss auch eine sehr individuelle Sache. Deswegen dürfen sich die Juroren bei der Degustation der eingereichten Produkte nicht nur von ihrem Geschmack leiten lassen, sie müssen umfassender denken und bewerten. Doch zuerst wird sich durchgekostet: Sirup, Gebäck, Dressing, Honig, Suppe und Pasta. Für die Degustation nehmen sich die beiden Juroren Zeit, tauchen ein, lassen sich treiben, erleben mit allen Sinnen. «Für uns ist wichtig, welches Produkt in Erinnerung bleibt, ob besonders gut oder nicht», erklärt Reto Frei, Gründer der Restaurantkette tibits. Und noch etwas ist für ihn beim Degustieren wichtig: die Qualität der Zutaten. «Bei allen eingereichten Produkten wurde sehr auf die Qualität der Zutaten geachtet», lobt er. «Das ist viel wert. Genussvolle Produkte sind nicht nur gut im Geschmack, sondern mit echten und ehrlichen Rohstoffen hergestellt.» Dabei gilt: Weniger ist mehr. Zu viele Zutaten können ein Produkt schwächen. Aber mit nur wenigen Zutaten ein hervorragendes Produkt zu kreieren, ist eine Herausforderung. Noch etwas ist herausfordernd: Die Balance zwischen dem Besonderen und dem Bekannten zu finden. «Ein Produkt soll speziell sein, aber gleichzeitig soll es auch der Mehrheit schmecken», erklärt Reto Frei. «Je spezieller ein Produkt, desto höher ist der Erklärungsbedarf bei den Kunden; je einfacher ein Produkt, desto austauschbarer ist es mit anderen Produkten.» Aber wer auf Qualität, ausgewählte Zutaten, gute Verarbeitung, einen fairen Preis und eine Portion Neuheit setzt, kann die Gaumen der Kunden überzeugen.
Raum 2: Alles, was neu ist
Im Raum der Neuheiten gibt es viel zu entdecken: Keramikgeschirr, bunte Stofftaschen, Glasbehälter, eine Take-away-Partybox, Lampen, Spiele … alles sorgsam auf den langen Tischen ausgestellt. Davor die drei Herren der Jury: grübelnd, diskutierend, ausprobierend. Bei so einer Vielzahl an Neuheiten muss man systematisch vorgehen – heisst: Der erste Eindruck zählt. Zuerst verteilt jeder Farbkarten: grün top, rot flopp. Aus den Grünen werden die Favoriten gewählt und detailliert besprochen. Was macht das Produkt besonders? Überzeugen Design, Gebrauch und Qualität? Und vor allem: Was ist neu an der Neuheit? Für Produktdesigner Georg Fontana muss ein Produkt nicht vollständig neu sein, damit es überzeugt. «Überzeugend kann auch eine eigenständige Weiterentwicklung sein, wenn Preis, Qualität und Gestaltung stimmen.» Das Produkt muss einen Mehrwert und Nutzen für den Kunden haben oder es muss gefallen. Für die Vermarktung von Produkten aus Integrationsbetrieben gelten dieselben Mechanismen wie für alle anderen Produkte. Und auch das Risiko ist dasselbe. «Ehrlich gesagt: Niemand kann mit Sicherheit sagen, welches Produkt am Markt funktionieren wird», erklärt Stefan Egli, Gründer des Swiss Design Markets. Selbstverständlich konzipiert man sein Produkt anhand einer Marktanalyse. «Aber ob der Markt das Produkt letztlich annimmt, bleibt ungewiss.» Aber einen Tipp hat Stefan Egli doch noch: «Ich würde Integrationsbetrieben empfehlen, mehr mit Produktdesignern zusammenzuarbeiten. Viele der eingereichten Produkte waren gut, aber es fehlte der Blick des Designers. Dann könnten sie es vielleicht schaffen, sich besser auf dem Markt zu behaupten.»
