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Magazin ARTISET

ANGEHÖRIGE | «Es fehlt oft ein ­gezieltes Konzept»

Urs Tremp

Was ist gute Angehörigenarbeit in der stationären Betreuung und Pflege von älteren Menschen? Barbara Baumeister und Rahel Strohmeier von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften haben darüber geforscht – und Defizite ausgemacht.

Frau Baumeister, Frau ­Strohmeier: Wird in den Pflegeheimen und ­Altersinstitutionen der Angehörigenarbeit zu wenig Bedeutung zugemessen?

Barbara Baumeister: So allgemein kann man dies nicht sagen. Aber es hat sich gezeigt – wie schon in einer früheren Studie, in der wir die Beschwerden der unabhängigen Beschwerdestelle für den stationären Bereich ausgewertet haben –, dass viele Beschwerden in den Alters- und Pflegeheimen auf einen ungenügenden Angehörigenkontakt zurückzuführen sind – oder auf einen nicht gelingenden Angehörigenkontakt. Also haben wir uns gefragt: Wie arbeiten die Institutionen eigentlich mit den Angehörigen zusammen? Die Angehörigen sind ja doch wichtige Vertreterinnen und Vertreter der zu betreuenden Person, insbesondere dann, wenn bei dieser Person die Krankheit oder die Pflegebedürftigkeit so fortgeschritten sind, dass sie wirklich eine anwaltschaftliche Stimme braucht. Da haben wir festgestellt, dass die Zusammenarbeit mit den Angehörigen ganz zentral ist für das Gelingen einer guten Betreuung.

Wenn diese Zusammenarbeit derart zentral ist, warum funktioniert sie in vielen Institutionen nicht richtig?

Rahel Strohmeier: Es ist ja nicht so, dass sie überhaupt nicht funktioniert. Unsere Befragung im Kanton Zürich hat indes gezeigt, dass es noch ein grosses Potenzial gibt. Es gibt in vielen Heimen und Institutionen Ansätze für eine Angehörigenarbeit, aber es fehlt oft ein gezieltes Konzept. Von 50 von uns befragten Institutionen haben nur 20 ein solches Konzept. Das zeigt doch, dass die Angehörigenarbeit in vielen Heimen nicht verankert ist. Allerdings haben sich die leitenden Verantwortlichen in den Heimen grundsätzlich positiv geäussert zu einer vertieften Angehörigenarbeit.

Wenn es den Heimen und Institutionen doch grundsätzlich ­wichtig ist – noch einmal: Warum fehlt es in vielen Heimen an ­Konzepten und einer verbindlichen Angehörigenarbeit?

Baumeister: So genau können wir das nicht sagen. Vielleicht fehlen diesen Institutionen Modelle, an denen sie sich orientieren können. Die Angehörigenarbeit ist in diesen Institutionen nicht eingebunden in die Abläufe des Betriebs. Sie passiert irgendwo und ­irgendwann zwischen Tür und Angel. So fallen die Dinge – etwa die notwendige Kommunikation – einfach unter den Tisch. Wir stellten fest, dass eine ­Systematik und das Bewusstsein für die Angehörigenarbeit viel breiter abgestützt sein müssten bei den verschiedenen Berufsgruppen. Dies scheint in vielen Institutionen nicht selbstverständlich zu sein.

Was kann man tun, damit dieses Bewusstsein entsteht?

Strohmeier: Eine Möglichkeit ist, dass die Institutionen sich an Organisationen orientieren, in denen sich die Angehörigenarbeit bereits etabliert hat. Im Sinne von Good Practices können diese Institutionen ihre Konzepte verbreiten und so andere Institutionen inspirieren. Aber es braucht in den Institutionen sicher auch eine grundsätzlichere Diskussion: Was ist genau die Rolle der Angehörigen im Rahmen der guten Betreuung in stationären Alters­einrichtungen? Da stehen wir noch ziemlich am Anfang der Debatte.

In Ihrer Untersuchung schreiben Sie, die Angehörigenarbeit sei eine Herausforderung – für wen vor allem?

Baumeister: Es ist eine herausfordernde Arbeit, die auf verschiedenen Ebenen in den Institutionen umgesetzt werden müsste: Wer ist verantwortlich für den Kontakt mit den Angehörigen? Wo können Beschwerden eingereicht werden? Wie wird mit Beschwerden umgegangen? Das geht nicht nur das Pflegepersonal etwas an. Im Alltag der betreuten Personen gibt es ja auch die Hotellerie, es gibt das Café, es gibt die Mitarbeitenden in der Aktivierung und so weiter... Es gibt ganz viele Möglichkeiten, wie das Bewusstsein für die Kontaktpflege mit den Angehörigen gefördert werden könnte. D e n Angehörigen oder die Angehörige an sich gibt es ja nicht, darum muss man die Bedürfnisse jedes und jeder Einzelnen erfassen.

Was soll man ganz konkret unternehmen, um dieses Bewusstsein zu erreichen?

Strohmeier: Wir haben in unserer Untersuchung gesehen, dass es eine gewisse Diskrepanz gibt zwischen dem Management und den Mitarbeitenden in Institutionen. Die Leitenden haben sich zwar überwiegend positiv zur Angehörigenarbeit ausgesprochen und sind mehrheitlich der Meinung, dass die Angehörigen eine wichtige Ressource für die Bewohnerinnen und Bewohner sind und dass es sich lohnt, in diese Ressource zu investieren. Auf der Seite der Mitarbeitenden haben wir dann aber doch gesehen, dass es sehr unterschiedliche Einstellungen und Haltungen zur Rolle der Angehörigen in der Betreuung gibt – auch innerhalb von Institutionen. Da fehlt es an einer umfassenderen, systematischeren, gemeinsamen Herangehensweise.

