SOZIALE TEILHABE | Wie Institutionen das Quartierleben mitgestalten
Auf dem Areal der Acherhof Stiftung in der Gemeinde Schwyz ist in den letzten Jahren ein Dorfquartier für alle Generationen entstanden. Und im aargauischen Bremgarten holt die St. Josef-Stiftung Menschen aus der Umgebung zu sich auf das Gelände. Den Verantwortlichen gelingt es auf diese Weise, unkomplizierte und wirksame Begegnungen im Alltag zu ermöglichen.
Kaum lässt man den historischen Kern der Gemeinde Schwyz mit Kirche und Rathaus hinter sich und fährt weiter in südöstlicher Richtung, liegt rechts der Acherhof. Ein grosses Areal mit mehreren modernen Bauten, einem Spielplatz, einer Piazza und Grünflächen. Ins Auge sticht ein historisches Gebäude, das Haus Acher, das ursprünglich allein auf dem riesigen, von einer Mauer umgebenen Gelände stand; eine der zahlreichen herrschaftlichen Hofstätten, die einen Kranz rund um den Dorfkern von Schwyz bilden.
Integration geschieht gleichsam automatisch
In den 30er-Jahren hatte ein Kapuzinerpater das Areal erworben und das Haus Acher zu einem Altersheim umfunktioniert. In den letzten Jahren ist auf dem rund 24 000 Quadratmeter grossen Gelände ein offenes Quartier entstanden, ein «Dorfquartier für alle Generationen», wie es auf der Website der gemeinnützigen Stiftung Acherhof heisst.
Im Alterszentrum Acherhof leben 120 Bewohnende, die rund 200 Mitarbeitenden sind in Pflege und Betreuung tätig, aber auch im öffentlichen Restaurant «zum Acher». Dieses wird vom Alterszentrum betrieben und hat sich zu einem beliebten Treffpunkt des Quartiers und auch für Schwyzer Vereine entwickelt. Im historischen Haus Acher ist die Privatschule Hofstatt untergebracht, eine Tagesschule für 60 Kinder und Jugendliche, vom Kita-Alter bis Ende der obligatorischen Schulzeit. Für Menschen ab 60 Jahren bietet die Stiftung in mehreren Häusern Wohnungen mit Dienstleistungen an, weiter gehören zum «Dorfquartier für alle Generationen» auch rund 40 Wohnungen für Familien.
Entstanden ist die Idee des Mehrgenerationenquartiers im Jahr 2012: Um die Finanzierung des Alterszentrums nachhaltig zu sichern, plante die Stiftung Acherhof zunächst ein Wohnen mit Dienstleistungen für Seniorinnen und Senioren. Die Verantwortlichen wollten es aber nicht dabei bewenden lassen. Das grosse Areal an zentraler Lage sollte zu einem Ort werden, wo Menschen unterschiedlichen Alters gemeinsam leben und sich ein normales Quartierleben entwickelt. «Auf diese Weise kann Integration gleichsam automatisch geschehen», sagt Lukas Gisler. Er ist seit 2018 Leiter des Alterszentrums und prägt auch die Entwicklung des Quartiers massgeblich mit.
Die Menschen in Bezug zueinander bringen
Dank einem Investor entstanden innert kurzer Zeit, von 2017 bis 2019, die neuen Gebäude; total saniert und erweitert wurde auch das Gebäude des Alterszentrums aus den 70er-Jahren. Die Wohnungen waren schnell vergeben, 2020 mietete sich die private Tagesschule im Haus Acher ein. Gisler: «Als diese Phase abgeschlossen war, ging es darum, wie wir all die Inseln im Sinne des Mehrgenerationenwohnens zusammenbringen.» Eingerichtet wurde zu diesem Zweck ein Quartierbüro, das in der Anfangszeit von der Age-Stiftung und der Cornelius Knüpffer Stiftung finanziert wurde. Eine der ersten Aktionen war eine Quartierzeitung, die zunächst wöchentlich und jetzt monatlich in alle Quartierbriefkästen flattert.
Das Quartierbüro nimmt vor allem Anliegen der Bewohnenden, der Mieterinnen und Mieter oder der Schule auf und prüft, wie man diesen gerecht werden kann. Gisler: «Als Stiftung, die ein Alterszentrum betreibt, ist es nicht unsere primäre Aufgabe, das Quartier zu bespielen, wir sind aber sehr aufmerksam, wenn wir sehen, dass ein Bedürfnis besteht.» Im öffentlichen Restaurant «zum Acher» gibt es jetzt etwa während des Winters einen Mittagstisch für Menschen aus den Wohnungen mit Dienstleistungen, die nicht allein essen wollen.
«Wir verstehen uns als Ermöglicher», unterstreicht Gisler. «Die Idee besteht darin, dass Bewohnerinnen und Bewohner, Mietende oder die Schule ein Projekt an die Hand nehmen, und die anderen beteiligen sich daran.» Vor allem auf Initiative der Schule geht etwa die Idee eines Gartens zurück, der von Jahr zu Jahr grösser wird und auch von Mieterinnen und Mieter des Wohnens 60+ bepflanzt wird. Auf verschiebbaren Hochbeeten gärtnern zudem Bewohnerinnen und Bewohner des Alterszentrums mit. Ab diesem Frühling können Seniorinnen und Senioren Seite an Seite mit Schülerinnen und Schülern im erweiterten Werkatelier der Schule ihre Kreativität ausleben. Bewohnende des Alterszentrums sowie die Schülerschaft haben letztes Jahr einen Entdeckerweg zum Thema der fünf Sinne rund um das Acherhof-Gelände konzipiert, derzeit denken sie sich ein neues Thema aus.
