Immer wieder neue Ideen seit mehr als drei Jahrzehnten

24.07.2024 Claudia Weiss

Seit fast 35 Jahren leiten Beat und Susanne Hirschi das Alterszentrum Jurablick in Niederbipp BE. «Wir sind wohl derzeit ­eines der langjährigsten Heimleiterpaare der Schweiz», vermutet Beat Hirschi. Und: Sie sind der Zeit immer ein Stück voraus. Ihr Zentrum haben sie längst nach den Bedürfnissen der Babyboomer ausgerichtet, die selbstbestimmt alt werden wollen.

Konzentriert schaut Lina Arn auf den grossen Bildschirm an der Wand vor ihr. Auf dem Display flitzt ein gezeichneter Marienkäfer zwischen zwei Reihen von Sonnenblumen hindurch. Diesen kann sie steuern, indem sie mit dem Fuss auf einen der vier Pfeile tippt: Tippen rechts, tippen hinten, ja, sie hat die Sternblume erwischt, ein Extrapunkt, tippen rechts, tippen links, und flink ist sie dem Kaktus ausgewichen.

Die muntere alte Dame strahlt, sie hat sichtlich Spass am «Kogni-Training», dem motorisch-kognitiven Training, das im Alterszentrum Jurablick in Niederbipp seit ein paar Jahren zu den fixen Angeboten der Aktivierung zählt. Zwei- bis dreimal pro Woche steht sie auf dem «Dividat Senso»-Gerät, das extra für alte Menschen entwickelt wurde, und tippt wie beim Spiel «Ladybug» energisch mit dem Fuss auf die entsprechenden Tasten am Boden. Dabei sieht man ihr die 93 Jahre kein bisschen an. «Dieses Training gefällt mir sehr», erzählt Lina Arn munter. «Es hält mein Hirn fit!» Oft herrscht ein regelrechter Andrang vor dem Gerät, bis zu fünf Leute warten manchmal in den gemütlichen Sesseln, bis sie an die Reihe kommen.

Ein breitgefächertes Angebot

Anregung, körperliche und mentale Fitness und abwechslungsreiche Aktivitäten – diese Elemente hat Geschäftsführer Beat Hirschi schon lange in das Angebot des Alterszentrums Jurablick eingebaut. «Heute ist es keine Challenge mehr, 90 Jahre alt und älter zu werden», erklärt er. Die Babyboomer, die nicht nur sehr alt werden, sondern sehr fit bleiben wollen, stünden in den Startlöchern. Und, das spürt er schon länger, diese Bewohnerinnen und Bewohner wollen vital und selbstbestimmt am Leben teilhaben: «Sie haben klare Anforderungen, und die alte Heimmentalität zieht nicht mehr.»

Genau eine solch zentrale Lage sei heute sehr gesucht, sagt Hirschi zufrieden: «Hier findet das Leben statt!»

Das bedeutet für ihn vor allem, dass diese Bewohnenden nicht mehr damit zufrieden sind, abseits in einem Haus im Nirgendwo Zeit abzusitzen und sich zu langweilen. «Nein, sie wollen bei den Leuten sein.» Die Häusergruppe des Alterszentrums Jurablick bietet genau das: Das Zentrum mit den 80 Pflegeplätzen, 60 Alterswohnungen und einer Tagesstätte mit 15 Plätzen zur Entlastung von pflegenden Angehörigen liegt fünf Gehminuten vom Bahnhof Niederbipp. Unterwegs kommt man an einem Coop und einer Migros vorbei, an einer Bäckerei, der Post und einem Restaurant – man könnte sagen, der Jurablick liegt sozusagen im Herzen des Dorfs. Genau eine solch zentrale Lage sei heute sehr gesucht, sagt Hirschi zufrieden: «Hier findet das Leben statt!»

