Medikation | Digitaler Lerncoach unterstützt im Betreuungsalltag

Kim Böhlen

Wie fördern Organisationen gute Betreuung, wenn ihre Mitarbeitenden unterschiedliche Erfahrungen und Lernvoraussetzungen mitbringen? Der digitale Lerncoach Vireo verbindet eine individuelle Kompetenzeinschätzung mit persönlichen Lernpfaden und Reflexion. Entwickelt wurde er vom Entlastungsdienst Schweiz gemeinsam mit dem ETH-Start-up LLMify. Die fachliche Zusammenarbeit mit ARTISET stärkt den Bezug zu den Anliegen der Branche.

Maria wohnt auf dem Land, arbeitet Teilzeit und hat zwei Kinder. Seit einigen Monaten ist sie zusätzlich als Betreuungsperson tätig. Sie bringt Lebenserfahrung mit, hat aber keine formale Ausbildung im Sozialbereich. Feste Kurszeiten lassen sich schwer mit ihrem Alltag vereinbaren. Mit «Vireo», einem digitalen Lerncoach, kann sie kurze Lerneinheiten dann bearbeiten, wenn es für sie passt.

Unterschiedliche Wege in die Betreuung

Maria ist fiktiv. Viele Betreuungspersonen bringen ähnliche Voraussetzungen mit. Ihre Fähigkeiten lassen sich nicht immer mit einem Diplom abbilden. Lebenserfahrung, Einfühlungsvermögen und Erfahrung in der Sorgearbeit können wesentlich zu guter Betreuung beitragen. Organisationen stehen vor der Aufgabe, solche Fähigkeiten anzuerkennen und gezielt weiterzuentwickeln. «Entscheidend ist, dass wir zuerst hinschauen: Was kann eine Person bereits, und wo kann sie sich noch weiterentwickeln?», sagt Silvia Kreutz, Projektleiterin Vireo beim Entlastungsdienst Kanton Bern. Berufliche und familiäre Verpflichtungen, Sprache oder unterschiedliche Lernerfahrungen können den Zugang zu Weiterbildung erschweren. Vireo ermöglicht zeit- und ortsunabhängiges Lernen in unterschiedlichen Sprachen. Als niederschwelliges, non-formales Lernangebot ergänzt es bestehende Aus- und Weiterbildungen. Am Anfang der Entwicklung stand die Frage: Welche Kompetenzen braucht eine Betreuungsperson? Betreuung bedeutet mehr als Anwesenheit oder das Erledigen von Aufgaben. Entscheidend ist, wie Menschen begleitet werden.Gute Betreuung orientiert sich an der begleiteten Person, ihren Bedürfnissen und Ressourcen. Sie stärkt Schutzfaktoren und hilft Menschen, mit Belastungen besser umzugehen. Damit fördert sie soziale Einbettung und psychisches Wohlbefinden. Diese Grundhaltung gilt für ältere Menschen ebenso wie für Kinder und Menschen mit Behinderungen.Fachlich stützt sich Vireo auf die Impulspapiere der Paul Schiller Stiftung sowie auf das Kompetenzraster aus dem Projekt EmpowerAssist von ARTISET/ Insos. Der Entlastungsdienst bringt seine Betreuungserfahrung ein und verantwortet das Kompetenzmodell, die Praxissituationen und die Lerninhalte. Dazu gehören etwa eine professionelle Haltung und Beziehungsgestaltung, Kommunikation, Selbstreflexion und Selbstregulation sowie die Fähigkeit, ressourcen- und sozialraumorientiert zu handeln. Der Entlastungsdienst und ARTISET haben im Juli 2026 eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen. ARTISET begleitet die Weiterentwicklung fachlich und ideell und bringt insbesondere die Perspektive Behinderung sowie die Anliegen ihrer Mitgliedsorganisationen ein. Gemeinsam wollen die Partner den Zugang zu Lernen erleichtern und die Verbindung zu bestehenden Bildungsangeboten stärken. Betrieb, Weiterentwicklung und Qualitätssicherung des Lerncoachs liegen beim Entlastungsdienst.

Vorhandene Kompetenzen sichtbar machen

Die Nutzung der personalisierten Variante beginnt mit einer Kompetenzanalyse. Die Betreuungsperson durchläuft fiktive Alltagssituationen und entscheidet, wie sie handeln würde. Ihre Antworten beeinflussen den weiteren Verlauf. Sie kann frei schreiben, die Spracheingabe nutzen oder aus drei vorgegebenen Möglichkeiten auswählen. So entsteht ein persönliches Kompetenzprofil. Es zeigt Stärken und möglichen Entwicklungsbedarf. Die Einschätzung orientiert sich an definierten Kriterien und wird mit einer kurzen Rückmeldung erläutert. Nach Abschluss aller Kompetenzbereiche dokumentiert ein ausdruckbares PDF diese Standortbestimmung. Es ist kein formaler Berufsabschluss und ersetzt keine fachliche Beurteilung in der Praxis. Auf dieser Grundlage erstellt Vireo einen individuellen Lernpfad. Kurze Theorieeinheiten vermitteln Grundlagen, die anschliessend in einem Quiz oder Rollenspiel angewendet werden. Die Lerneinheiten können auf dem Smartphone bearbeitet werden. Das Gelernte lässt sich beim nächsten Betreuungseinsatz erproben und reflektieren.