Die Mitarbeitenden aber wären doch sehr wichtig für eine funk­tionierende Angehörigenarbeit.

Strohmeier: Tatsächlich. Um das geht es, dass man innerhalb der Institution gemeinsam – also idealerweise mit den Angehörigen zusammen – schaut: Wo stehen wir in der Angehörigenarbeit? Und zu einer gemeinsamen Einschätzung gelangt, was gut läuft und wo es allenfalls noch Entwicklungspotenzial gäbe. Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse der Angehörigen ernst zu nehmen, sie abzuholen, sich mit ihren Erwartungen auseinanderzusetzen. Dafür braucht es einen regelmässigen Austausch mit den Angehörigen.

Welche Angebote müssen die Institutionen den Angehörigen machen, damit die Angehörigen­arbeit gut funktioniert?

Baumeister: Es gibt kein Müssen. Das ist individuell und hängt auch von der Institution ab. Es gibt kleine, familiäre Institutionen und grössere Einrichtungen. Entsprechend sollten die Konzepte der Angehörigenarbeit angepasst sein. Es gibt allenfalls Empfehlungen und Möglichkeiten, die man abgeben kann. Wie erwähnt, gibt es Erfahrungen im Sinn von Best Practices, an denen man sich orientieren kann. Was sicher notwendig ist, dass geklärt wird: Wie gehen wir mit Beschwerden um, wie mit Konflikten? Und wie signalisieren wir, dass wir bestimmte Fragen gelöst haben? Man muss für eine gute Angehörigenarbeit ein Vertrauen aufbauen. Es gibt viele Wege, wie dieses Vertrauen aufgebaut werden kann.

Kann man benennen, mit welchen Beschwerden die Institutionen immer wieder konfrontiert sind?

Baumeister: Relativ oft beschweren sich Angehörige über eine ungenügende Kommunikation.

Wie kann man die Kommunika­tion verbessern? Gibt es auch eine Holschuld der Angehörigen?

Baumeister: Da sind die Haltungen unterschiedlich. Natürlich sagen die Institutionen, die Angehörigen könnten jederzeit mit Fragen kommen. Aber wenn die Angehörigen nicht wissen, mit was sie sich an wen wenden müssen, wenn etwa die übliche Kontaktperson nicht erreichbar ist, dann ist die Kommunikation bereits verunmöglicht. Es gibt also auch eine Bringschuld. Dass man von der Institution aus die Angehörigen informiert, damit diese wissen, was im Alltag läuft, wie ihre Angehörigen den Tag verbringen. Eine gute Kommunikation ist wichtig für die Vertrauensbildung.

Strohmeier: Nachdenklich gestimmt hat uns bei unserer Studie, dass es Angehörige gibt, die sich nicht trauen, Kritik zu äussern, weil sie fürchten, dass dies negative Auswirkungen haben könnte für die Bewohnerin oder den Bewohner in der Institution.

Ist es sinnvoll, die Kommunika­tion mit den Angehörigen irgendwie zu institutionalisieren – etwa mit Sprechstunden oder Informationsabenden?

Strohmeier: Das sind Möglichkeiten. Es gibt weitere: Angehörigenanlässe mit den Bewohnerinnen und Bewohnern zusammen. Aber auch Anlässe nur für die Angehörigen. Wir haben allerdings auch gesehen, dass es Angehörige gibt, die zwar informiert sein möchten, aber nicht zu stark eingebunden werden wollen in den Betreuungsalltag. Da war ein Abgrenzungs- und weiterer Entlastungsbedarf spürbar – was verständlich ist angesichts des Umstandes, dass ein Heimeintritt in der Regel so weit hinausgeschoben wird, bis es zu Hause wirklich nicht mehr geht und die Angehörigen ihre Belastungsgrenzen häufig bereits mehrfach überschritten haben. Sie möchten dann nicht immer herbeigerufen werden, wenn Institutionen in der Betreuung ihrer Familienmitglieder rasch an ihre Grenzen kommen.

Was schlagen Sie den Institutionen vor, welche die Angehörigenarbeit nun auf stabile Füsse stellen möchten?

Baumeister: Wir schlagen nicht einen Weg vor. Aber es kann zum Beispiel mit einer Bedürfnis- und Zufriedenheitserhebung bei den Angehörigen beginnen. So kann man schon einmal herausfinden, wo es hapert in der Institution. Oder es kann in einer Retraite geklärt werden, was man überhaupt unter Angehörigen versteht. Was sind sie für uns? Warum sind sie uns wichtig? Wo sind die Grenzen? Dass man sich klar wird über die Bedeutung der Angehörigen für die Institution. Dann kann man sich überlegen, wie man auf welchen Ebenen ansetzen will. Wir haben gesehen, dass Institutionen, die sich damit auseinandergesetzt haben, schliesslich Leitfäden für die Angehörigenkontakte entwickelt haben. So kommt man zu Instrumenten, die zur Institution passen und auch angewendet werden können.

Das Forschungsprojekt

«Gute Angehörigenarbeit in der stationären Betreuung und Pflege von älteren Menschen»: So lautet der Titel des Forschungsprojekts, das von der ZHAW, Departement Soziale Arbeit, von 2019 bis 2022 dank der Unter­stützung der Paul Schiller Stiftung durchgeführt werden konnte. Erarbeitet wurde das Projekt von Barbara ­Baumeister, Rahel Strohmeier und ­Kushtrim Adili. Der Forschungsbericht wurde im Januar 2023 publiziert.