Aufeinander Rücksicht nehmen lernen
Der Entdeckerweg ist einer von vielen Themenwegen in Schwyz und Umgebung und richtet sich neben den Quartierbewohnenden an das ganze Dorf. Gisler: «Wir schotten uns nicht ab, sondern sind als Quartier ein Teil von Schwyz.» Das zeigt sich auch immer an der alljährlich vor den Herbstferien stattfindenden Chilbi auf dem Acherhof, die vierte und jüngste Schwyzer Chilbi. Das Alterszentrum ist für die leiblichen Genüsse und die musikalische Unterhaltung zuständig, während die Schule alle möglichen Spiele und weitere Attraktionen organisiert. «Mehrere 100 Menschen kommen dann hier bei uns zusammen.»
Über die Jahre hinweg sind auf diese Weise Verbindungen zwischen den «Inseln» entstanden – vor allem zwischen dem Alterszentrum, der Schule und den Mieterinnen und Mietern der Wohnungen 60+. Dabei komme es auch zu Interessenskonflikten, etwa wenn Kinder mit ihren Velos herumsausen. «Es ist wichtig, die wechselseitigen Bedürfnisse zu erkennen und miteinander ins Gespräch zu kommen.» Wie in jedem Quartier eben.
St. Josef-Stiftung: Ein Teil von Bremgarten West
Ähnlich wie der Acherhof nützt die St. Josef-Stiftung im aargauischen Bremgarten ihr grosses Gelände direkt an der Reuss, um Beziehungen zu ermöglichen; zwischen den rund 200 Menschen mit Behinderungen aller Altersstufen sowie der Bevölkerung von Bremgarten West – und darüber hinaus. Die Institution, die auf dem Areal eines ehemaligen Kapuzinerklosters ennet der Reuss domiziliert ist, war über lange Zeit abgeschottet vom Städtchen. In den letzten Jahrzehnten entstand im direkten Umfeld ein Stadtteil. Parallel dazu hat die Stiftung ihr eigenes Angebot mit der Umgebung verwoben. Zum Angebot der Stiftung gehören dabei Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten für erwachsene Menschen mit Behinderung, eine Heilpädagogische Schule (HPS) mit Internat, ambulante Kinderangebote sowie zahlreiche Therapiemöglichkeiten.
«Unsere Klientinnen und Klienten haben stark einschränkende Behinderungen und können ohne Begleitung nicht ins Städtchen fahren, deshalb holen wir die Menschen zu uns», sagt Mirjam Hegenbarth, Leiterin Kommunikation und Marketing. Als «Herzstück der Begegnung» bezeichnet sie das neu renovierte Haus Allegra und das sich darin befindende Restaurant Jojo. Im Jahr 2003 eröffnet, steht das JoJo 365 Tage im Jahr Menschen innerhalb und ausserhalb der Stiftung offen. Hier essen zum Beispiel immer wieder Schulklassen der HPS, aber auch Familien und Senioren sowie Mitarbeitende umliegender Firmen und der Stiftung. Eine Spielecke lädt Familien zum Verweilen ein.
Im Haus Allegra ist ein vielfältiges Angebot untergebracht. Dies bedeutet, dass sich Menschen mit und ohne Behinderung gleichsam automatisch begegnen: Es gibt eine Physio- und Ergotherapie, die auch Menschen aus der Stadt nutzen können. Untergebracht ist hier ein Teil der HPS für Kinder und Jugendliche mit sehr hohem Unterstützungsbedarf. Es gibt eine Wohngruppe für Erwachsene mit Behinderung und eine Abteilung Arbeit und Erleben, die der Klientel, ganz gemäss dem Normalisierungsprinzip, alltägliche Beschäftigungen, Aktivierungen und Erlebnisse bietet. In zwei oberen Stockwerken werden kleinere Wohnungen regulär vermietet, vor allem an ältere Menschen, und ganz oben gibt es Seminarräume für Firmen.
Unkomplizierte Begegnung im Alltag
Nicht nur innerhalb des Gebäudes begegnen sich Menschen, sondern auch auf dem grossen Gelände: Die ehemalige Klosterkirche ist ein beliebter Veranstaltungsort für das ganze Freiamt. In einer Liegenschaft ist eine reguläre Primarschule untergebracht. Einen Treffpunkt für Familien bilden drei über das Gelände verteilte Spielplätze sowie ein Tierpark. Letzterer ist vor allem aus therapeutischen Gründen angelegt worden, heute treffen hier Klientinnen und Klienten sowie Familien aufeinander.
«Das Zusammenleben der Menschen wird durch vielfältige Begegnungen ganz normal und alltäglich werden», sagt Mirjam Hegenbarth. Gemeinsame Projekte, zum Beispiel im Tierpark oder zwischen der Sonder- und der Regelschule, sind – noch – eher selten. Im Sommer soll jetzt aber etwa ein gemeinsamer Pausenplatz eröffnet werden, der einen weiteren Raum für Inklusion schafft.
Soziale Teilhabe für alle. Das Zusammenleben gestalten
Der Artikel erschien in dieser Ausgabe: Magazin ARTISET | 3/2026