Situationen aus dem Alltag reflektieren

Betreuungspersonen begegnen anspruchsvollen Situationen. Nicht immer steht sofort eine Fachperson für den Austausch zur Verfügung. Im Reflexionsassistenten können sie solche Erfahrungen schildern. Er stellt Fragen und hilft, das eigene Handeln zu hinterfragen. Lehnt eine begleitete Person etwa eine gemeinsame Aktivität ab, lässt sich reflektieren, wie ihre Selbstbestimmung gewahrt und ihr dennoch Teilhabe ermöglicht werden kann. Der Assistent gibt Impulse für Handlungsoptionen. Er ersetzt weder Fachpersonen noch Supervision oder Fallbesprechungen. Bei Hinweisen auf Grenzverletzungen verweist er an eine zuständige Fachperson. Die Verantwortung für die Beurteilung und das weitere Vorgehen bleibt bei den Menschen und der Organisation. LLMify hat die technische Lösung gemeinsam mit dem Entlastungsdienst entwickelt. Die künstliche Intelligenz reagiert auf Antworten, stellt Rückfragen und passt Lernwege an. Fachlich definierte Kompetenzen, Praxissituationen und Lerninhalte geben den Rahmen vor. Die Ergebnisse der Kompetenzanalyse fliessen direkt in den persönlichen Lernpfad ein. Diese Verbindung von Standortbestimmung, Lernen und Reflexion macht den Kern von Vireo aus und unterscheidet sich zu einem frei zugänglichen KI Chatbot. «Die Technologie ist nicht Ausgangspunkt des Angebots, sondern ein Werkzeug, um die fachlichen Inhalte zugänglich zu vermitteln», sagt Projektleiterin Silvia Kreutz vom Entlastungsdienst.

Umgang mit sensiblen Daten

Kompetenzanalyse und Lernpfad arbeiten mit fiktiven Situationen. Ihre Gespräche und Ergebnisse werden gespeichert, um Lernfortschritte zu erhalten. Reflexionsgespräche über reale Situationen speichert Vireo selber nicht; sie bleiben auf dem Gerät bis zum Schliessen der Sitzung. Eine Ausnahme betrifft die Sicherheitsprüfung von Microsoft: Dabei auffällige Inhalte können bis zu 30 Tage in der EU aufbewahrt werden. Nutzerinnen und Nutzer werden aufgefordert, keine identifizierenden Angaben zu betreuten Personen einzugeben. In der beim Entlastungsdienst eingesetzten Lösung werden Daten in der EU und der Schweiz verarbeitet und nicht für das Training von KI-Modellen verwendet. Die Geschäftsstelle sieht Kompetenzwerte nur mit ausdrücklicher, widerrufbarer Einwilligung. Sie hat keinen Zugriff auf Gesprächsinhalte. Vireo wurde mit Betreuungspersonen und Fachpersonen entwickelt. Ihre Rückmeldungen flossen direkt in die Weiterentwicklung ein. Der Entlastungsdienst Kanton Bern setzte die Pilotierung um und nutzt Vireo inzwischen beim Eintritt neuer Betreuungspersonen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen eine gute Akzeptanz der Kompetenzanalyse und der verwendeten Praxissituationen. Rückfragen oder Unsicherheiten zur Bedienung gab es in dieser Pilotgruppe keine. Diese ersten Erfahrungen zeigen, dass Vireo verständlich und praxisnah ist. Aussagen über die langfristige Wirkung lassen sich daraus noch nicht ableiten. Der weitere Einsatz soll deshalb zeigen, welche Elemente sich bewähren und wo Anpassungen nötig sind.

Vireo in der eigenen Organisation einsetzen

Profitieren sollen letztlich die Menschen mit Unterstützungsbedarf. Vireo soll Betreuungspersonen darin stärken, Selbstbestimmung und soziale Teilhabe im Alltag zu ermöglichen. Fachlich fundiertes Lernen bleibt dabei mit persönlicher Begleitung und dem Austausch im Team verbunden. Die Technologie ersetzt die zwischenmenschliche Beziehung nicht, sondern unterstützt gezielt die Menschen, die Betreuung leisten. Vireo steht auch anderen Organisationen zur Verfügung. Es unterstützt eine gezielte Einarbeitung und Weiterbildung, insbesondere von Mitarbeitenden ohne formalen Abschluss im Sozialbereich. Kompetenzmodelle, Praxissituationen und Lerninhalte können an Zielgruppen und Einsatzbereiche angepasst werden. Die Lernlogik bleibt bestehen. Das schafft Anknüpfungspunkte für Organisationen in der Alters- und Behindertenarbeit sowie für ambulante und institutionelle Angebote. Interessierte Organisationen können ein unverbindliches Gespräch zu Einsatzmöglichkeiten, Einführung und Konditionen anfragen: kontakt@vireo-empower.ch.

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