Sich verändernden Bedürfnissen anpassen

Beat und Susanne Hirschi, 62- und 61-jährig, amten seit fast 35 Jahren als Geschäftsführer im Jurablick. «Wir sind wohl eines der langjährigsten Geschäftsführerpaare», vermutet Beat Hirschi mit einem Lächeln. Gemeinsam übernahmen die Psychiatriepflegefachfrau und der Psychiatriepflegefachmann 1989 das Alterszentrum, und bei allen Neuerungen überlegten sie, wie sie selbst dereinst im Alter gerne leben würden. Dadurch entwickelten sie laufend neue Ideen und wurden damit vielleicht tatsächlich zum ältesten, aber zugleich zum sehr modernen Heimleiterpaar. Susanne Hirschi, die anfangs noch gedacht hatte, sie würde in der Alterspflege mit anpacken, kümmerte sich dann vor allem im Hintergrund um ihre zwei Kinder und um die Administration. Und sie hielt ihrem Mann den Rücken frei, damit er Visionen und innovative Ideen entwickeln konnte. Schon lange, bevor die Vision Wohnen in Alter von CURAVIVA ein Thema wurde, war für Hirschi klar: «Babyboomer wollen nicht in ein Altersheim.»

Aber sie wollen so wohnen, dass alles in ihrer Nähe, gut erreichbar und barrierefrei ist und dass sie bis zuletzt selbstständig in ihrer Wohnung bleiben können. Und Anschluss an das Leben im Dorf haben. Vor ein paar Jahren hat Beat Hirschi deshalb im neuen Anbau des Alterszentrums Jurablick auf 500 Quadratmetern ein Fitnesscenter eingerichtet. In diesem können Bewohnerinnen und Bewohner, aber auch Mitarbeitende und Leute aus dem Dorf trainieren. Hirschi führt durch den Raum und plaudert kurz mit dem Leiter des Centers. Der älteste Benutzer des Fitnesscenters ist 99 Jahre alt, ab 15 Jahren werden Junge zugelassen. Hirschi freut sich: «Theoretisch können sich in diesem Raum vier Generationen treffen», sagt er, und schmunzelt: «Hier können Enkel neben ihren Grosseltern trainieren.» Sowohl den Externen wie den Bewohnenden stehen fünf Physiotherapeutinnen und -therapeuten zur Verfügung, ausserdem beherbergt das Zentrum eine Arztpraxis und die Spitex Oberaargau Land.

Wohnungen für die Babyboomer

Beat Hirschi zeigt durch das Fenster auf die alte Scheune hinter dem Hauptgebäude, die zum Grundstück gehört. Sie ist denkmalgeschützt, aber sollte er die Genehmigung bekommen, sie dennoch abzureissen, möchte er dort eine Reha-Abteilung einrichten, in der sich Menschen nach einem Unfall zwischen Spital und Zuhause erholen könnten. Daneben, er sieht es schon vor sich, könnte sich eine Apotheke einmieten und eine Abteilung für Akut- und Übergangspflege. Und er könnte zusätzliche Alterswohnungen bauen. «Ein Riesenbedürfnis.»

Beat Hirschi klingelt bei Heinz Flückiger, 83 Jahre alt. Flückiger, ehemaliger Spitaldirektor, hat sich bereit erklärt, die 312-Zimmer-Alterswohnung zu zeigen, in der er mit seiner Frau Nelly seit drei Jahren wohnt. Er führt durch die elegant eingerichtete Wohnung, die Räume sind hell, grosszügig, mit einem Balkon über die ganze Länge, einem abgetrennten Wintergarten und eingebautem Reduit mit Wäscheturm – eine rollstuhlgängige und pflegeleichte, aber ausgesprochen attraktive Wohnung. Und mit 1700 Franken Mietzins gut zahlbar – inklusive Fitnessabo, Veranstaltungen und wöchentliche Ausflüge. «Da werden auch die Babyboomer kommen», ist Hirschi überzeugt. Sämtliche Zusatzdienste wie Mahlzeiten, Putz- und Pflegeleistungen hingegen sind im Jurablick separat buchbar: Hirschi will niemandem eine Leistung aufdrängen.