Raum 3: Im Dienst der Kunden
Nach hübsch verpackten Köstlichkeiten und farb- und formprächtigen Neuheiten sieht es bei den Dienstleistungen sehr übersichtlich aus. Eine Dienstleistung kann man eben nicht in Hand oder Mund nehmen. Man muss sie anhand ihres Beschriebs beurteilen. Also beugen sich die drei Juroren über Dienstleistungstexte und schauen Werbevideos von Handwerksbetrieben, Beratungen, Wäschereien, Designbüros. Dabei ist ein Bewertungskriterium besonders wichtig: die Sichtbarkeit der Inklusion. «Die Wertschöpfung soll durch Menschen mit Beeinträchtigungen erbracht werden und nicht für sie», erklärt Simon Steiger, Marktleiter bei Funk. Und wenn die Mitarbeitenden dann noch sichtbar in der Wertschöpfungskette stehen, ist für ihn eine Dienstleistung auch innovativ. Innovativ bedeutet aber auch, dass eine Dienstleistung ein reales Kundenbedürfnis aufgreift, auf gesellschaftliche Herausforderungen reagiert oder eine Lücke im Markt füllt. Dabei kommt es gar nicht auf technologische Neuheiten an, sondern auf einen zeitgemässen und funktionierenden Ansatz, findet Betriebsökonom Thomas Perren. Und auch der Preis muss stimmen. «Wer sich unter Wert verkauft, schadet sich selbst und dem lokalen Gewerbe», betont Simon Steiger. Die Formel lautet also: Mehrwert mit innovativem Ansatz, Qualität, guter Positionierung und gerechtem Preis macht eine Dienstleistung marktfähig. Plus Sichtbarkeit! «Sehr viele eingereichte Angebote sind fachlich exzellent, kommunizieren aber kaum nach aussen. Onlinepräsenz, speziell beschriftete Fahrzeuge oder ein eigenes Label: Das bringt sowohl Aufträge als auch genau jene gesellschaftliche Sichtbarkeit, um die es beim Award letztlich geht», empfiehlt Simon Steiger.
Raum 4: KUNST!
Die wichtigste Frage zuerst: Was ist Kunst? Dazu Katja Lang: «Kunst ist eine bewusste Schöpfung, die die Welt deutet, statt sie nur abzubilden.» Eva Rekade: «Ein Kunstwerk entsteht nicht allein durch seine äussere Form. Entscheidend sind die Idee, die bewusste Gestaltung und die Wirkung auf den Betrachter, die Betrachterin.» Matthias Winkler: «Kunst ist eine eigenständige Aussage. Sie kann auch abstossend sein oder ratlos machen.» Und alle drei: «Kunst will Gefühle auslösen und zum Nachdenken anregen.» Kunst zu bewerten ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit und trotzdem eine wahnsinnig spannende Aufgabe, zu der sich die drei Kunstschaffenden am Jurytag eingefunden haben. Vor ihnen liegen dreissig Werke: Zeichnungen, Collagen, Drucke. Zuerst lassen sie diese auf sich wirken, markieren ihre Favoriten, besprechen die Werke dann gemeinsam. «Wir bewerten Kunst nicht nach reinem Gefallen, sondern nach festgelegten Kriterien», erklärt Katja Lang, Co-Leiterin des Creaviva im Zentrum Paul Klee. «Trotzdem bleibt eine solche Einschätzung immer persönlich und kann nie ganz objektiv sein», ergänzt Eva Rekade, Leiterin der Akademie Rohling.
Bei der Bewertung geht es um Technik und Ästhetik, um Irritationen und Überraschung, um kreative Kompetenzen und den Prozess der Entstehung. Letzteres bedeutet: Eigenständigkeit. Ein Werk muss aus sich selbst heraus entstanden sein. Das schliesst nicht aus, dass der oder die Kunstschaffende durch Assistenten angeleitet wurde oder ein bereits existierendes Werk neu interpretiert hat, solange die Idee zum Werk vom ihm oder ihr selbst stammt. Die drei Juroren waren von der Ausdruckskraft und Eigenständigkeit vieler eingereichter Werke beeindruckt. Und so beschlossen sie einfach etwas nicht zu tun, was sie als Jury hätten tun müssen. Was, das wird die Preisverleihung zeigen. Eines sei von Illustrator und Künstler Matthias Winkler noch gesagt: «Jeder Mensch, der etwas zeigt, ist ein mutiger Mensch. Und wir sollten diesem Menschen sagen: ‹Mach weiter, es ist perfekt.›» Das war der letzte Raum, die letzte Jury. Der Rundgang ist beendet. Nun wissen Sie, wie Sie Ihr Produkt oder Ihre Dienstleistung konzipieren müssen, um einen Socialstore Award zu gewinnen. Indem Sie einen echten Kundennutzen identifizieren, eine innovative Lösung finden, Ihre Mitarbeiter mit Beeinträchtigungen in den Mittelpunkt rücken, Qualität zur obersten Doktrin ernennen, einen fairen Preis definieren, sich sichtbar machen und das Design nicht vernachlässigen. Sie haben ein Jahr Zeit. Legen Sie los!
Die Preisvergabe findet unter dem Patronat von Insos am 3. November im Theatersaal des «National» in Bern statt. Die Preisverleihung erfolgt diesmal im Rahmen der Jubiläumsfeier zum zehnjährigen Bestehen des Online-Shops Socialstore (in Kooperation mit Insos). In jeder Kategorie des Socialstore Award werden je ein Gold-, ein Silber- und ein Bronze-Award verliehen. Für weitere Infos siehe die Website socialstore.ch