Viele Bewohnende sind auffallend fit

Und doch funktioniert auch der Pflegebereich einwandfrei. Das hat Heinz Flückiger bereits unfreiwillig getestet: «Ich habe per Irrtum auf den Notfallknopf gedrückt», erzählt er. Und: «Es dauerte knapp zwei Minuten, bis zu meinem Erstaunen eine Pflegefachfrau vor der Tür stand.» Soeben kommt seine Frau Nelly vom Fitnesstraining zurück. Nach dem Duschen wird sie gemeinsam mit ihrem Mann in der modernen Küche ein Mittagessen vorbereiten, wie sie es in jeder eigenen Wohnung machen würden. Und manchmal fahren die beiden in die Ferien ins Tessin: keine Spur von Abwarten im Altersheim. Geschäftsführer Beat Hirschi nickt. Genau so kann er sich sein Leben im Alter auch vorstellen. «Das wird die Zukunft sein», erklärt er. Und die Nachfrage gibt ihm recht: Er hat eine Liste mit 88 Anmeldungen für die Wohnungen, 30 möchten am liebsten sofort einziehen. Für die Pflegebetten in Zentrum, figurieren derzeit 400 Personen auf der Warteliste.

Er ist überzeugt, dass es Angebote wie das «Kogni-Training» oder der Fitnessraum sind, die mithelfen, dass so viele Hochaltrige so gut in Form sind

Beat Hirschi führt zur Eingangshalle, er ist sichtlich stolz auf das Alterszentrum, das er und seine Frau gemeinsam mit dem Vorstand und den Mitarbeitenden über all die Jahre entwickelt haben. Aus einem Haus mit anfänglich 42 Pflegebetten ist ein ganzes Zentrum geworden, das Anfangsteam von 18 Mitarbeitenden ist auf eine Truppe von 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angewachsen. Ob es ein Zufall ist: Aber sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner, die an diesem Tag im Training, auf den Gängen oder im Restaurant unterwegs sind, wirken auffallend vital. Viele von ihnen sind weit über 90, drei werden dieses Jahr gar 100 Jahre alt. Hirschi schmunzelt. Er ist überzeugt, dass es Angebote wie das «Kogni-Training» oder der Fitnessraum sind, die mithelfen, dass so viele Hochaltrige so gut in Form sind. Und die Offenheit des Alterszentrums, das mit den vielen Angeboten so lebendig ist, dass sogar Enkelkinder gerne zu Besuch kommen. Soeben setzen sich im hellen Speisesaal zwei Enkeltöchter zu einer der Bewohnerinnen an den Tisch. «Sie essen jede Woche hier mit ihrer Grossmutter zu Mittag», sagt Hirschi zufrieden.

«Das Leben hereingeholt»

Wenn im grossen Saal eine Veranstaltung stattfindet, begrüsst er immer viele Angehörige. Der Saal bietet sogar die Möglichkeit für Live-Übertragungen, damit alle, die bettlägerig oder krank sind, die Veranstaltungen in ihrem Zimmer mitverfolgen können. Für diese Einrichtung erhielt die Institution von der Age Stiftung 200 000 Franken. Hirschi nickt und fasst zusammen: «Wir haben das Leben hereingeholt.»

Inzwischen ist Brigitte Morone, die im Alterszentrum für das «Kogni-Training» und das Vitafit-Turnen zuständig ist, mit dem heutigen Programm fast durch. 19 verschiedene Spiele hält sie für die Bewohnenden im Sortiment bereit, «Arrows» und «Flexi» für exekutive Funktionen, oder «Cloudy» und «Lumina» für die Balance: Alle dürfen wählen, auf welche Spiele sie an diesem Tag Lust haben. «Nehmen wir ein Spiel neu ins Angebot auf, teste ich es jeweils zuerst selbst», erklärt sie. Dabei staunt sie immer wieder, wie flink die teils hochbetagten Bewohnerinnen und Bewohner sich dabei anstellen.

Bethli Bieri hat inzwischen geduldig gewartet, jetzt stellt sie sich bereit. «Ich mache am liebsten die Spiele, bei denen man so richtig denken muss», sagt die Bewohnerin dezidiert. Für sie hat Brigitte Morone «Arrows» vorbereitet. Bethli Bieri legt konzentriert los. Und auch sie wirkt trotz ihrer 94 Jahre so munter, dass man sich unwillkürlich fragt, ob es die Niederbipper Luft ist, die so fit hält? Oder das «Kogni-Training»? Oder vielleicht ist es das ganze Ensemble im Alterszentrum Niederbipp – jenem Ort voller Leben.
 


 

Foto: zvg